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Jemen Im Geflecht der Stämme

06.01.2010 ·  Um die Lage im Jemen zu stabilisieren und den Einfluss Al Qaidas einzudämmen, muss die Loyalität der zahlreichen Stämme zum Regime wieder gewonnen werden. Sie spielen in eine Schlüsselrolle für die Zukunft des Landes.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Der amerikanische Präsident Barack Obama bleibt dabei: Er will das Gefangenenlager von Guantánamo auf Kuba mittelfristig schließen, aber keine Jemeniten mehr von dort in ihre Heimat zurückschicken. Das ist ein Teil der Bemühungen, die Aktivität von Al Qaida im Jemen zu bekämpfen und das gefährdete Regime des Präsidenten Ali Abdullah Salih zu stabilisieren. Außerdem will Washington siebzig Millionen Dollar mehr als bisher für eine effektive Bekämpfung der Terroristen ausgeben. Ein großer Teil dieser Summe wird wohl in einen Ausbau der Sicherheitskräfte sowie der Technik und Logistik gehen, die dafür notwendig sind.

Ebenso wichtig wären allerdings Infrastrukturmaßnahmen, mit deren Hilfe man die Loyalität der zahlreichen Stämme des Landes zum Regime wiedergewinnen oder wenigstens etwas zuverlässiger machen könnte. Wie viele arabische Gesellschaften wird auch die jemenitische stark von Stämmen und Clans bestimmt. In weiten Teilen des Landes gilt dies sogar noch mehr als anderswo in der arabischen Welt, da der Jemen ein besonders traditionsverhaftetes Land ist. Schon immer, auch zu Zeiten der Herrschaft der zaiditischen Imame bis 1962, war es im Jemen ein Problem, von Sanaa oder Taizz aus die Stämme „bei der Stange zu halten“. Für das Regime Präsident Salihs ist das nun zur Überlebensfrage geworden. Seine persönliche Stellung hat sich in den vergangenen fünf Jahren stetig verschlechtert, nachdem er – auf arabische Weise – noch im Jahre 1999 triumphal im Amt bestätigt worden war.

Al Qaida im Jemen: „Wie die Fische im Wasser“

Seit Jahren schon erodieren ganz generell die früher viel stärkeren Bindungen etlicher Stämme an die Zentralregierung. Insbesondere im Südjemen, der eine Generation lang einen eigenen, selbständigen, marxistisch regierten Staat bildete, ist dieses Phänomen zu beobachten – allerdings eben nicht nur dort. Die Entführungen von Touristen in den vergangenen Jahren durch jemenitische Stämme – zum Beispiel im Gebiet von Marib mit seinen sehenswerten altarabischen, vorislamischen Ruinen und den Resten des einst gewaltigen Staudamms – hatten meistens das Ziel, von der Regierung in Sanaa Zugeständnisse zu erzwingen. Entweder sollten Gefangene freigepresst werden, oder es ging um den Bau von Straßen, Schulen, Krankenhäusern und um ähnliche Infrastrukturmaßnahmen in den tatsächlich weitgehend vernachlässigten Regionen und Provinzen.

Al Qaida im Jemen kann momentan so auftrumpfen, weil sich die Organisation im Geflecht bestimmter Stämme bewegt „wie die Fische im Wasser“. Hinzu kommt, dass Jemeniten von Beginn an, das heißt seit den achtziger Jahren, in der Al Qaida eine relativ herausragende Rolle gespielt haben; nicht zuletzt Usama Bin Ladin selbst, dessen Familie, obwohl in Saudi-Arabien reich geworden, ursprünglich aus dem Jemen stammt.

Im Jemen könnte man von jener Taktik lernen, welche die Amerikaner im Irak als Antwort auf die verheerenden terroristischen Zustände in Zusammenarbeit mit sunnitischen Stämmen im sogenannten sunnitischen Dreieck nördlich von Bagdad verfolgten, um die dortigen Gewaltorgien der Al-Qaida-Terroristen und anderer radikaler Islamisten einzudämmen. Dies war nur im Einvernehmen mit den in der Region lebenden Stämmen und insbesondere ihren Stammesführern möglich. Diese Stämme wirkten bei der Beruhigung dieser Landstriche aktiv mit. Den Amerikanern war zugute gekommen, dass die radikalen Islamisten und Dschihadisten in diesen Gebieten ein Schreckensregiment errichtet hatten, das an jenes der Taliban in Afghanistan erinnerte. Das war der Bevölkerung zu viel.

Schwache staatliche Autorität im Norden

Im Jemen unterstützen keineswegs alle Stämme Al Qaida oder andere militante Regimegegner; und selbst diejenigen, die das tun, haben häufig rein opportunistische Motive. Sie versprechen sich davon materielle Gegenleistungen und für sie günstige politische Wirkungen – und sei dies nur ein noch stärkerer Druck auf die Zentralregierung unter Präsident Salih, der nun schon ein Menschenalter lang die Macht innehat. Auch jemenitische Stammesführer hängen ihr Mäntelchen hier und da nach dem Wind. Die Zentralregierung in Sanaa war seit Generationen wohl noch nie so schwach wie gegenwärtig. Die Furcht, der Jemen könne den steil-abschüssigen Weg Somalias gehen und somit das gesamte Horn von Afrika weiter destabilisieren, ist deshalb alles andere als unbegründet.

Im Norden des Landes, in der Region um die Provinzhauptstadt Saada, haben es die zaiditischen Al-Houthi-Rebellen geschafft, praktisch ihr eigenes Gemeinwesen zu etablieren. Wie schwach die staatliche Autorität dort ist, wurde unlängst deutlich, als es zu einem Feuergefecht zwischen jemenitischen und saudi-arabischen Truppen sowie den Houthi-Rebellen im Grenzgebiet kam. Saudi-Arabien protestierte gegen eine von ihm behauptete Verletzung seiner Grenze, die von den jemenitischen Truppen in einer Nacheile überschritten worden sein soll. Sanaa behauptete, die Rebellen erhielten Unterstützung von Saudi-Arabien, was von Riad umgehend dementiert wurde. Allerdings war es im nördlichen Grenzgebiet zu Saudi-Arabien auch früher gelegentlich unruhig.

Unterdessen versucht Präsident Ali Abdullah Salih seine Position auch dadurch zu stärken, dass er die eigene Familie mehr als bisher in den Machtapparat einbindet, insbesondere den Sohn Ali als seinen möglichen Nachfolger. Ein solches Vorgehen ist zwiespältig zu bewerten. Zwar gibt es in der arabischen Welt genügend Beispiele für eine solche familiäre Erbfolge der Macht, wie etwa im Syrien der Familie Assad (und auch der ägyptische Präsident Mubarak bringt seinen Sohn Gamal als Nachfolger immer wieder ins Gespräch). Doch ob es gelingt, diese „Lösung“ bei der Mehrzahl der Stämme durchzusetzen, ist zweifelhaft. Die traditionell mächtigen jemenitischen Stämme spielen in jedem Fall eine Schlüsselrolle für die Zukunft des Landes.

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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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