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Japan Die Chinesen kommen

24.07.2010 ·  Sie lieben Markenprodukte. Aber nur in Japan können Chinesen sicher sein, dass ihnen keine Raubkopien angedreht werden. Nicht zuletzt deshalb ist der eigentliche Konkurrent so beliebt bei Touristen aus der Volksrepublik.

Von Petra Kolonko, Tokio
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Wenn in Japan über China geredet wird, schwingt immer Bewunderung, Eifersucht und Unsicherheit mit. Da gibt es historische Belastungen und neuere politische Spannungen. Da macht sich das Land, das Japan einst unterwerfen wollte, auf, zur neuen Supermacht zu werden. Und da wird das Entwicklungsland nebenan zum Konkurrenten, der Japan bald den Rang ablaufen wird.

Auch chinesische Besucher und Dauergäste in Japan werden oft mit Skepsis betrachtet, macht man sich doch Sorgen, dass zu viele für immer bleiben könnten. Trotz aller Vorbehalte hat sich Japan China gegenüber jetzt aber weiter geöffnet. Seit Juli sind die Einreisebestimmungen für Chinesen nach Japan gelockert worden. Die Chinesen sollen kommen und in Japan vor allem eines tun: Einkaufen.

Nur wer 7000 Euro verdient, darf einreisen

Wenn es vorher nur die sehr wohlhabenden Chinesen waren, die in den Genuss eines Einzelvisums für Japan kamen, und alle anderen nur mit wohl organisierten Gruppen nach Japan reisen durften, sollen jetzt die Angehörigen von Chinas wachsender Mittelschicht die drei Stunden dauernde Flugreise nach Japan antreten. Während bislang Japan brüsk verlangte, dass ein Jahreseinkommen von umgerechnet mindestens 29.000 Euro nachzuweisen war, bevor man nach Japan reisen durfte, ist diese Schwelle jetzt auf 7000 Euro gesenkt worden.

Nach Berechnungen der japanischen Regierung kommen durch die niedrigere Einkommensgrenze 16 Millionen chinesischer Haushalte für ein Visum nach Japan in Frage, zehnmal mehr als bislang. Sie alle sollen jetzt kommen, viel Geld mitbringen und es in Japan ausgeben. Denn nach den Ermittlungen der japanischen Tourismus-Behörde sind die Chinesen die größten Shopper unter den Touristen. Während ein Amerikaner 220 Euro pro Besuch ausgibt, einer aus Taiwan 620, lassen Besucher aus der Volksrepublik im Durchschnitt 1000 Euro in Japan.

Mit Gutem und Teurem aus Japan lässt sich gut angeben

Man findet sie überall, die chinesischen Touristen, in den großen Kaufhäusern von Tokio, in den Elektronik-Tempeln wie Bic Camera und dem Spielwaren-Paradies Hakuhinkan auf der Ginza, aber auch in den teuren Designer-Boutiquen. Fast alle größeren Geschäfte akzeptieren mittlerweile die chinesische Kreditkarte, und viele haben Verkäufer, die ihre Kunden auf Chinesisch beraten können. Die meisten Reisenden aus China sind Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Als Hauptzweck ihrer Reise geben sie das Einkaufen an.

„Tokio ist schön, und Einkaufen hier lohnt sich, es ist nicht mehr viel teurer als in China“, sagt selbstbewusst eine Besucherin aus Peking, die im Hakuhinkan elektronisches Spielzeug gekauft hat. Die Kaufbegeisterung der Chinesen in Japan ist eigentlich überraschend, denn schließlich gibt es schon lange fast alles, was es in Japan gibt, auch in China zu kaufen, und viele der japanischen Produkte werden ohnehin in China hergestellt.

„Es ist den chinesischen Kunden nicht wichtig, wo die Artikel herkommen, sondern, dass sie für den japanischen Markt hergestellt wurden“, sagt ein Sprecher der Nippon Travel Agency. Chinesen lieben Markenprodukte, aber nur in Japan kann man sich sicher sein, dass man keine Raubkopie eines japanischen Produktes gekauft hat. Außerdem lässt sich gut damit angeben, dass man sich Teures und Gutes in Japan gekauft hat.

Einkauf auch am globalen Finanzmarkt

Die Kauflust der Chinesen richtet sich aber auch schon auf größere Objekte. In einigen von Japans Ski- und Golf-Gebieten haben Chinesen bereits Ferienwohnungen gekauft, das könnte der Anfang einer Einkaufswelle bei Immobilien werden. Denn schließlich hat China die viertgrößte Zahl von Millionären nach Amerika, Japan und Deutschland.

Ähnlich wie die Japaner Ende der achtziger Jahre sind jetzt Chinesen als Einkäufer in aller Welt unterwegs und verbreiten genauso viel Unbehagen wie damals die Japaner, als Amerika sich vor dem Ausverkauf an die „Rising Sun“ fürchtete. Der Einkauf geht auch am globalen Finanzmarkt weiter. Vor kurzem wurde bekannt, dass die chinesische Regierung einen großen Posten japanischer Staatsanleihen gekauft hat. Vielen Japanern ist das schon nicht mehr geheuer.

Wie schon Amerika, so setzt auch Japan auf die Kraft des chinesischen Wohlstandes, um seine Wirtschaft aus der Stagnation zu bringen. Japanische Unternehmen sind schon lange in China präsent, lassen dort produzieren und haben sich den Markt erschlossen, jetzt sollen die chinesischen Touristen auch noch die heimische Nachfrage in Japan ankurbeln.

Schon sinnen Anbieter auf neue Märkte und umwerben besonders die wohlhabenden Chinesen. So bietet die Nippon Travel Agency maßgeschneiderte „Medizinische Reisen“ mit Untersuchung in einem japanischen Krankenhaus, etwas Sightseeing und viel Shopping an, für 10.000 Euro pro Woche. Auch Kreuzfahrten gibt es schon von China nach Japan mit Einkaufsstopp in der Stadt Fukuoka.

Die nächste Invasion wird zu den Ferien erwartet

Angesichts der großen Hoffnungen, die Japan mit seiner dümpelnden Wirtschaft auf die chinesischen Touristen setzt, lassen sich andere Fragen gut verdrängen. Kaum zu glauben, dass es erst fünf Jahre her ist, dass es in China gewalttätige Demonstrationen gegen Japan gab, auf die Japan mit lauter Kritik reagierte. Erst zwei Jahre ist es her, dass ein Fall vergifteter Lebensmittel aus China fast eine China-Phobie in Japan auslöste. Wenn sich auch Chinesen und Japaner noch nicht sehr freundlich gesonnen sind, so scheint man doch heute beiderseits bereit, die Vergangenheit zu ignorieren.

Auch in der großen Politik gibt es Fortschritte. Die Regierung der Demokratischen Partei in Japan ist um gute Beziehungen zu Peking bemüht. Bei dem Besuch von Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao in Japan im Juni einigten sich beide Regierungen darauf, wieder eine Telefonverbindung einzurichten, um im Notfall schnell in Kontakt zu sein. Kontroversen über Territorialfragen, wie die Senkaku-Inseln, die China Jiaoyutai nennt, bleiben zwar bestehen. Doch immerhin einigte man sich auf eine gemeinsame Erschließung dortiger Gasfelder. Auch das provokante Erscheinen eines chinesischen Flottenverbandes nahe der japanischen Insel Okinawa im April hat nicht für größere Irritationen gesorgt.

Gegen eventuelle Bedenken steht eine Zahl: Nach Schätzungen japanischer Unternehmen wird sich die Summe, die chinesische Touristen in Japan ausgeben, innerhalb der nächsten zwei Jahre vervierfachen. Die nächste Invasion aus China wird zu den chinesischen Nationalfeiertagsferien im Herbst erwartet.

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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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