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Jeremy Corbyn : Großbritanniens gefährlichster Export

  • -Aktualisiert am

Polarisiert nicht nur in Großbritannien: Labour-Chef Jeremy Corbyn Bild: Reuters

Europas Linke begeht einen Fehler, wenn sie dem Führer der Labour Party folgen möchte. Ein Gastbeitrag.

          Es zeugt von der Kraftlosigkeit der europäischen Linken, dass Jeremy Corbyn dort als Retter gelten könnte. Und doch scheint eine wachsende Zahl verzweifelter Sozialdemokraten genau dies in dem stramm links orientierten Führer der britischen Labour Party zu sehen. Der Grund ist unschwer zu erkennen. Obwohl in der Opposition, ist Labour relativ stark im Vergleich zu fast allen anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa, wo die Linke sich in freiem Fall befindet und Mitte-Rechts-Parteien wie auch solche der äußersten Rechten den Ton angeben.

          Der Karriere-Hinterbänkler Corbyn, der nach langjähriger Vorbereitung vor drei Jahren an die Spitze der Labour Party gelangte, veranlasste Hunderttausende, in die Partei einzutreten und machte sie dadurch zur mitgliederstärksten Partei des Landes. Zwar verlor Labour im letzten Jahr die vorgezogenen Neuwahlen, aber Corbyn übertraf dennoch alle Erwartungen und bescherte der konservativen Premierministerin Theresa May ein denkbar knappes Ergebnis – eine schmachvolle Niederlage. Und wenn heute Parlamentswahlen stattfänden, würde die Labour Party angesichts der vom Brexit ausgelösten nationalen Unsicherheit und wegen der ständigen Dolchstöße bei den Torys den Sieg davontragen.

          Doch so attraktiv Corbyns Leistungen bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen mögen: Die gebeutelten Sozialdemokraten Europas sollten seinen vordergründigen politischen Erfolg trotzdem nicht nachzuahmen versuchen. Jeder Fortschrittliche mit einem sozialen Gewissen und einem Sinn für Geschichte – von dem Wunsch, Wahlen zu gewinnen, gar nicht zu reden – muss den Corbynismus rundheraus ablehnen.

          Extrem

          Corbyn war sein Leben lang skeptisch gegenüber Europa – was für europäische Fortschrittliche schon für sich allein ganz unmöglich sein sollte. Er stimmte 1975 gegen den Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und rührte 40 Jahre später kaum einen Finger in der Kampagne gegen den Brexit. Corbyn vertritt eine Schule linken Denkens, die in der EU eine kapitalistische Verschwörung am Werk sieht, die die Einführung des Sozialismus in einem Lande behindert. Vor allem aber ist Corbyns Erfolg in vielerlei Hinsicht ein glücklicher Zufall und verdankt sich zu großen Teilen der internen Politik der Labour Party sowie auch dem britischen Mehrheitswahlrecht.

          Ein Jahr vor der für 2015 angesetzten Wahl der Parteiführung ersetzte Labour ein Verfahren, das den Parlamentsabgeordneten, den Vertretern der Gewerkschaften und den zahlenden Mitgliedern das gleiche Gewicht verlieh, durch ein System, das allen Mitgliedern ein gleiches Stimmrecht gewährt. Zugleich wurde das Wahlrecht auf jeden ausgedehnt, der 3 Pfund zu zahlen bereit war, was zu zahlreichen Parteieintritten von Mitgliedern weiter links stehender Grüppchen führte, die Corbyn schon lange unterstützten. Das Ergebnis war ein erdrutschartiger Sieg für Corbyn.

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