28.07.2008 · Zwei offenbar aufeinander abgestimmte Bombenexplosionen haben in Istanbul mindestens 15 Menschen getötet. Hinter dem Anschlag im europäischen Teil der Stadt wird laut einem Medienbericht die kurdische Separatistenorganisation PKK vermutet.
Ein Bombenanschlag in der türkischen Metropole Istanbul hat am Sonntagabend nach offiziellen Angaben mindestens 15 Menschen getötet. Etwa 150 Menschen wurden demnach verletzt. Die Regierung sprach von einem Terroranschlag. Welche Terrorgruppe das Attentat verübt habe, sei jedoch unklar, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Hayati Yazici. Der türkische Nachrichtensender NTV berichtete, die Sicherheitsbehörden vermuteten die verbotene kurdische Arbeiterpartei (PKK) hinter dem Anschlag.
Unmittelbar nach der Tat begannen Sicherheitskräfte mit der Spurensicherung. Nach Angaben des Gouverneurs von Istanbul, Muammer Güler, wurde gegen 21.45 Uhr Ortszeit eine kleine Bombe in einem Abfallkorb auf einer belebten Straße des europäischen Stadtbezirks Güngören gezündet. Als Menschen herbeiströmten, sei die eigentliche Bombe gegen 22.00 Uhr explodiert.
„Art des Anschlags deutet auf PKK“
Gouverneur Güler sagte, er sei sich sicher, dass es ein Terroranschlag war. Ziel des Attentats sei es gewesen, so viele Menschen wie möglich zu treffen. Auf Fernsehbildern waren zahlreiche Verletzte auf der Straße zu sehen. Blutende wurden in Rettungswagen getragen. Der Sender NTV berichtete, Sicherheitskreise gingen aufgrund von Ähnlichkeiten mit anderen Anschlägen davon aus, dass die PKK hinter der Tat stecke. Vor allem die Methode, erst eine Bombe zu zünden und dann eine zweite, weise darauf hin.
Staatspräsident Abdullah Gül und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verurteilten den Anschlag. „Mit dem Töten unschuldiger Menschen und mit Terrorismus können keine Ziele erreicht werden“, sagte Gül. „Diese Anschläge zeigen, wie unmenschlich und armselig die Urheber sind.“
Die PKK kämpft seit 1984 für die Unabhängigkeit der kurdischen Minderheit in der Türkei. Bei Kämpfen in den südöstlichen Provinzen und bei Anschlägen im ganzen Land sind seither Zehntausende getötet worden. Die Regierung in Ankara ging zuletzt verstärkt gegen die PKK vor und bombardierte wiederholt ihre Stellungen im Grenzgebiet zum Irak. Am 8. Juli hatte ein Kommando der PKK drei Bergsteiger aus Bayern am Berg Ararat in der Osttürkei verschleppt. Am 20. Juli waren die drei Männer dann unversehrt wieder freigekommen.
Zusammenhang mit AKP-Verbot?
Ob der Anschlag möglicherweise mit den am Montag beginnenden Beratungen des Verfassungsgerichts über ein Verbot der Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Erdogan zusammenhängt, war zunächst unklar. Das Verfahren hat in den vergangenen Monaten zu tiefer Unsicherheit bei Politik und Wirtschaft geführt und das Land gespalten.
Der AKP wird vorgeworfen, gegen das Verfassungsgebot eines säkularen Staates zu verstoßen und die Türkei islamisieren zu wollen. Die Staatsanwaltschaft hat neben dem Verbot der Partei beantragt, der Führungsriege der AKP fünf Jahre lang jegliche politische Tätigkeit zu untersagen. Die AKP weist die Vorwürfe zurück. Ein Verbot der Partei dürfte den langwierigen EU-Beitrittsprozess des Landes weiter belasten.
PKK?
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 28.07.2008, 02:31 Uhr