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Italienische Mafia Die Bosse des Nordens

22.07.2010 ·  Mord und Erpressung, Geldwäsche, Prostitution, Rauschgift- und Waffenhandel: Das ist der Alltag des Mafia-Weltunternehmens 'ndrangheta, das Milliarden umsetzt. Längst sind auch die braven Bürger der Lombardei von der organisierten Kriminalität unterwandert.

Von Jörg Bremer, Rom
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Ob die Carabinieri doch einen Spion in die Reihen der sonst durch Blutsbande so fest geschlossenen kalabrischen Mafia, der 'ndrangheta, einschleusen konnten? Oder brachte der interne Kampf um die Unabhängigkeit der reich gewordenen Mafia-Führer rund um Mailand gegen die Mutterorganisation in Süditalien das Netz ans Licht?

Die Polizei schweigt dazu. Stolz aber verweist sie mit Innenminister Roberto Maroni an ihrer Spitze darauf, dass ihr wohl noch nie ein so großer Fang gelungen ist: 3.000 Sicherheitskräfte nahmen letzte Woche in Nord- und Süditalien 305 Personen fest, darunter vier Carabinieri, die der Mafia zu Diensten gewesen sein sollen. Einer der Festgenommenen ist der „Boss der Bosse“, der 80 Jahre alte Domenico Oppedisano. Er war erst im August 2009 bei einem Hochzeitsbankett einstimmig von den „Männern der Ehre“ dazu bestimmt worden, die Mafia in Kalabrien zu führen. Zudem wurde der Capo der Lombardei, Pino Neri, festgesetzt.

Das wäre schon Erfolg genug; aber noch wichtiger ist die Festnahme von Bürgersleuten in der braven Lombardei, von denen man bisher nie gedacht hätte, dass auch sie etwas mit der Mafia zu tun haben könnten. Zum Beispiel der Leiter der Gesundheitsbehörde von Pavia, Carlo Antonio Chiriaco, der Bauunternehmer Francesco Bertucca und der Biologe und Unternehmer Rocco Coluccio aus Novara.

Die wichtigsten Einnahmequellen der Mafia

Sie sollen den Aufbau des norditalienischen Astes der kalabrischen 'ndrangheta betrieben haben, mithin beteiligt sein an Mord und Erpressung, Geldwäsche, Prostitution, Rauschgift- und Waffenhandel. Das sind die wichtigsten Einnahmequellen der Mafia, die im Jahre 2007 rund um den Globus 44 Milliarden Euro umgesetzt haben soll, vor allem mit dem Transport und Verkauf von Rauschgift aus Südamerika nach Europa.

Das aber ist nur ein Teil des Weltunternehmens 'ndrangheta. Die Bürgersleute in der Lombardei versuchten vor allem, das illegal erwirtschaftete Geld wieder in die legale Wirtschaft zu pumpen und somit reinzuwaschen. Das geschah meist über den Erwerb staatlicher Bauaufträge, oft im Gesundheitssektor. Der bisherige Chef des Gesundheitsamts Chiriaco verfügte über einen Jahreshaushalt von etwa 800 Millionen Euro. Das gibt Spielraum für Geldwäsche.

Staatliche Aufträge können die Mafiosi oft billiger erledigen als andere Bewerber, weil sie zum Beispiel auf Baustellen ihren Schutt nicht ordnungsgemäß entsorgen, sondern illegal unter die Erde bringen. In Polizeiberichten ist von 2,05 Millionen Kilo Müll aus zwei Baustellen in der Gegend um Como und Bellinzona die Rede. Schon seit Jahren handelt die 'ndrangheta mit Müll; auch Sondermüll, den sie zum Beispiel deutschen Vertragspartnern günstig abnahm und dann verängstigten Bauern in Süditalien unter die Äcker pflügte. Krankheit und Missernten sind die Folgen.

Italiens Mafia-Struktur mit straffer Hierarchie und Kontrollrat

Bisher hatte es in der Propaganda des Nordens, vor allem bei der „Lega Nord“ geheißen, allein der Süden verfalle der Mafia. Tatsächlich war der Norden zunächst nur ein Ruheort für bedrängte Mafiosi. Dann entstand allmählich eine eigene Mafia-Struktur mit straffer Hierarchie. Die verschiedenen Clans des Südens schlossen sich im Norden zusammen und schufen einen Kontrollrat, der zwar nicht entscheiden, aber zwischen Nord und Süd Brücken bilden sollte.

Nach einem Video, das die Zeitung „Repubblica“ verbreitete, versuchte die 'ndrangheta der Lombardei 2008, sich vom Süden selbständig zu machen. Am 14. Juli wurde dann der 60 Jahre alte „Separatist“ Carmello Novella in einer Bar in San Vittore Olona bei Mailand erschossen. Die Mutterorganisation in Kalabrien beendete blutig den Versuch der Selbständigkeit ihrer nördlichen Söhne. Dem beugte sich Pino Neri, der, wie ein anderes Video zeigt, den versammelten Herren bei einer Abstimmung zurief: „Wir müssen an die Dinge denken, die uns vereinen, nicht trennen.“ Man habe doch dasselbe Ziel.

Die 'ndrangheta agiert auch in der Politik

Das Ziel sind Macht und Reichtum. Längst sitzt nach Angaben der Polizei die 'ndrangheta in den meisten politischen Gremien und Ämtern Italiens und regiert mit; zum Teil ganz unauffällig - Aufträge werden nach den besonderen Interessen vergeben, Wählerstimmen gekauft, belastende Akten verschwinden. Das ohnedies mühsame Gebaren der italienischen Bürokratie bietet genügend Ösen und Ecken, um Mafia-Interessen durchzusetzen. Die Freizügigkeit der Grenzen nutzt der Mafia. Jetzt kam es gleichzeitig auch zu Verhaftungen in den Vereinigten Staaten.

Aufgerüttelt ist die Schweiz, wo zum Beispiel der Regionalzug zwischen Como und Chiasso im Tessin jeden Tag die Möglichkeit bietet, Geld über die Grenze zu bringen. Aber nicht nur für die Geldwäsche ist die Schweiz ein beliebter Platz. Im Oktober 2009 wurde ein im Tessin lebender Rauschgifthändler zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der Mann hatte im Auftrag der 'ndrangheta 200 Kilogramm bolivianisches Kokain transportiert, das für Italien bestimmt war.

Im Gegensatz zur „cosa nostra“ aus Sizilien oder der Camorra aus Neapel galt die 'ndrangheta bisher als nicht „unterlaufen“. Noch gibt es keine Kronzeugen, die ihren mit Blut geschworenen Clan-Eid brechen und für Straferleichterung der Polizei Geständnisse liefern, wie das immer häufiger Mafiosi aus Sizilien oder aus Neapel tun. Das aber mag sich ändern. Die Bürgersleute aus der Lombardei gehören oft nicht zu den Clans und könnten der 'ndrangheta zur Gefahr werden. Nach offiziellen Angaben zählte die 'ndrangheta bisher etwa 155 Clans mit etwa 6.000 Mitgliedern. In Kalabrien gehören etwa 2,7 Prozent der Bevölkerung zur 'ndrangheta, die es dort seit mehr als 150 Jahren gibt.

Genaue Einteilungen der Territorien

Die kalabrische Mafia teilte sich bisher ihre Territorien genau auf. Bei Heiraten über Clan-Grenzen hinweg wurden die Territorien neu gesteckt; längs der Bäume einer Allee oder am Wassergraben entlang. 1985 kam es in Reggio zu einem Krieg zwischen zwei bisher alliierten Clans. In Duisburg wurde 2007 ein ähnlicher Konflikt zwischen zwei Clans ausgetragen, damals wurden sechs Italiener niedergestreckt. Bald danach beschlossen die Clanchefs durch Vermittlung jenes Kontrollrats, dass so ein Ehrenhandel zu viel Aufsehen errege und schädlich sei.

Die Clan-Familien leben nach einem strengen Schema, das es Angehörigen schwierig macht, abseits zu stehen. Auch die Frau hat ihre Rolle, als „sorella d'omertà“ (Schwester des Schweigens) unterstützt sie Flüchtige. Aber es soll auch Frauen geben, die aktiv für ihren Mann in Haft einspringen. Schon das Baby ist ein „giovane d'onore“, mithin Anwärter. „Picciotto d'onore“ ist der erste Grad der „Karriere“ bei der 'ndrangheta. Diese Picciotti-Soldaten sind zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet.

Die „Camorrista“ handeln selbständig und können für Schutzgelder in einer Nachbarschaft zuständig sein. Ein „Vangelo“ kann nur werden, wer kriminelle Verdienste errang. Er muss auf das Evangelium den Eid ablegen. Der „Quintino“ besetzt eine Spitzenposition. „Man“ erkennt einander an der Tätowierung, einem fünfzackigen Stern.

Ein Schlag in das organisatorische und finanzielle Herz der Organisation

Das italienische Recht erlaubt es, Immobilien und bewegliches Eigentum der Mafia zu beschlagnahmen, wenn auch nur der Verdacht besteht, der Besitz sei aus Geschäften des organisierten Verbrechens erwirtschaftet worden. Bei der jüngsten Razzia wurden 138 Wohnungen konfisziert, 278 Grundstücke und 235 Autos; insgesamt Güter im Wert von etwa eine Milliarde Euro. Innenminister Maroni sprach von einem Schlag in das organisatorische und finanzielle Herz der 'ndrangheta.

Italiens Polizei nimmt fast wöchentlich Mafia-Gangster fest und beschlagnahmt ihr Vermögen. Sie sagt aber auch, dass ständig neue Kader nachwachsen; dass die Mafia nur besiegt werden kann, wenn das Vakuum gefüllt wird, das aus einem Mangel an Staat besteht und einer Gesellschaft, in der es auch im reichen Norden studierte „Ehrenmänner“ gibt, die eine Chance sehen, für Mord und Rauschgiftgeschäfte, Geldwäsche und millionenfachen Betrug nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden.

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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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