http://www.faz.net/-gpf-75ppf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.01.2013, 15:10 Uhr

Iyad ag Ghaly im Portrait Talib

Der Kopf der malischen Islamisten von Ansar al Dine hat sich von Mitglied der nationalistischen Tuareg zu einem waschechten Talib entwickelt. Die französischen Militärschläge bringen Iyad ag Ghaly nun in Schwierigkeiten.

von , Johannesburg
© AFP Geschäftsmann und Gotteskrieger: Iyad Ag Ghaly

Der Führer der malischen Islamistengruppe „Ansar al Dine“, Iyad ag Ghaly, scheint sich verkalkuliert zu haben. Offenbar hatte der Targi nicht an die Bereitschaft Frankreichs geglaubt, notfalls allein gegen die Radikalen in Mali vorzugehen. Seit Freitag vergangener Woche sind Ghalys Gotteskrieger auf der Flucht. Ob sich damit der Spuk des Islamismus im Norden Malis seinem Ende nähert, bleibt abzuwarten.

Thomas Scheen Folgen:

Ghaly aber, der politische Kopf der Radikalen, ist in ernsten Schwierigkeiten. Er wird seinen Verbündeten von „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim) und „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“ (Mujao) erklären müssen, wie er sich derart irren konnte und warum so viele Mudschahedin jetzt tot sind. Und warum das Geschäft mit Geiseln und Drogentransporten inzwischen bedroht wird.

Dabei hatte Ghaly sie alle um den Finger gewickelt: Der malischen Regierung hatte er vorgegaukelt, ernsthaft an Friedensverhandlungen interessiert zu sein. Doch wie dieser Mann funktioniert, war spätestens klargeworden, als er dem Vermittler in der malischen Krise, dem burkinischen Präsidenten Blaise Compaoré, mitteilen ließ, er habe jeglicher Form des Terrorismus abgeschworen, um kurz darauf mit den Terroristen von Aqim und Mujao die Offensive auf Konna zu planen.

Von Saudi-Arabien ausgewiesen

Iyad ag Ghaly, der in seiner Heimatregion als Respektsperson gilt, hat sich von einem nationalistischen Tuareg zu einem waschechten Talib entwickelt. Ghaly schloss als Anführer einer Tuareg-Rebellion 1990 einen Friedensvertrag mit Bamako, weil er den Zusagen der Regierung, die zurückgebliebene Region Azawad zu entwickeln, glaubte. Dafür haben ihn rivalisierende Tuareg-Gruppen lange gescholten. Die ersten Kontakte Ghalys zu radikalen Islamisten entstanden mutmaßlich um 2000, als die algerische Terrorgruppe „Groupe salafiste pour le combat et la prédication“ (GSPC) mit Geiselnahmen ausländischer Touristen - darunter auch Deutschen - auf sich aufmerksam machte. Ghaly empfahl sich als Vermittler zwischen den Terroristen und der Regierung in Bamako. Diese Rolle behielt er bei, als sich die GSPC 2007 in Aqim umbenannte.

Offenbar wurden der Regierung in Bamako die guten Kontakte des Tuareg-Führers unheimlich. Ghaly wurde aus Mali „weggelobt“. 2008 trat er einen Posten im malischen Konsulat in Dschidda in Saudi-Arabien an. 2010 tauchte Ghaly wieder in Mali auf. Offiziell hieß es, er sei auf Wunsch des malischen Außenministeriums zurückgekehrt. Tatsächlich aber hatten ihn die Saudis ausgewiesen, nachdem Ghaly auffällig engen Kontakt zu bekannten Radikalen aus Pakistan unterhalten hatte.

Anfang 2012 hängte sich Ghaly an die Tuareg-Rebellen der „Nationalen Befreiungsbewegung für Azawad“ (MNLA), und als diese fast den gesamten Norden erobert hatten, ließ Ghaly seine Gotteskrieger von der Leine und führte die inzwischen faktisch machtlose MNLA vor. Das alles hätte den Verhandlungsführern in der malischen Krise eine Lehre sein sollen, als sie Ansar al Dine an den Verhandlungstisch baten und Ghaly damit die Zeit gaben, eine neue Offensive vorzubereiten.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Razzia in Hildesheim Hot-Spot der Salafistenszene

Ein Verein soll in der niedersächsischen Stadt Muslime radikalisiert und zum Dschihad aufgerufen haben. Nun schlug die Polizei zu. Mehr

28.07.2016, 05:12 Uhr | Politik
Zeremonie in Normandie Gedenken an getöteten Pfarrer

Mit einer Zeremonie ist im französischen Städtchen Saint-Etienne-du-Rouvray des getöteten Priesters gedacht worden. Zwei radikale Islamisten hatten eine Kirche überfallen und den Geistlichen getötet. Nach dem Anschlag auf das Gotteshaus hat eine IS-nahe Agentur ein weiteres Video veröffentlicht, das einen der Attentäter zeigen soll. Mehr

29.07.2016, 15:02 Uhr | Gesellschaft
Terroranschläge Französische Regierung gegen Internierungslager für Islamisten

Der französische Premierminister Manuel Valls hat Forderungen nach einem Internierungslager für Islamisten wie in Guantanamo zurückgewiesen. Im Fall des Terrorangriffs auf eine Kirche räumt er ein Scheitern der Justiz ein. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

29.07.2016, 12:35 Uhr | Politik
Bayrischer Innenminister Herrmann: Ansbach-Attentäter hatte direkt vor Anschlag Chat-Kontakt

Nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann hatte der 27-jährige Syrer unmittelbar vor der Tat Kontakt mit jemandem, der maßgeblich auf das Attentatsgeschehen Einfluss genommen habe. Mehr

27.07.2016, 16:39 Uhr | Politik
Ehrenmorde Wo Vatermord Pflicht werden kann

Tötungen von Familienangehörigen durch militante Islamisten häufen sich in der arabischen Welt. Man beruft sich dabei auf einen mittelalterlichen Gelehrten. Wo soll das alles noch enden? Mehr Von Joseph Croitoru

27.07.2016, 06:54 Uhr | Feuilleton

Söder persönlich

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Kanzlerin bekräftigt „Wir schaffen das“ und die CSU bleibt leise? Nein, denn jetzt hat sich Markus Söder zu Wort gemeldet. Fragt sich nur, was er denn von der Kanzlerin erwartet hatte. Mehr 36 30