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Japan : Ein Land will vergessen

Koriyama, Juni 2011: Auch drei Monate nach der Katastrophe gehört die Abwesenheit von Privatsphäre in Notunterkünften noch zum traurigen Alltag vieler Japaner Bild: dapd

Eigentlich sollte man meinen, am Ende dieses Jahres sei nichts mehr wie es war in Japan. Aber noch ist längst nicht klar, ob das Land die Erinnerung verdrängen oder aus ihr lernen will.

          In diesen Tagen wird in Japan zu Feiern geladen, die man „Fest zum Vergessen des Jahres“ nennt. Das traditionelle Motto dieser Feiern klingt in dem Jahr, in dem eine Jahrhundert-Katastrophe das Land getroffen hat, besonders verführerisch. Flutwellen zerstörten ganze Küstenstriche im Nordosten, mehr als 20.000 Menschen kamen durch den Tsunami um, Hunderttausende verloren Haus und Habe. Allein diese Katastrophe hätte schon ausgereicht, ein Land zu erschüttern, doch auf Flut und Erdbeben folgte noch die Atomkatastrophe. Die Kernschmelze in Fukushima führte zur radioaktiven Verseuchung einer ganzen Präfektur. 80.000 Menschen mussten vor der Strahlung aus ihren Häusern und Wohnungen fliehen.

          Petra  Kolonko

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Das Jahr vergessen? Fast zehn Monate nach der Katastrophe soll zum Jahresende alles wieder im Lot sein in Japan. Doch man braucht nicht tief zu schürfen, um unter der glatten Oberfläche noch viele Verwerfungen zu finden. Das gilt ganz besonders für die von der Katastrophe direkt Betroffenen. Die Überlebenden der großen Flut haben einen langen Albtraum hinter sich, sie haben Angehörige verloren und mussten monatelang in Notunterkünften ausharren, die in der ersten Zeit noch dazu schlecht versorgt waren. Selbst als die meisten Betroffenen im Sommer in Behelfsunterkünfte und Wohncontainer ziehen konnten, blieben ihre Lebensumstände schwierig. Besonders die Älteren leiden unter Entwurzelung und Einsamkeit, und auch bei den Jüngeren häufen sich die psychischen Probleme, die durch traumatische Erfahrungen und Angst vor der Zukunft entstehen.

          Vergeblich auf Normalität warten

          Auf Normalität warten auch vergeblich noch die Menschen, die wegen der radioaktiven Strahlung ihre Heimat verlassen mussten. Auch sie leiden unter den Folgen der Entwurzelung. Sie wollen gern zurück, doch wissen sie nicht, ob ihr Land jemals wieder bewohnbar sein wird. Sie fragen sich, ob die Dekontaminierung erfolgreich sein wird und wie groß die Gesundheitsgefahr ist, der sie ausgesetzt waren und der sie sich in Zukunft wieder aussetzen werden. Die Menschen fürchten und müssen womöglich damit rechnen, dass ihre Gemeinden in der Nähe des havarierten Kernkraftwerks Fukushima Daiichi keine Zukunft haben werden. Viele der Jüngeren sind auf der Suche nach Arbeit schon woanders hingegangen.

          Wenn auch in Jahresrückblicken und Fernsehberichten zum Jahresende der Hinweis auf die Opfer des Tsunami und die Evakuierten des Atomunfalls nirgendwo fehlt, so ist doch offensichtlich, dass der Großteil der Japaner dieses Katastrophenjahr gern hinter sich lassen will. Da seit drei Monaten auch in den anderen Regionen Japans niemand mehr zum Stromsparen verpflichtet ist, womit die kleinen Beeinträchtigung des Lebens weggefallen sind, muss niemand mehr täglich an den 11. März denken. Man nimmt die Katastrophe jetzt als lokales Problem wahr und wünscht sich, dass deren Nachwirkungen auf die Küstenregion von Tohoku und die Präfektur Fukushima beschränkt bleiben.

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