24.05.2010 · Mit Gewalt versuchen bewaffnete Banden die Auslieferung des Drogenhändlers Christopher „Dudus“ Coke in die Vereinigten Staaten zu verhindern. Ministerpräsident Bruce Golding hat über Teile der Hauptstadt Kingston den Ausnahmezustand ausgerufen.
Nach den schweren Zusammenstößen vom Pfingstwochenende in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston hat Premierminister Bruce Golding angekündigt, die Drogenbanden mit „tödlicher Gewalt“ zu bekämpfen.
Bei stundenlangen Schießereien zwischen der Polizei und Anhängern des mutmaßlichen Bandenführers Christopher „Dudus“ Coke waren zwei Polizisten getötet und sechs weitere verwundet worden. Eine Polizeistation ging in Flammen auf, zwei weitere wurden von den Bewaffneten unter Beschuss genommen. Die Regierung verhängte daraufhin für einen Monat den Notstand über Teile Kingstons.
In einer direkt vom Fernsehen übertragenen Rede sagte Golding in der Nacht zum Montag, die Regierung werde den Kampf gegen die Banden gewinnen. „Das wird der Wendepunkt für uns als Nation sein, um der Macht des Bösen zu widerstehen“, versprach Golding und rief seine Landsleute auf, trotz des Ausnahmezustands ihren Alltagsgeschäften nachzugehen. Schulen und Universitäten sollen an diesem Dienstag ihren Betrieb wiederaufnehmen.
Eskalation der Gewalt
Zu der selbst für jamaikanische Verhältnisse beispiellosen Eskalation der Gewalt war es gekommen, als die Polizei Straßenblockaden aus ausgebrannten Autos und Stacheldrahtrollen räumen wollte, um in den zentral gelegenen Stadtteil Tivoli Gardens vorzudringen.
Dort hat sich der Unternehmer und mutmaßliche Drogenboss Christopher „Dudus“ Coke verschanzt, der an Washington ausgeliefert werden soll. Coke ist nach Überzeugung der amerikanischen Behörden Boss der Bande „Shower Posse“, die im Großraum New York Marihuana und vor allem Crack-Kokain verkauft. Laut Anklageschrift und Auslieferungsbegehren vom August 2009 haben Coke und seine Komplizen zudem die Mitglieder der Organisation mit geschmuggelten Schnellfeuerwaffen ausgerüstet.
Breite Unterstützung unter der Bevölkerung
Nach Angaben der jamaikanischen Polizei haben Anhänger Cokes schon vor Tagen damit begonnen, Waffen, Munition und Treibstoff in Tivoli Gardens zu horten, um sich auf den Zugriff der Polizei vorzubereiten. Coke verfügt seit langem über enge Verbindungen zur regierenden Labour Party, weswegen die Regierung bis vorige Woche das Auslieferungsersuchen Washingtons ignoriert hatte.
Der 41 Jahre alte Coke, dessen zahlreiche Unternehmen auch von Staatsaufträgen profitieren, genießt in seinem „Revier“ in Kingston breite Unterstützung unter der Bevölkerung. Viele Stadtteile Kingstons sind Hochburgen verfeindeter Banden, die sowohl politisch als auch wirtschaftlich und kriminell aktiv sind.
In ihren Stadtteilen zeigen sich die Bandenführer als Wohltäter, ermöglichen den Kindern der Armen den Schulbesuch, verteilen Nahrungsmittel und schlichten Streitigkeiten. Hunderte von Einwohnern hatten in der vergangenen Woche bei einer Demonstration in Tivoli Gardens Coke ihre Unterstützung bekundet. Er soll mit „Shower Posse“ in Jamaika, in zahlreichen anderen Staaten der Karibik, in Nordamerika sowie in Großbritannien aktiv sein.
Einer der gefährlichsten Drogenbosse der Welt
Das amerikanische Justizministerium sieht in Coke einen der gefährlichsten Drogenbosse der Welt. Im Vergleich zu den Drogenkartellen in Mexiko, die sowohl im Drogenanbau wie im Schmuggel aktiv sind, sind die Verbrecherbanden in Jamaika kleiner und weniger straff organisiert.
Jamaika leidet seit vielen Jahren unter einer der höchsten Quoten von Gewaltverbrechen je Einwohner in der Karibik. Für Premierminister Golding ist der Machtkampf gegen Coke die bisher schwerste Bewährungsprobe seiner Regierungszeit, die er im September 2007 antrat.