03.02.2010 · Jemens Stammesführer sehen in Al Qaida ein Problem - und ein Machtmittel. Sie benutzen die Terroristen als Verhandlungsmasse gegenüber der Regierung. Zwei Dutzend Stammesälteste kamen in der deutschen Botschaft in Sanaa zusammen.
Von Rainer HermannIndigniert und stolz zieht der Scheich den glänzenden Krummdolch aus dem bunt verzierten Gürtel. Langsam legt er ihn vor sich auf den Boden. Nein, das könne nicht sein, sagt er, und er blickt ernst in die Runde. Sollte es zutreffen, dass auch nur ein Angehörigen seines Stammes in eine Untat von Al Qaida verwickelt gewesen sei, werde es für diesen schwerwiegende Folgen haben. Wer Konkretes in der Hand habe, solle es ihm mitteilen. Dann könne er handeln. Noch immer berührt er wie bei einem Eid den vor ihm auf dem Boden liegenden Dolch, die Dschambiya. Kein Schatten darf auf den Stamm fallen, keinen Zweifel darf es an seiner Ehre geben. Denn wer immer sich ihm anvertraue, der solle sicher seine Wege gehen.
Der Scheich ist mit weiteren Stammesführern aus der Provinz Marib in die jemenitische Hauptstadt Sanaa angereist – aus einer Provinz, von der es heißt, dass ihre Stämme mit Al Qaida zusammenarbeiteten oder zumindest deren Mitglieder deckten. In der Provinz haben die Stammesführer das Sagen und das letzte Wort. Die Hauptstadt Sanaa ist nicht gerade Feindesland für sie, aber sie stehen ständig mit der Regierung in Konflikt, fühlen sich von ihr übergangen. Gelegentlich versuchen sie, durch Entführungen Druck auf die Regierung auszuüben.
Daher erlaubt die Regierung Ausländern keine Überlandreisen mehr von Sanaa nach Marib, wo sie sonst den Thron der Königin von Saba bestaunt haben und den größten Staudamm der Antike. Auch das Deutsche Archäologische Institut darf aus Sicherheitsgründen in der Provinz Marib nicht mehr graben. Die Arbeiten nahe der Stadt Surwah sind eingestellt worden. Selbstverständlich sei die Sicherheit an der Grabungsstätte auch weiter gewährleistet, sagt einer der Scheichs. Aber die Anreise, sie sei ja das Schwierige. Vielleicht sei es doch gut, dass die Archäologen gegenwärtig nicht in der Provinz arbeiteten, sagt er dann weise.
Wo im Jemen die öffentliche Meinung entsteht
Die zwei Dutzend Stammesältesten sind auf Einladung des deutschen Botschafters Michael Klor-Berchtold nach Sanaa gereist und in seine Residenz gekommen. Zuletzt hatte der Botschafter in Marib für achtzig Scheichs ein großes Hammelessen gegeben. Heute führt er bei einem landesüblichen Mittagessen die Diskussion in seinem Mafradsch fort, an dem Ort, an dem wie in jedem jemenitischen Haus die Männer unter sich sind und wo im Jemen die öffentliche Meinung entsteht. Wer im Jemen außerhalb der Hauptstadt weiterkommen will, braucht auch Kontakte zu denen, die in den Provinzen die Macht haben.
Die Männer haben an der Tür ihre Schlappen abgestreift und entlang der Wände im Schneidersitz im Diwan Platz genommen, in den Polstern auf dem Boden. Stammesälteste von den Bani Dabyan sind gekommen, die im Dezember 2008 in die Entführung von Deutschen verwickelt waren, von den Zaidi und den Numan, die beide zu den Dschahm gehören und aus deren Mitte Mitglieder von Al Qaida kommen sollen. Sie nehmen kein Besteck, um das Hammelfleisch von den Knochen abzustreifen. Mit dem Fladenbrot greifen sie in die Reisschüssel und in den Topf mit dem öltriefenden Gemüse. Den Teppich schützt eine Plastikbahn. Oben fällt die milde Nachmittagssonne durch die Qamariya, das halbmondförmige Stuckfenster aus Gips mit seinen bunten Scheiben. Draußen ist das Leben fast zum Stillstand gekommen.
Politikverbot für Al Qaida-Mitglieder
Langsam setzt die Diskussion über das ein, was im Jemen bewegt und außerhalb des Landes viele in Sorge versetzt hat. Ja, mindestens zwei Mitglieder seines Stamms seien Mitglieder von Al Qaida, gibt ein Scheich zu. Aber sie seien deswegen doch nicht gefährlich, sie seien ja keine Führer, anders als jene Saudis und Ägypter, von denen sie gelegentlich besucht würden. Zudem müsse jeder wissen, dass der Stamm über sie ein Politikverbot verhängt habe. Zu Hause unternähmen sie also nichts. Was sie aber außerhalb des Stammesgebiets trieben, darauf habe er nun wirklich keinen Einfluss. Aber noch immer höre die Jugend ja auf die Alten, glauben die Scheichs.
Andere wollen nicht so konkret werden und wiederholen die bekannten Floskeln, dass Al Qaida mit dem Islam nichts zu tun habe und ohne die Hilfe der CIA überhaupt nicht entstanden wäre. Dann bricht die so andere Welt der Stämme wieder durch. Was solle man denn mit Besuchern machen, fragt einer in den Raum hinein und schlürft den süß gezuckerten Tee. Jeder wisse doch, was die Regeln der Stammesgesellschaft vorschrieben: Jeden Fremden als Gast zu aufzunehmen und zu beherbergen. Da frage man doch nicht nach, wer jemand sei. Unausgesprochen bleibt, dass es für die Stämme auch Verhandlungsmasse gegenüber der ungeliebten Regierung ist, Mitglieder von Al Qaida unter ihrem Schutz zu haben – jeder nutzt eben die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen.
Die Stammesführer klagen, die Regierung investiere nichts in ihrer Provinz, aus der doch das Öl und das Gas des Jemen stammten. Von den Petrodollars fließe kaum etwas zurück. Sie berichten über Staatsbedienstete in Schulen und dem Gesundheitswesen, deren Niveau erbärmlich sei – da sei es für Al Qaida eben leicht, unter den vielen Arbeitslosen und Ungebildeten Rekruten zu finden, die glaubten, sie kämen direkt ins Paradies, wenn sie sich und andere in die Luft sprengten. Am 2. Juli 2007 tötete in der Provinz Marib ein Selbstmordattentäter vor dem Thron der Königin von Saba acht spanische Touristen, zwei Jemeniten und sich selbst.
Die Verantwortung wird weggeschoben
Natürlich sei Al Qaida eine Gefahr, sagt ein Scheich. Die Verantwortung wird aber weggeschoben: Al Qaida im Jemen sei ja nur eine Folge der Ereignisse in Afghanistan und in Saudi-Arabien. Das Geschehen in Palästina und vor allem in Gaza treibe dem Netz Rekruten in die Arme. Wichtig sei für den Kampf gegen Al Qaida militärische Hilfe, Gefängnis und Eliminierung, noch wichtiger aber seien Investitionen in die Entwicklung.
Der jemenitische Staat ist aber kaum präsent in Marib. In 70 Prozent der Fläche der Provinz gebe es keine Polizeistation, gibt einer der Polizeichefs zu bedenken. Entscheidend für die Sicherheit eines Reisenden sei daher der Schutz der Stämme. Sind sei vorab über dessen Wege informiert, würde es gegen die Ehre des Stamms verstoßen, geschähe einem anvertrauten Reisenden etwas. In Surwah, dem Ort der letzten deutschen Grabungen, habe sich die Sicherheitslage nicht verändert, beteuert einer der Scheichs von dort. Botschafter Klor-Berchtold hakt nach: „Wenn Deutschland in Ihre Regionen wieder Entwicklungsprojekte bringt, können Sie uns dann Sicherheit garantieren und würden Sie dann auch dafür sorgen, dass Al Qaida bei Ihnen nicht Fuß fasst?“ Er redet mit den Stämmen über deutsche Entwicklungshilfe, über die Möglichkeiten der Wiederaufnahme der Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts – und mit der Hoffnung, auch Hinweise auf Entführungsfälle zu bekommen.
Draußen ist die Sonne blass geworden. Das Essen ist vorbei, die Scheichs kehren in ihre Provinz zurück. Sie haben die Botschaft gehört, dass es nun an ihnen liege, dass westliche Urlauber, Archäologen und Entwicklungshelfer zurückkehren und dass ihre Provinz wieder aus den Schlagzeilen kommt.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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