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Jair Lapid Ein Moderator für Israel

 ·  Der beliebte Fernsehjournalist Jair Lapid ist auf den Spuren seines Vaters. Er will in die Politik gehen. Ungewöhnlich sind solche Seitenwechsel in Israel nicht.

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© dapd „Ich habe einen neuen Weg eingeschlagen“: Jair Lapid

Praktisch jeder Israeli kennt den gut aussehenden Journalisten mit den graumelierten Haaren. Am Freitagabend moderierte Jair Lapid noch im zweiten Programm eines der beliebtesten Nachrichtenmagazine. In der Zeitung „Jediot Ahronot“ erschien die wöchentliche Kolumne des 48 Jahre alten Journalisten, der auch als Schauspieler und Autor erfolgreich ist. Doch dann teilte er knapp auf seiner Facebook-Seite im Internet mit: „Ich habe einen neuen Weg eingeschlagen.“ Er werde tun, woran er glaube, und in die Politik gehen. Innerhalb von zwei Stunden erhielt Jair Lapid daraufhin mehr als 3000 zustimmende Zuschriften.

Sein Vater Josef hat schon einmal gezeigt, dass der Wechsel in die Politik kein Himmelfahrtskommando ist: Mit seiner bürgerlichen Schinui-Partei gewann der frühere Journalist vor neun Jahren in den Parlamentswahlen 15 Sitze, wurde Justizminister und stellvertretender Ministerpräsident. Zwischen zehn und zwanzig Mandate sagen Umfragen jetzt seinem Sohn Jair voraus, der auch beruflich dem Vorbild seines Vaters folgte und Fernsehmoderator wurde. Die Partei, die er erst noch gründen muss, wäre dann drittstärkste Knessetfraktion. Bei der Bildung der nächsten Regierung hätte Lapid nicht nur als Kommentator ein wichtiges Wort mitzureden.

Netanjahu muss sich bis jetzt keine Sorgen machen

In Israel stehen regulär die nächsten Wahlen erst im Oktober 2013 an. Es mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass die Koalition unter Ministerpräsident Netanjahu nicht so lange warten wird: Der Regierungschef zog den Parteitag seiner Likud-Partei, der eine neue Führung und damit auch den Spitzenkandidaten wählen soll, um ein Jahr auf den 31. Januar vor. Seit der Heimkehr des israelischen Soldaten Gilad Schalit aus der Geiselhaft der Hamas ist Netanjahus Beliebtheit weiter gewachsen. Er erfreut sich aber schon länger guter Umfragewerte und musste sich bisher keine ernsthaften Sorgen um eine dritte Amtszeit als Ministerpräsident machen.

Manche Likud-Mitglieder befürchten, dass sie während des Parteitags Platz für einen engen Vertrauten Netanjahus machen müssen: Offenbar will der Regierungschef nicht auf seinen Verteidigungsminister Barak verzichten. Vor einem Jahr hatte dieser die von ihm geführte Arbeiterpartei verlassen und mit vier Fraktionskollegen die Unabhängigkeitspartei gegründet. Viele Israelis empfanden dieses Vorgehen als ein eigennütziges Manöver und wollen Barak nicht mehr wählen. Daher könnte Netanjahu versuchen, ihm den Weg in die Likud-Partei zu ebnen.

Vor drei Jahren gewann Barak mit seiner Arbeiterpartei nur 13 Sitze - weniger, als Jair Lapid jetzt vorausgesagt werden. Mit seinen linksliberalen Ideen könnte Lapid aber nicht nur der Arbeiterpartei, sondern besonders der Kadima-Partei von Zipi Livni zusetzen. Meinungsforscher sagen der Partei der früheren Außenministerin einen Absturz von 28 auf zehn Knesset-Sitze voraus, sollte Lapid antreten. Ein politisches Programm hat der Sohn der auch in Deutschland bekannten Krimi-Autorin Schulamit Lapid bisher genauso wenig vorgelegt wie die Liste seiner Mitstreiter. Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, die Demonstranten im Sommer erhoben hatten, spielt für den Zigarrenraucher aber eine wichtige Rolle. Dafür würde er den Verteidigungshaushalt um ein Viertel kürzen und weniger Geld für die Siedler ausgeben; 100.000 von ihnen sollten aus dem Westjordanland nach Israel zurückkehren. Auch möchte Lapid, dass sich Israel endlich eine geschriebene Verfassung gibt.

Besorgniss über wachsenden Einfluss der Orthodoxen

Über seine möglichen politischen Partner hat er noch nichts verraten. Sein Vater Josef zum Beispiel, den die Israelis mit ihrer Vorliebe für Spitznamen „Tommy“ nannten, entschloss sich 2003 für eine Zusammenarbeit mit dem damaligen Likud-Vorsitzenden Ariel Scharon. Mit seiner gemäßigten Schinui-Partei war der Holocaust-Überlebende nicht nur einer der wichtigsten Koalitionspartner, sondern auch das liberale Gegengewicht zu den Rechten in der Regierung.

Wie schon sein 2008 verstorbener Vater ist auch Jair Lapid besonders über den wachsenden Einfluss der streng Orthodoxen auf die Politik besorgt. So will er durchsetzen, dass Tora-Studenten Militärdienst leisten, was bisher nur eine Minderheit von ihnen tun. An den Schulen der Ultraorthodoxen sollten die Schüler nach dem staatlichen Lehrplan lernen und nicht nur religiöse Schriften studieren.

Schatten über dem Kabinett

Jair Lapid hat lange mit sich gerungen, ob er seine gut dotierte und sichere Stelle als geschätzter Fernsehmoderator aufgeben und Politiker werden soll. Aber so ungewöhnlich sind solche Seitenwechsel in Israel nicht. Die Liste ehemaliger Journalisten, die sich für eine politische Laufbahn entschieden, ist lang. Im Sommer wurde die Außenseiterin Shelly Yacimovich die zweite Frau nach Golda Meir, die den Vorsitz der Arbeiterpartei errang. Bis 2005 hatte sie erfolgreich als Fernsehjournalistin gearbeitet. Nach den Protesten des vergangenen Sommers will sie in der Arbeiterpartei wieder stärker soziale Themen in den Vordergrund stellen - und damit nun auch mit Jair Lapid konkurrieren. Dem Parlament gehört mit Anastasia Michaeli eine weitere prominente Fernsehmoderatorin an, dazu kommen noch vier weitere frühere Journalisten.

Das Interesse israelischer Pressevertreter an einer politischen Laufbahn führte sogar schon dazu, dass über eine „Abkühlphase“ diskutiert wird. So dürfen ehemalige Militärs erst zwei Jahre nach dem Ende ihrer Armeelaufbahn ein politisches Amt übernehmen. Seit Lapid seine politischen Ambitionen bekanntgegeben hatte, redet man nicht mehr von einem „Abkühl“-Gesetz für Journalisten, sondern nur noch von einem „Lapid-Gesetz“. Seine Gegner wollten damit vor allem den Aufstieg des Moderators bremsen, heißt es in Jerusalem. Die Sorge, dass die Gesetzesinitiative bald Wirklichkeit wird, beschleunigte angeblich Lapids Ankündigung am Wochenende.

Lapids Schatten meinten einige Kommentatoren auch schon über dem israelischen Kabinett auszumachen. Nach langem Streit stimmten Netanjahus Minister überraschend schnell einem Vorschlag zu, nach dem der Staat die Betreuungskosten für alle Kinder übernimmt, die jünger als drei Jahre sind. Mehr Geld für Erziehung war eine der Hauptforderungen Lapids und der Protestbewegung.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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