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Tuberkuloseverdacht : Gesundheitsbehörde holt 16 Migranten vom Rettungsschiff „Diciotti“

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Mehr als hundert Menschen harren an Bord des Schiffes aus. Bild: dpa

Aus gesundheitlichen Gründen dürfen weitere Flüchtlinge das Rettungsschiff „Diciotti“ verlassen. Der Präsident der italienischen Caritas findet drastische Worte für das Verhalten der Regierung.

          Die Gesundheitsbehörde im Hafen von Catania hat angeordnet, dass 16 Migranten das dort festliegende Rettungsschiff „Diciotti“ verlassen müssen. Bei zwei der insgesamt elf Frauen und fünf Männer bestehe Verdacht auf Tuberkulose, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa am Samstag.

          Das Schiff der italienischen Küstenwache hatte am 16. August insgesamt 190 Flüchtlinge aufgenommen und erst am Montag die Erlaubnis bekommen, in den Hafen von Catania einzufahren. 13 der Geretteten wurden bereits kurz nach der Rettung nach Lampedusa gebracht, 27 Minderjährige konnten am Mittwochabend von Bord gehen. Die übrigen will Innenminister Matteo Salvini erst aussteigen lassen, sobald die Verteilung der Migranten auf weitere EU-Staaten geklärt ist. Vermittlungsgespräche in Brüssel blieben am Freitag jedoch erfolglos.

          „Hunde würden besser behandelt“

          Der sizilianische Francesco Kardinal Montenegro kritisierte die italienische Regierung scharf dafür, die Flüchtlinge nicht an Land zu lassen. „Wenn es Hunde wären, wäre schon der Tierschutz eingeschritten“, sagte Montenegro, Erzbischof von Agrigent und Präsident der italienischen Caritas, der Zeitschrift „Famiglia Cristiana“ Im Wissen um die schwerwiegende Situation der Menschen an Bord mache man sie zu „Tauschware“. Darüber sei er „angewidert“, sagte der Kardinal.

          Montenegro widersprach dem Argument, dass auch viele Katholiken den Kurs von Innenminister Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega teilten. Man könne sich als Christ nicht einzelne Seiten des Evangeliums aussuchen und andere ablehnen. „Wer den Nächsten zurückweist, weist Christus zurück“, sagte der Kardinal.

          Die hygienischen Zustände an Bord sind Medienberichten zufolge bedenklich: Demnach gibt es nur zwei Bäder für die Vielzahl an Menschen. Zahlreiche Migranten leiden außerdem an Krätze. Inzwischen traten zahlreiche Passagiere der „Diciotti“ laut italienischen Medienberichten in Hungerstreik.

          Unterdessen rief das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen die EU-Staaten dazu auf, die Blockade des Schiffes zu beenden. „Es ist an der Zeit, dem Schlagabtausch ein Ende zu setzen“, sagte UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi laut einer Mitteilung am Samstag. „Es ist gefährlich und unmoralisch, das Leben von Flüchtlingen und Asylsuchenden aufs Spiel zu setzen, während die Staaten in einem politischen Tauziehen langfristige Lösungen suchen.“

          „Linie der Standfestigkeit“

          Das italienische Innenministerium sah jedoch auch am Samstag keinen Anlass für ein Einlenken. Es ändere sich nichts an der „Linie der Standfestigkeit“, verlautete aus Ministeriumskreisen.

          Nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs seien es die Europäer gewesen, die sich maßgeblich an der Erstellung der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 beteiligt hätten, sagte UN-Flüchtlingskommissar Grandi, selbst ein Italiener. Er mahnte, die darin festgehaltenen Grundwerte der Solidarität und Menschenrechte aufrechtzuerhalten.

          Nach Ansicht von Italiens Regierungschef Giuseppe Conte hat Europa am Freitag die Gelegenheit verpasst, Solidarität zu beweisen. „Wieder einmal zeigt sich die Diskrepanz zwischen Worten und Taten, die in Heuchelei übergeht“, schrieb er am Freitagabend auf Facebook.

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