Die Rückkehr von Staatspräsident Ali Abdullah Salih in den Jemen und seine erste Fernsehansprache haben dem Land keine Ruhe gebracht. Kaum hatte Salih am späten Sonntagabend seine Rede beendet, in der er Neuwahlen für das Parlament und das Amt des Präsidenten ankündigte, da griff 60 Kilometer nördlich von Sanaa mitten in der Nacht eine Einheit von Stammeskriegern eine Kaserne der Elitetruppen der Republikanischen Garden an, tötete deren Kommandanten, General Abdullah al Kulaibi, nahm 30 Soldaten als Geiseln und zog sich mit diesen von der Gemeinde Nihm wieder in die Berge zurück. Die 63. Brigade der Republikanischen Garde hat die Aufgabe, von Norden her einen Vorstoß der Truppen des oppositionellen Generals Ali Muhsin al Ahmar auf die Hauptstadt zu verhindern. Ob sie dazu noch in der Lage ist, ist nicht gewiss.
In der Hauptstadt Sanaa haben Oppositionelle die Rede von Salih mit ungläubigem Staunen verfolgt. Auf ihrem „Platz des Wandels“ vor der Universität hatten sich 200.000 Menschen versammelt, um Salihs Rede zu verfolgen. Immer häufiger und lauter waren während der Rede Buhrufe zu hören. Eine „historische Rede“ hätten sie erwartet, eine Ankündigung des Rücktritts, sagte Huria Maschhur, eine der Führerinnen der Proteste. Dann hätten sie nur eine „enttäuschende“ Rede mit dem Versuch gehört, wieder einmal Zeit zu schinden. Nun habe man keine andere Möglichkeit, als die Proteste weiter zu intensivieren, kündigte sie an. Schon am Montag, dem Jahrestag der Revolution von 1962, als die Monarchie gestürzt und die Republik ausgerufen wurde, gab es neue Demonstrationen mit der Forderung nach dem Sturz Salihs. Als Sicherheitskräfte in die Menge schossen, wurden zahlreiche Menschen verletzt.
Bei seiner Ansprache am Sonntagabend tat Salih, als habe die Zeit seit dem Anschlag auf ihn am 3. Juni stillgestanden. Dabei sind seit dem 18. September mehr als 150 Zivilisten durch seine Truppen getötet worden. Abermals nannte Salih, dessen Verletzungen durch Kleidung und Blumen geschickt versteckt waren, die Demonstranten „Terroristen“ und warf ihnen vor, nach der Macht und dem Reichtum des Landes zu greifen. Al Qaida werde durch die Demonstranten unterstützt, behauptete er.
Er machte keine Andeutung eines Rücktritts, auch wenn er seine Bereitschaft wiederholte, die Initiative des Golfkooperationsrats (GCC) zum Machtwechsel zu akzeptieren. Erstmals aber kündigte er an, es werde Wahlen zum Parlament, für das Amt des Präsidenten und die Gemeinderäte geben. Danach werde über eine Übergabe der Macht entschieden - durch Gewalt werde es dazu nicht kommen. Damit es zu Wahlen komme, müsse sich sein Stellvertreter Abdurrabbo Hadi auf ein Abkommen mit der Opposition einigen. Damit setzt Salih offenbar auf die Uneinigkeit der Opposition. Sich selbst bezeichnete Salih als Mann des Dialogs.
