http://www.faz.net/-gpf-82oqt

Verteidigungskooperation : Die Schlachten von übermorgen und vorgestern

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe legt einen Kranz an der Ziellinie des Bostoner Marathons nieder. Bild: AP

Japan und Amerika wollen bei der Verteidigung enger zusammenarbeiten. Das ist vor allem ein Sieg für Abe - doch der Ministerpräsident steht unter Beobachtung. Von ihm wird Buße für die Aggression im Zweiten Weltkrieg erwartet.

          Mit großen Worten sparten die Verteidigungs- und Außenminister Japans und Amerikas am Montag in New York nicht. Als „historisch“ beschrieb John Kerry die bei dem Vierertreffen vereinbarten neuen Richtlinien für die Verteidigungskooperation beider Länder. Immerhin handelt es sich um die erste Änderung der bilateralen Vereinbarungen seit 1997. Japans Rolle wird neu definiert, damit das Land trotz seiner pazifistischen Verfassung amerikanische Truppen im Ernstfall besser unterstützen kann – etwa wenn ein amerikanisches Schiff angegriffen oder eine Rakete auf die Vereinigten Staaten abgefeuert wird.

          Andreas Ross

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Für den japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe, der am Sonntag in Boston eintraf und Obama am Dienstag im Weißen Haus besuchte, ist die vertiefte Verteidigungszusammenarbeit ein Kernanliegen – vor allem als Signal an das zunehmend expansiv agierende China und das skeptische Publikum im eigenen Land. Die Vereinbarung von New York ist Teil von Abes Bemühen, Japan zu einem „pro-aktiven Pazifismus“ zu führen. 2014 hatte die Regierung dazu gegen erheblichen Widerstand in der Bevölkerung die pazifistische Verfassung mit dem „Recht auf kollektive Verteidigung“ neu interpretiert. Noch in diesem Sommer will sie entsprechende Gesetze durchs Parlament bringen.

          Auch Washington betrachtet es als Erfolg, dass Japan inzwischen zu einer aktiveren Verteidigungspolitik bereit ist. Amerika erwartet ebenfalls mit Blick auf den Aufstieg Chinas und das unberechenbare Nordkorea mehr Einsatz seines treuesten Verbündeten in Asien, den der frühere japanische Ministerpräsident Yasuhiro Nakasone einst als „unsinkbaren Flugzeugträger“ beschrieben hatte. Tokio treibt zudem die Sorge um, dass die Vereinigten Staaten das Interesse an Japan verlieren könnten. Auch wenn die Obama-Regierung Abes Staatsbesuch als Beleg für die Ernsthaftigkeit des amerikanischen Versprechens, sich stärker Asien zuzuwenden. Außer dem japanischen Ministerpräsidenten soll dieses Jahr nur dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping die Ehre eines Staatsbanketts im Weißen Haus zuteilwerden.

          Immerhin: In einer neuen Umfrage des Pew Research Center erklärten 47 Prozent der befragten Amerikaner, Japan solle zur Sicherung von Frieden und Stabilität in Asien eine größere militärische Rolle übernehmen. 43 Prozent wünschen dagegen, dass Japan seine militärische Rolle begrenze. Über solch ein geteiltes Meinungsbild würde Abe sich in Japan noch freuen. Nur 23 Prozent der Befragten sind dort für eine größere militärische Rolle des Landes.

          Aus Sicht der amerikanischen Regierung hat ein anderes Thema Priorität: das geplante Freihandelsabkommen TPP von zwölf Pazifik-Anrainern. Für Präsident Barack Obama wäre eine Übereinkunft mit dem japanischen Ministerpräsidenten in dieser Frage mehr als die halbe Miete. Doch während des Staatsbesuchs des Japaners dürfte es nicht zu einer endgültigen Einigung kommen.

          Amerikaner finden Zusammenarbeit mit Japan wichtig

          Auch beim Thema TPP ist die Sorge über das zunehmend selbstbewusste Auftreten Chinas eine treibende Kraft. Sechzig Prozent der Amerikaner glauben, dass angesichts des Aufstiegs Chinas eine Zusammenarbeit mit Japan noch wichtiger werde. Washington sieht das entstehende 12-Länder-Bündnis, dem China nicht angehört, als Mittel, westliche Standards etwa zum Schutz intellektueller Eigentumsrechte zu verankern, die China eher untergraben wolle. Obama will Peking keine Chance geben, die Handelsregeln zu bestimmen. Je heftiger seine Freihandelsagenda vor allem in der eigenen Partei angegriffen wird, desto deutlicher hat Obama daran erinnert, dass man im Wettlauf mit China Tempo machen müsse. Japan und Amerika sind die mit großem Abstand wichtigsten TPP-Partner; ihre gemeinsame Wirtschaftsleistung ist rund viermal so stark wie die der übrigen zehn TPP-Länder zusammen.

          Weitere Themen

          Bye Bye freies Internet Video-Seite öffnen

          Netzneutralität in Amerika : Bye Bye freies Internet

          Die Entscheidung ist ein Rückschlag für Google & Co und könnte das Internet nachhaltig verändern. Donald Trump und seine Regierung schaffen damit die der Obama-Regierung eingeführte Gleichbehandlung aller Daten im Netz ab.

          Immer Ärger mit Donald

          Amerikas Präsident unter Druck : Immer Ärger mit Donald

          Eigentlich sollte es eine Woche der Triumphe werden – doch dann ging die Alabama-Wahl schief und Donald Trump hat mal wieder Ärger an allen Fronten. Immerhin ein Projekt des amerikanischen Präsidenten steht kurz vor der Vollendung.

          Topmeldungen

          SPD und Regierungsbildung : Stabile Gedanken

          Die Union blockt Forderungen der SPD schon jetzt ab. Das wird nicht einfach für Schulz. Immerhin vereint ihn ein stabiler Gedanke – ausgerechnet mit der CSU. Ein Kommentar.
          Schon das Software-Update aufgespielt?

          Diesel-Affäre : Zeit für Mogel-Volkswagen läuft ab

          Wer einen manipulierten Volkswagen besitzt, muss seine Ansprüche schnell geltend machen. Etliche auf Massenverfahren spezialisierte Kanzleien mahnen deshalb zur Eile.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.