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Italien und die Flüchtlinge Es kommt wohl wieder ein Boot an

13.09.2004 ·  Der Sommer auf Lampedusa ist eine Zeit des andauernden Notfalls. Denn die Süditaliener sind von der großen Zahl der illegalen Einwanderer und deren Armut überfordert.

Von Susanne Kusicke
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Vom Restaurant „Il Saraceno“ aus hat man einen guten Blick auf den Hafen von Lampedusa. Es liegt hoch oben auf den Klippen über der Bucht. Wind weht vom Meer herauf. Das Meer liegt unten blau und still, am Horizont im Dunst. Türen und Fenster stehen offen. Die Tische sind gedeckt, doch noch hängt Nachmittagsstille im Raum. Hinten schläft auf einem Sofa eine Frau, in Hauskittel und Pantoffeln, die Mutter der Lega-Nord-Politikerin Angela Maraventamo. Ihre Tante wischt den Boden, in bedächtigen Schwüngen.

Angela Maraventamo sitzt am vordersten Tisch auf der Veranda und starrt hinunter auf den Hafen. Dort unten ist etwas in Bewegung. Die Boote der Küstenwache und der Zollkontrolle sind ausgelaufen, alle und auf einen Schlag, leer liegt der Quai. Am äußersten Ende des letzten Piers ist ein Krankenwagen vorgefahren, Polizeiwagen parken davor. Wie magnetisch angezogen steuern die Leute im Hafen darauf zu: kleine schwarze Punkte, die plötzlich nur noch eine Richtung kennen. „Es kommt wohl wieder ein Boot an“, sagt Angela Maraventamo.

„Die illegale Einwanderung ist ein riesiges Geschäft“

Sie zuckt mit den Schultern, halb resigniert, halb abgeklärt, und steckt sich eine Zigarette an. Die Falten an ihren Mundwinkeln graben sich noch ein wenig tiefer. Die Politikerin ist bekannt auf der ganzen Insel. Im Juni kandidierte sie im Wahlkreis Sardinien-Lampedusa für die Lega Nord und erhielt 1.400 Stimmen. Es ist der einzige Flecken in Süditalien, wo die Partei aus dem Norden etwas zu sagen hat.

Was Angela Maraventamo zu sagen hat, richtet sich gegen die vielen illegalen Einwanderer aus Afrika, vor allem aber gegen die Politiker in Rom, die den Schleusern nicht nur nicht das Handwerk legten, sondern sogar noch davon profitierten. „Die illegale Einwanderung ist kein Problem, sondern ein riesiges Geschäft, eine Allianz zwischen gewissen Leuten. Alle sind daran beteiligt, Politiker, Präfekten, Polizei und Küstenwache. Ganz Italien verdient daran. Alle sind korrupt, alle sind verantwortlich“, sagt sie und schwenkt weltumspannend die Arme über dem Kopf.

Von den Einwanderern überfordert

„Lampedusa kann nicht all diese Leute aufnehmen, und sie ruinieren den Ruf der Insel. Wir sollten die Tore schließen“, sagt sie und sieht hinaus auf das Meer, das weder Tor noch Straße hat. Tatsächlich verfügt Lampedusa nicht über die Mittel, die vielen Einwanderer über längere Zeit zu beherbergen, und so gastfreundlich die Süditaliener eigentlich sind - von der großen Zahl der Einwanderer, auch ihrer Armut, sind sie überfordert. Der Sommer auf Lampedusa ist eine Zeit des andauernden Notfalls.

Die Insel hat kein Krankenhaus und kein Sozialamt, kaum Verkehrswege. Sie ist nichts als ein gelber Kalkfelsen auf der Fahrt nach Afrika, oder umgekehrt: nach Italien. Zu Beginn der Industrialisierung wurde Lampedusa abgeholzt und nie wieder aufgeforstet. Der Wind trug den Humusgrund davon, seitdem wachsen nur noch Büsche und Agaven. Die Fähre braucht acht Stunden nach Sizilien, bei hohem Seegang zehn. Aber es ist ein beliebter Urlaubsort der Italiener, und viele Sizilianer haben hier ein Ferienhaus.

Stacheldraht sichert das Aufnahmelager

Von ihnen, den Touristen, soll jede Berührung mit den Fremden ferngehalten werden. Wird ein Flüchtlingsboot entdeckt, schleppt die Küstenwache es in den Hafen, und die Polizei fährt die Insassen sofort an den Flughafen. Dort gibt es ein kleines Aufnahmelager, das beständig überfüllt sein soll. Seit einem kritischen Bericht der „Ärzte ohne Grenzen“ lassen die Behörden keine Journalisten mehr hinein.

Als die Regierung in Rom vor einem Jahr plante, ein neues, großes Aufnahmelager auf Lampedusa zu bauen, schlossen Restaurant- und Geschäftsbesitzer, Tauchschulleiter und Hotelbetreiber aus Protest zwei Tage lang ihre Türen, und die Politikerin von der Lega Nord kettete sich am Bauzaun an. Das Lager wurde nicht gebaut. Das alte Lager am Flughafen wird streng bewacht. Stacheldrahtrollen sichern es.

Abschiebung droht innerhalb von 60 Tagen

Bevor die Reisenden in den Hotelbus steigen, können sie von fern Gestalten auf dem Vorplatz sehen, frische Luft schnappend, den Flugzeugen nachschauend. Die Migranten bleiben dort nur zwei, drei Tage lang, dann werden sie in andere Lager gebracht, nach Agrigento, Syrakus oder Tapani auf Sizilien oder weiter auf das italienische Festland, wo viele Lager leerstehen, seit der Strom der Einwanderer aus Albanien und Jugoslawien versiegt ist: nach Crotone in Kalabrien, Bari oder Foggia in Apulien.

Von dort aus werden die meisten von ihnen innerhalb von 60 Tagen ohne viele Umstände wieder abgeschoben; Italien hat mittlerweile etwa dreißig Rückübernahmeabkommen mit Herkunfts- und Transitländern in Afrika und auf dem Balkan abgeschlossen. Tunesien beispielsweise verpflichtete sich 1998, illegale Einwanderer zurückzunehmen, wenn nachgewiesen wird, daß ihr Boot von der tunesischen Küste aus in See gestochen war. 2003 verhandelten Italien und Tunesien abermals; seither dürfen Schiffe der italienischen Marine Boote auch auf hoher See aufhalten, bis die tunesische Küstenwache verständigt ist und ein Schiff schickt, um die Leute an Bord zu nehmen.

Mischung aus Druck und Belohnung

Ergänzend gab sich Italien ein Gesetz, in dem es der Marine Kontrollen an Bord fremder Schiffe gestattete. Juristen an der Universität Palermo halten es für völkerrechtswidrig. Der Inhalt mancher Kooperationsabkommen wird geheimgehalten, wie jüngst die Vereinbarungen, die Ministerpräsident Berlusconi mit dem libyschen Staatschef Gaddafi traf. Klassischerweise enthalten sie Regelungen zur Rückübernahme, polizeilichen Zusammenarbeit, gemeinsamen Küstenüberwachung, Ausbildung und Ausrüstung der Polizei und zum Einsatz von Verbindungsbeamten.

Die Herkunfts- und Transitländer werden mit einer Mischung aus Druck und Belohnung zur Kooperation bewegt: Entwicklungshilfe wird an Bedingungen geknüpft, dem Land eine Einwanderungsquote zugestanden. So kommt es, daß viele Leute auf Lampedusa dasselbe berichten: „Die Einwanderer landen, kommen an den Flughafen, und: sssst - weg sind sie wieder.“ Eine Boutiqueverkäuferin imitiert mit einer Handbewegung ein Flugzeug, das in einen unbestimmten Himmel startet.

Ein halbes Dutzend Flüchtlingsschiffe am Pier

Die Fischer auf der Insel reden über das Problem fast gar nicht mehr. Einer von ihnen steht an diesem Nachmittag am Hafen und blickt kaum von seinem Netz auf. Ein paar Fischchen haben sich darin verfangen. Sorgsam flicht er sie heraus und wirft sie zurück ins Wasser. „Einer von uns hat vor zehn Tagen Schiffbrüchige an Bord genommen. Darauf wurde sein Boot konfisziert, drei Tage lang. Was soll man also machen.“ Eine Antwort gibt er darauf nicht. Wieder fliegt ein Fisch ins Wasser.

Am letzten Pier, dort, wo das nächste Flüchtlingsschiff erwartet wird, liegen schon ein halbes Dutzend Boote ihrer Vorgänger: brüchig, eine Plastiklatsche in einem, ausgefranste Strohmatten in einem anderen. Die Boote aus dem letzten Jahr sind dunkel am Grund. Schaulustige haben sich versammelt, Pärchen auf Vespas in Sporthosen und Bikini, nebeneinander aufgereiht den Pier entlang. Die Sanitäter von der Hilfsorganisation Misericordie hängen Nährlösungsbeutel im Krankenwagen zurecht und klappen Krankentragen auf.

„Wir dürfen nicht darüber reden“

Wie viele sind an Bord? Sie wissen es nicht. Wie viele sind schon im Lager? Da blicken alle ihren Leiter an. Er trägt die Stirn in Sorgenfalten. „Wir dürfen nicht darüber reden.“ Mit dem Kinn deutet er hinüber zu den Carabinieri, die den Landeplatz umstehen: „Zuviel Ärger.“ Die Bruderschaft Misericordie betreut die Leute im Lager, kleidet sie ein, bereitet das Essen, versorgt die Kranken. Die Brüder gelten als verschwiegen; routiniert erledigen sie ihre Arbeit. Viel helfen können sie nicht, aber doch einen minimalen Standard für die Ankommenden aufrechterhalten.

Dann läuft eines der grau lackierten Schnellboote der Zollkontrolle ein. Das Boot der Flüchtlinge haben sie gleich auf dem Meer gelassen, die Insassen an Bord genommen. Als es sich nähert, schauen alle gespannt vom Pier hinunter in den Fond. Sechs Männer liegen dort nebeneinander, die Arme auf der Brust verschränkt, barfuß, regungslos. Tot? Einen Moment stehen auch die Männer oben auf dem Steg still.

Die Männer können kaum laufen

Da hebt sich langsam eine Hand, tastet nach dem Geländer: Einer der Männer beginnt sich hochzuziehen. Schafft es nicht, sackt zurück. Jetzt kommt Bewegung in die Gruppe auf dem Pier; die Carabinieri helfen einem nach dem anderen von Bord. Die Männer sind so schwach, daß sie kaum den Meter bis zum Krankenwagen laufen können; die Ordensbrüder stützen sie. Ein unsäglicher Geruch liegt plötzlich in der Luft.

Die Türen schließen sich, der Krankenwagen fährt davon; ein Schauspiel von dreieinhalb Minuten. Die Zuschauer zerstreuen sich. In der Nacht wird das nächste Boot gesichtet. An Bord sollen 150 Leute sein.

Weiter zum zweiten Teil des Artikels: Es kommt wohl wieder ein Boot an (zweiter Teil)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgabe vom 14. September 2004
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Jahrgang 1967, Redakteurin in der Politik.

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