10.05.2006 · Der bald 81 Jahre alte Giorgio Napolitano tritt als neuer Präsident Italiens gut gerüstet das Erbe Ciampis an. Doch trotz seiner Metamorphose vom Kommunisten zum Linksdemokraten beginnt der ehrenhafte Napolitano sein Amt mit einem schweren historischen Makel. Von Heinz-Joachim Fischer.
Von Heinz-Joachim Fischer, RomDas eine ist der Buchstabe, das andere der Geist einer Verfassung. Giorgio Napolitano ist der neue Präsident der Republik Italien, von den beiden Häusern des Parlaments in gemeinsamer Sitzung gewählt, im vierten Wahlgang mit absoluter Mehrheit der 1009 Senatoren, Abgeordneten und Delegierten der Regionen, wie vorgeschrieben.
So gebührt ihm der Respekt, den die italienischen Bürger dem obersten Repräsentanten ihres Staates williger zollen als andere Völker. Das nun scheidende Staatsoberhaupt, Carlo Azeglio Ciampi, hat dieses demokratische Kapital in den sieben Jahren seiner Amtszeit großartig gemehrt.
„Anti-nazi-faschistisch“
Der bald 81 Jahre alte Napolitano tritt dieses wohlgepflegte Erbe gut gerüstet an. Er kann einen in gewissem Sinn untadeligen Lebenslauf vorweisen. Am 29. Juni 1925 in Neapel geboren, interessierte er sich für den in der süditalienischen Metropole besonders beliebten Beruf des Advokaten (mit entsprechendem Jurastudium) und dann, 1942, für die Politik.
Es war Krieg, und der Diktator Mussolini herrschte. Der junge Napolitano war gegen beide. Weil er zudem „aus guten bürgerlichen Verhältnissen“ stammte, schlug sein Herz links, auf kommunistische Art „anti-nazi-faschistisch“.
Jahrzehnte auf dem Irrweg
Dabei blieb er, obwohl schon in den fünfziger Jahren die Zweifel am Kommunismus wuchsen. Weil er aber im „Partito Comunista Italiano“ (PCI) immer höher stieg - Abgeordneter seit 1953, im Zentralkomitee der Partei seit 1956, später im Vorstand -, weil ihm wichtige Aufgaben (für Wirtschafts- und Außenpolitik) übertragen wurden, er mehrfach PCI-Fraktionsvorsitzender und 1992 Präsident der Abgeordnetenkammer wurde, fiel es immer schwerer, den Kommunismus als Irrtum einzugestehen und wirklich Sozialdemokrat zu werden, als der er galt und der er vom Habitus (“Genosse mit Hut“) ohnehin war, drei Jahre lang (1989 bis 1992) zudem ein distinguierter Euro-Parlamentarier.
Er begnügte sich mit dem „Euro-Kommunismus“ als Konversionsausweis und vollzog dann die Metamorphose der Kommunisten zu Linksdemokraten (1991) selbstverständlich mit. Keine Frage, daß er in der ersten Regierung Prodi (1996 bis 1998) ein staatstragender Innenminister war und kaum jemand etwas dagegen hatte, daß er im Mai 2005 wegen seiner Verdienste um die Republik zum „Senator auf Lebenszeit“ ernannt wurde.
Eine exzellente Wahl also, nach dem Buchstaben der Verfassung. Aber ihrem Geist hätte entsprochen, einen Präsidenten zu wählen, in dem sich alle Italiener wiedererkennen. Doch der „grandiose“ Irrweg des italienischen Kommunismus, der eine große sozialdemokratische Kraft nicht hat aufkommen lassen und zu spät sich linksdemokratisch mauserte, hat die Demokratie im Süden zuviel gekostet; das lastet noch immer.
Die Absolution einer Mehrheit der Bürger dafür steht noch aus, so wie auch das explizite Schuldbekenntnis der ehemaligen Kommunisten. Mit einer knappen Mehrheit hat die bei den Parlamentswahlen vor einem Monat siegreiche Links-“Union“ des designierten Regierungschefs Prodi nach den Parlamentspräsidenten, dem Neu-Kommunisten Bertinotti in der Kammer und dem Gewerkschaftsführer Marini im Senat, nun auch noch „ihr“ Staatsoberhaupt durchgesetzt. Der ehrenhafte Napolitano beginnt sein Amt mit einem schweren historischen Makel. Er weiß es.
Ich bin vom Paulus nicht so überzeugt
Julius Franzot (JFranzot)
- 11.05.2006, 00:25 Uhr