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Italien : Unnachgiebig gegen den „Berlusconismus“

  • -Aktualisiert am

Staatsanwältin Ilda Boccassini: Spektakuläre Fälle und Personenschutz Bild: AFP

Ilda Boccassini ist zum Symbol der Staatsanwälte in Mailand geworden, die den „Berlusconismus“ in Italien zur Strecke bringen wollen. Mit dem „Fall Ruby“, für den sich Berlusconi jetzt verantworten muss, könnte sie ihre Karriere krönen.

          Sie gibt keine Interviews und geht nicht in die Talkshows. In der rechten italienischen Presse gilt Ilda Boccassini als rote Hilde, „Ilda La Rossa“. Ihre Freunde aber achten sie als begnadete Juristin. Jetzt ist Ilda Boccassini zum Symbol der Staatsanwälte in Mailand geworden, die den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi strafrechtlich verfolgen und den „Berlusconismus“ zur Strecke bringen wollen. Sie sei kein leichter Charakter, heißt es, denn sie gebe nicht nach.

          Immer wieder sieht man dieser Tage in den Zeitungen das Bild dieser 1949 in Neapel geborenen Frau mit den roten Haaren und den schmalen Lippen, denn sie legte jetzt den „Fall Ruby“ dem Gericht vor. Nun muss sich Berlusconi wegen des Falls vor Gericht verantworten.

          Frau Boccassini wirft dem Regierungschef Beihilfe zur Prostitution bei einer Minderjährigen vor. Berlusconi habe die seinerzeit noch 17 Jahre alte Karima El Marough (Ruby) mehrfach über Nacht in seiner Villa bei Arcore aufgenommen. Amtsmissbrauch sei es gewesen, als er Ruby Ende Mai, als diese wegen des Verdachts auf Diebstahl in Polizeigewahrsam war, an den Jugendrichtern vorbei aus der Zelle holte. Er benutzte dafür die vorgetäuschte Behauptung, Ruby sei eine Nichte des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mubarak.

          Demonstration gegen Berlusconi an diesem Sonntag in Mailand

          Berlusconi spricht von „subversiven Ermittlern“

          Bei Verurteilung droht Berlusconi bis zu 15 Jahre Haft. Berlusconi spricht von „subversiven Ermittlern“, die ihn und die Würde Italiens in den Schmutz zögen. Er habe nicht gewusst, dass Ruby erst 17 Jahre alt sei. Er hält die Mailänder Staatsanwaltschaft auch nicht für zuständig. Ilda Boccassini hat dagegen keine Zweifel, auch wenn manche glauben, ihr werde der Nachweis schwerfallen, dass Berlusconi das wahre Alter Rubys gekannt habe.

          Schon in dem Korruptionsprozess gegen Berlusconis britischen Anwalt Mills führte Frau Boccassini das Verfahren. Mills wurde wegen passiver Bestechung verurteilt. Andererseits deckte sie 2007 eine Anarchistenbewegung auf, die „Neuen Roten Brigaden“. Das bewahrte das Mailänder Büro Berlusconis vor einem Bombenanschlag. Es soll schon zu Neid in der Staatsanwaltschaft geführt haben, dass Frau Boccassini stets die spektakulären Fälle verfolgt. Das begann 1989 mit der Untersuchung „Duomo Connection“, dem Vorstoß der sizilianischen Mafia nach Mailand. Als 1992 ihr Freund Giovanni Falcone und wenig später ein weiterer Staatsanwalt von der Mafia getötet wurden, ließ sie sich nach Caltanissetta auf Sizilien versetzen, um die Mörder zu verfolgen.

          Wieder in Mailand gehörte sie mit zu den Staatsanwälten, die in der Operation „Mani pulite“ den durch Korruption verkrusteten Apparat von Politik und Wirtschaft bloßstellte und so das gesamte bisherige Parteiensystem hinwegfegten. Frau Boccassini lebte bisweilen gefährlich und stand unter Personenschutz. Wenn jetzt die Berlusconis Bruder gehörende Zeitung „Il Giornale“ versucht, die Ehefrau und Mutter zweier Jugendlicher mit der alten Behauptung anzuschwärzen, sie habe 1981 ein Verhältnis mit einem Journalisten gehabt, dann wirkt das hilflos.

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