An ihn hatte man am wenigsten gedacht. Doch plötzlich war er da. Er ist nonchalant einem Flugzeug der Air France entstiegen und hat sich erst einmal in einem Luxushotel verschanzt. Haitis früherer Diktator Jean-Claude Duvalier glaubte, seinen Landsleuten einen Dienst schuldig zu sein. „Ich komme, um zu helfen“, sagte er enigmatisch. Mutmaßungen, er könne versucht sein, die verzwickte politische Lage nach den skandalösen Präsidentenwahlen und dem auf unbestimmte Zeit aufgeschobenen Stichentscheid nutzen, um noch einmal, nun jedoch durch Wahlen legitimiert, ins höchste Staatsamt zu gelangen, hat er dementiert. Warum ist er dann aus dem recht bequemen französischen Exil in das vom Erdbeben zerstörte, von einer Cholera-Epidemie heimgesuchte und wieder einmal von politischen Wirren erschütterte Haiti zurückgekehrt?
„Manchmal scheint es, als sei den Haitianern keine Atempause vergönnt.“ Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton hat ausgesprochen, was vermutlich viele Bewohner des Inselstaates denken, die von den Katastrophen und der immerwährenden Krise betroffen sind. Aber Jean-Claude Duvalier hat ganz offensichtlich der Ehrgeiz gepackt. Er will wohl zeigen, dass er nicht mehr der frivol von seinen Raubzügen lebende Despot, sondern ein geläuterter gütiger Herrscher ist. Er wäre nicht das erste Beispiel eines Diktators in Lateinamerika und der Karibik, der sich ein demokratisches Mäntelchen umhängen möchte. Dem Bolivianer Hugo Banzer etwa ist es gelungen, sich nach seiner Diktatur von 1971 bis 1978 ins Präsidentenamt wählen zu lassen und demokratisch legitimiert von 1997 an noch einmal fünf Jahre lang zu regieren.
Von Folter, Mord und Totschlag keine Rede
Es kann auch sein, dass Duvalier klamm ist, weil er die Millionen, die er einst beiseite schaffte, durchgebracht hat und eine neue Herausforderung sucht. Nach seiner Ankunft in Port-au-Prince ging es ihm zunächst darum, zu zeigen, dass er unschuldig ist. Aus seiner Sicht bestand keine Gefahr, dass ihm noch auf dem Flughafen Handschellen angelegt würden, ansonsten hätte er wohl kaum den langen Flug von Paris in die Karibik angetreten. Das Kalkül ist zuerst einmal aufgegangen. Es könnte sich gar um ein abgekartetes Spiel gehandelt haben, als Duvalier vor der Justiz erschien und trotz erster Berichte, er sei festgenommen worden, schließlich als freier Mann in sein Luxushotel zurückkehrte. Es waren ihm nur Vergehen vorgehalten worden, die nach haitianischem Recht nach zehn Jahren verjähren, also vor allem Korruption, illegale Bereicherung und Verschwendung von Staatsgeldern. Es sind sogar schon 25 Jahre vergangen, seit Jean-Claude vom Volkszorn aus dem Land gejagt wurde und nach Frankreich geflohen ist.
Von Folter, Mord und Totschlag, den Methoden, mit denen er sich an der Macht gehalten hatte, war bei seinem ersten Tête-à-Tête mit der Justiz keine Rede. Duvalier hat einst das repressive Regierungssystem und die Präsidentschaft von seinem Vater François Duvalier geerbt. Papa Doc, der sich vom Landarzt zum Tyrannen gemausert hatte, bestimmte wenige Monate vor seinem Tod 1971 den Sohnemann zu seinem Nachfolger. Da war Baby Doc gerade 19 Jahre alt und damit der jüngste Staatschef weltweit. Diesen Guinness-Titel hat ihm bisher keiner genommen. Um sich seiner Gegner zu entledigen, bediente er sich der „Tontons Macoutes“, die Papa als Sicherheitsmiliz und eine Art Leibgarde ins Leben gerufen hatte. Das waren die gefürchteten Todesschwadronen der „Onkel mit dem Sack“, die über Nacht Leute verschwinden ließen. Schätzungsweise sind unter den beiden Duvaliers 60.000 Menschen auf brutale Weise gefoltert und umgebracht worden.
In Saus und Braus
Jean-Claude Duvalier hat eine solide Schul- und Universitätsbildung aufzuweisen, hat Jura studiert. Eigentlich war er gar nicht so sehr an Politik und Macht interessiert. Und das musste auch gar nicht sein: Baby Doc hatte sich, wie sein Vater, die Präsidentschaft auf Lebenszeit zusichern lassen. Statt sich mit dem lästigen Regieren herumzuquälen, wollte er vor allem das Leben in vollen Zügen genießen und überließ einen Großteil der Amtsgeschäfte seiner Schwester und seiner Mutter. Das führte jedoch zu heftigen Auseinandersetzungen in der Familie. Ein bisschen gab Jean-Claude Duvalier auch den Anschein, als sei er reformfreudig und weniger grausam als Papa Doc.
Im Jahr 1980 heiratete er die schöne Mulattin Michèle Bennett. Die Hochzeit war ein rauschendes Fest, das Millionen verschlang. Doch da ging es mit Baby Docs Herrschaft schon allmählich bergab. Die Vereinigten Staaten, denen es gefiel, dass halbwegs stabile Verhältnisse auf Haiti herrschten, ließen ihn fallen, als immer mehr Grausamkeiten ruchbar wurden, die vom Duvalier-Clan begangen wurden, und als alle Versuche, den Diktator zur Einhaltung halbwegs demokratischer Spielregeln anzuhalten, fehlschlugen. Immer stärker wuchs in der Bevölkerung der Hass auf das Regime. Nach monatelangen blutigen Auseinandersetzungen verließ Baby Doc am 7. Februar 1986 Haiti in Richtung Frankreich. Dort erhielt er nie offiziell Asyl, konnte aber zwischen Paris und der Côte d’Azur weitgehend unbehelligt so leben, wie er sich das vorstellte: in Saus und Braus.
Einst Baby Face, heute ein hageres Gesicht
Viel hat man von ihm in der Zeit nicht gehört. Sein „Vermögen“ – die Rede ist von 800 Millionen aus der haitianischen Staatskasse abgezweigten und aus undurchsichtigen Geschäften stammenden Dollar – schwand nicht nur dahin, weil es Baby Doc nach Kräften verprasste. Schließlich verschlang auch die Scheidung von Madame 1993 eine Summe, die um einiges höher war als einst die Kosten für die Hochzeit. Seitdem lebt er mit seiner Jugendfreundin Véronique Roy zusammen, die ihn auch bei seiner Rückkehr nach Haiti begleitet hat. Das füllige Baby Face von einst hat sich in ein hageres Gesicht mit etwas verkniffenen Zügen verwandelt.
Der inzwischen fast 60 Jahre alte Jean-Claude Duvalier hat nach dem Sturz seines Nachfolgers Jean-Bertrand Aristide 2004 schon einmal vergeblich versucht, wieder in der Politik Haitis Fuß zu fassen und bei den Wahlen im Jahr darauf zu kandidieren. Warum sollte er in der gegenwärtigen Patt-Situation also nicht versucht sein, es wieder zu probieren, auch wenn er das bestreitet? Er hat nach dem ersten Termin bei der Justiz in seiner Hotelsuite nicht nur ehemalige Mitarbeiter seiner Regierung empfangen, sondern auch frühere Angehörige der „Tonton Macoutes“, die teilweise als paramilitärische Einheiten weiterhin aktiv sind.
Angehörige des 1995 aufgelösten Militärs, das gleichfalls eher eine Truppe von Marodeuren war, haben Duvalier ihre Loyalität bekundet. Frühere Militärs, die sich in die benachbarte Dominikanische Republik abgesetzt hatten, kehren angeblich schon nach Haiti zurück, um ihm ihre Dienste anzubieten. Viel gefährlicher als Baby Doc sei indes Aristide, kommentiert der Leiter der haitianischen Caritas, Serge Chadic, die Rückkehr des Diktators. Der Geistliche macht darauf aufmerksam, dass es für die meisten seiner Landsleute wichtiger ist, der von dem Erdbeben und der Cholera-Epidemie verursachten Misere zu entkommen, als sich um die Ambitionen früherer Despoten zu kümmern. Aristide, der 2004 unter ähnlichen Umständen wie Duvalier das Land verließ, wittert Morgenluft und will gleichfalls nach Haiti zurückkehren. Während er unter den jungen Haitianern noch eine große Gemeinde hat, ist Baby Doc eine Figur der fernen Vergangenheit. Gegen ihn hätte die Justiz ausreichend Beweismittel in der Hand, um ihn hinter Gitter zu bringen. Wenn sie denn nur wollte.
