26.06.2009 · Deutsche Entwicklungshelfer im Jemen fürchten, als Missionare verdächtigt zu werden. Denn die Bibelschülerinnen aus Brake, die hier in einem Krankenhaus arbeiteten, sollen missionarisch tätig gewesen sein.
Von Rainer Hermann und Reinhard BingenerDeutsche Entwicklungshelfer im Jemen fürchten, in Verdacht zu geraten, dass auch sie missionarisch tätig sein könnten. Denn zunehmend erhärtet sich die Vermutung, dass die drei ermordeten und die sechs anderen entführten Geiseln, die in einem Krankenhaus von Saada gearbeitet haben, auch missioniert haben.
Seit dreißig Jahren entsendet die in den Niederlanden registrierte Hilfsorganisation Worldwide Services junge Entwicklungshelfer an das Krankenhaus, nachdem die meisten zuvor an einer Bibelschule gewesen waren. Ohne Kenntnis des komplizierten Landes kämen sie an und nähmen naiv ihre Arbeit auf, heißt es im Land.
Wiederholt zum Verlassen aufgefordert
Kenner der Region Saada loben jedoch die soziale Arbeit der Entsandten von Worldwide Services ausdrücklich. Diese seien immer wieder vor den Gefahren in der Region gewarnt worden, die zu einem Rückzugsgebiet für Al Qaida wurde und wo ein Bürgerkrieg zwischen den Houthi-Rebellen und der Zentralregierung stattfindet.
Offenbar sind die als Entwicklungshelfer arbeitenden Missionare Opfer der komplexen Verhältnisse geworden: Die Drogenmafia, die Spaltung der Houthis, die Präsenz radikaler salafitischer Prediger und die traditionellen Stammesstrukturen komplizieren die Lage zusätzlich.
In der Vergangenheit seien die in Saada tätigen Deutschen wegen der sich abzeichnenden Gefahr wiederholt zum Verlassen der Stadt aufgefordert worden, auch von den Jemeniten selbst, zuletzt vor einigen Wochen, sagen Leute, die mit der Lage in der Stadt gut vertraut sind.
Warnungen in den Wind geschlagen
Sie hätten aber nicht auf die Warnungen gehört und den Kontakt zu anderen Deutschen im Jemen gemieden, denen sie etwa ein sündhaftes Leben vorgeworfen hätten. Die der Mission dienenden Gespräche seien vor allem mit jemenitischen Frauen geführt worden. Missionierung verstößt gegen jemenitische Stammestraditionen, gegen das geltende Recht des Landes und gegen die islamische Scharia.
Über die beiden erschossenen Missionsschülerinnen Anita G. und Rita S. ist wenig Konkretes zu erfahren. Sowohl die Bibelschule Brake, welche die jungen Frauen besuchten, als auch die Immanuelgemeinde in Wolfsburg, die freikirchliche Heimatgemeinde der beiden, haben ihre Außendarstellung im Internet mittlerweile auf ein Minimum zurückgefahren.
Nach Auskunft von Volker Hillebrenner, einem Assistenten an der Bibelschule Brake, war der Aufenthalt im Jemen als Praktikum Teil des drei Jahre dauernden Curriculums der Bibelschule. Hillebrenner legt Wert darauf, dass die Bibelschule kein Missionswerk sei und selbst keine Missionare aussende.
„Mission heißt, Menschen zu helfen“
Das Praktikum im Jemen hätten sich die beiden Frauen selbst organisiert und für die Verhaltensregeln während des Aufenthalts sei die niederländische Hilfsorganisation World Wide Services Foundation verantwortlich gewesen, die das Al-Dschumhuri-Krankenhaus in Saada unterstützt, in dem die beiden Frauen helfen sollten. Hillebrand beteuert allerdings, die beiden jungen Frauen hätten keinesfalls missionieren, sondern ausschließlich in dem Krankenhaus helfen sollen.
Doch darüber, wo das eine endet und das andere beginnt, gehen die Auffassungen auseinander: „Mission heißt die Sendung, Menschen zu helfen“, sagt etwa Detlef Blöcher, der Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen“ (AEM), dem auch die Bibelschule Brake angehört.
Beide Aspekte, Missionsarbeit und Hilfe, scheinen in den evangelikalen Einrichtungen kaum zu trennen zu sein. Vor wenigen Monaten soll einem der weiterhin verschleppten deutschen Mitarbeiter des Krankenhauses in Saada gedroht worden sein, weil er in einem Teehaus mit einem Muslim über Religion gesprochen haben soll. „Dass Christen das Evangelium anderen zugänglich machen, ist nicht verwerflich“, sagt Blöcher über solche Berichte. Religion sei in der muslimischen Welt im Gegensatz zur westlichen Welt ein natürliches Gesprächsthema.
Mission ist nicht gleich Mission
Dem pflichtet im Grundsatz auch Martin Schindehütte, der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), bei. „Dass man sich so verhalten darf, gehört zur Religionsfreiheit“, meint er und fordert, die Schuld an ihrem Tod nicht bei den beiden Bibelschülerinnen zu suchen. Selbst ein „offensives Missionsverständnis“ rechtfertige keine Ermordung. Allerdings, so wendet Bischof Schindehütte ein, sei „glühender Glaube qualitativ nicht hinreichend“, um in gefährlichen Gebieten zu arbeiten.
Er kritisiert auch die biblizistische Interpretation der Heiligen Schrift der Evangelikalen. Dass es auch außerhalb des Christentums Glauben geben könne, werde innerhalb dieser frömmigkeitlichen Strömungen kaum zugestanden - und das wirke sich auch auf deren Missionsarbeit aus. Der Auslandsbischof gibt allerdings zu, dass „auch wir da eine Erkenntnisgeschichte hinter uns haben“ - auch die Missionsbemühungen der etablierten evangelischen Kirchen hätten in der Vergangenheit Züge gehabt, die man heutzutage kritisch betrachte.
Dass Mission nicht gleich Mission ist, wird auch durch die Aufteilung der Missionswerke auf mehrere Dachverbände dokumentiert: Im Evangelischen Missionswerk in Deutschland (EMW) sind die Aktivitäten sowohl der großen Missionswerke der Landeskirchen, aber auch die Missionsarbeit kleinerer Gemeinschaften wie der Herrnhuter Brüdergemeine, der Methodisten oder von Mennoniten gebündelt.
Kontroverse über Missionsdefinition
Ein Fall wie den der beiden Bibelschülerinnen aus Brake wäre hier nach eigenen Angaben nicht möglich, weil das EWM ausschließlich in Zusammenarbeit mit Partnerkirchen wirke und selbst keine Pioniermission betreibe. Wo wie im Jemen keine Kirche existiere, dorthin reisten auch keine Missionare, heißt es aus dem EMW.
Eine Kontroverse über genau diese Frage führte vor vierzig Jahren zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEK), zu der auch die Bibelschule Brake gehört. Damals wurde die Forderung erhoben, zur Stärkung der Selbstständigkeit der Kirchen des Südens solle nicht länger eigenes Personal dorthin entsendet werden. Die evangelikalen Missionswerke fürchteten, solche Maßnahmen könnten zu einem Stillstand in der Missionsarbeit führen. Weil sich die im AEK versammelten evangelikalen Missionswerke nicht den neu entstehenden charismatischen Missionsbemühungen öffneten, fanden sich diese wiederum später in der Arbeitsgemeinschaft pfingstlich-charismatischer Missionen (APCM) zusammen.
Die im EMW organisierten Werke sind nach Angaben einer Studie durchschnittlich 146 Jahre alt, ihre Mitarbeiter wurden im Schnitt mehr als acht Jahre für ihre Tätigkeit ausgebildet und auf je zwei Mitarbeiter im Ausland wird ein Mitarbeiter in der Verwaltung beschäftigt. Bei AEK und APCM sind die Mitgliedsverbände hingegen lediglich 51 beziehungsweise 21 Jahre alt, sie bereiten ihre Mitarbeiter nur etwa zwei bis drei Jahre auf ihren Einsatz vor und auf einen Mitarbeiter in der Verwaltung kommen sieben Mitarbeiter in der Mission.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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