12.11.2003 · Nach dem gewaltsamen Tod von 18 Italienern im Irak debattiert man in Rom über den Militäreinsatz. Premier Berlusconi will sich von dem Anschlag nicht einschüchtern lassen.
Von Heinz-Joachim Fischer, RomDer Tod von 18 Italienern bei dem Bombenanschlag im Irak, Carabinieri und Soldaten, hat die Italiener am Mittwoch bestürzt. In den vergangenen Monaten schien der militärisch-polizeidienstliche Beitrag des Landes für die Befriedung des Iraks scheinbar risikolos. Als am Mittwochmorgen die Nachricht von dem mörderischen Terroranschlag in Italien eintraf, brach eine Nation in Trauer aus, fanden die Politiker Worte von Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer, änderte das Fernsehen rasch sein Programm. Aber vor allem zeigten sich die Bürger ratlos: Was haben sie eigentlich mit einem Attentat in Nassirija, im südlichen Irak, zu tun?
Mehr als ein dutzend Tote - das ist eine menschliche Tragödie, wie sie Italien lange nicht mehr kannte. Die Politiker aller Parteien äußerten daher Abscheu über die Mörder, sie begannen aber auch schon kontroverse Diskussionen über den zukünftigen Beitrag Italiens zur Befriedung des Irak. Staatspräsident Ciampi verurteilte den Selbstmordanschlag, der nicht nur Italiener, sondern auch irakische Zivilisten getroffen hatte, "als schändlichen Akt des Terrorismus". Papst Johannes Paul II. sprach während der traditionellen Generalaudienz von einer "feigen Aktion" gegen die Menschlichkeit.
„Hart und entschieden“
Die beiden Häuser des Parlaments unterbrachen am Vormittag ihre Debatten. Die Präsidenten von Kammer und Senat, Casini und Pera, verurteilten den Terrorismus und setzten für den Nachmittag Sondersitzungen an. Ministerpräsident Berlusconi, Chef einer Vierer-Koalition der rechten Mitte, beeilte sich zu versichern: "Wir lassen uns nicht einschüchtern." Italien werde seinen Beitrag unbeirrt fortsetzen, damit die Iraker auf dem Weg zu Frieden und Demokratie vorankämen. Auch Außenminister Frattini äußerte, man werde weiter "hart und entschieden" den Terrorismus bekämpfen. Bei Verteidigungsminister Martino laufen unterdessen die Nachrichtensträge zusammen, werden die Dispositionen für Sicherungsmaßnahmen in Absprache mit dem itaienischen Kommandeur im Irak, General Bellini, getroffen.
Doch schon im Laufe des Mittwochs zeigte sich, daß die Einheit der Demokraten angesichts einer solchen Schreckenstat nicht lange dauert. Parteipolitiker der Koalition, von "Forza Italia" und "Lega Nord", die Rechtsnationalen und Christliche Demokraten des Zentrums stellten heraus, im Kampf gegen den internationalen Terrorismus müsse Italien seinen Beitrag leisten und fortsetzen. Die moderaten Führer der Linksopposition, Fassino als Chef der Linksdemokraten und Rutelli ("Margherita"), wollten die Einheit nur für die nationale Trauer, für die Solidarität mit den Angehörigen der Opfer gelten lassen; man müsse jedoch bald über die weiteren Modalitäten der italienischen Präsenz im Irak sprechen.
Vorwürfe von der Linken
Die radikale Linke hingegen, Kommunisten, Grüne und ein Teil der Linksdemokraten, forderte den Abzug aller italienischen Streit- und Sicherheitskräfte. Die radikale Linke kann für sich in Anspruch nehmen, sie habe schon immer gewußt, daß ein militärisches Abenteuer für Italien im Irak auch gefährlich enden könne. Sie wirft Ministerpräsident Berlusconi vor, er habe sich leichtfertig vor Monaten an die Seite der Vereinigten Staaten und seines persönlichen Freundes, des amerikanischen Präsidenten Bush, gestellt. Dadurch konnte Berlusconi zwar im Unterschied zu den Regierungen in Berlin und Paris auf vorzügliche Beziehungen zu Washington verweisen; nun aber, so die Klagen, müsse der Preis dafür gezahlt werden. Vom Papst wußte man schon vorher, daß Gewalt nicht zur Lösung von Konflikten tauge, daß der Frieden im Irak schwerer zu gewinnen sein werde als der Krieg.
Berlusconi hatte zwar den Krieg der Vereinigten Staaten gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein befürwortet, aber ein militärisches Kampfkontingent nicht vorgesehen. Als der eigentliche Krieg überraschend schnell zu Ende ging, war die Regierung in Rom dann aber bereit, in der Mission "Antica Babilonia" Schutz- und Sicherheitstruppen zu entsenden. So stehen jetzt im Irak rund 2400 italienische Soldaten und 400 Carabinieri, das traditionsreiche paramilitärische Polizeicorps.