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Die Zukunft Europas : Vom Versagen der Eliten

Liberale Elite: Bankangestellte im Londoner Finanzdistrikt Canaray Wharf in einer Bar Bild: Reuters

Seit Jahren eckt Jan Zielonka mit seinen Fragen und Theorien an. Der Oxforder Professor beklagt nun eine Gegenrevolution und greift die „liberalen Eliten“ an.

          Die grundlegende Aufgabe der Intellektuellen ist es, alle angenommenen Weisheiten in Zweifel zu ziehen ... und jene Fragen zu formulieren, die sich sonst niemand zu stellen wagt.“ Mit diesen Worten des deutschen Briten Ralf Dahrendorf beendete Jan Zielonka nicht nur sein jüngstes Buch – er lebt den Satz. Seit Jahren eckt der Professor für Europäische Politik in Oxford an. Zielonka, der sich als „Dahrendorf Fellow“ in den Fußstapfen des oft als „großer Europäer“ gewürdigten Soziologen sieht, nannte die EU „Imperium“, als sie noch hoch im Kurs stand, und fragte sich später, ob sie am Ende sei. In seinem jüngsten Buch knöpft er sich nun sein eigenes Umfeld vor – die „liberalen Eliten“.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Zielonka bekennt sich zu ihnen, alles andere wäre auch lachhaft für „einen Schlesier, der in Polen aufgewachsen ist, einen niederländischen Pass hat, in Italien seine Steuern zahlt und in Britannien arbeitet“. Zielonka lehrte an verschiedenen Universitäten Europas, verkehrt in den politischen Kreisen Warschaus, Roms und Londons, beriet die EU, fiel in Ungnade und war zuletzt wieder ein etwas gefragterer Gast in Brüssel. Das war vor dem Buch.

          In Form eines Briefes an den vor acht Jahren verstorbenen Dahrendorf versucht Zielonka zu analysieren, was zur Zeit in Europa geschieht. Er bezieht sich dabei auf einen Text, den Dahrendorf nach der europäischen Revolution von 1989 geschrieben hat – und kontrastiert ihn mit der „Gegenrevolution“ von heute. Angegriffen werde nicht nur die EU, erklärt Zielonka, sondern „unsere gegenwärtige Ordnung: die liberale Demokratie und das neoliberale Wirtschaftsmodell, Migration und die multikulturelle Gesellschaft, historische ,Wahrheiten‘ und politische Korrektheit, moderate Volksparteien und etablierte Medien“.

          Angreifer ist natürlich der „Populismus“, aber der Professor hält nichts von diesem Begriff; er sieht ihn vielmehr als Teil des Problems. „Populisten wird vorgeworfen, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben – aber versuchen wir das nicht alle?“ Zur Illustration erwähnt er die Erbschaftsteuer und den Mindestlohn, mit denen die etablierten Volksparteien versuchen würden, „komplexe Probleme wie die soziale Ungleichheit mit simplen Rezepten in den Griff zu bekommen“. Die Herablassung gegenüber den „Konterrevolutionären“ schütze die Eliten nur davor, sich mit den eigenen Fehlleistungen auseinanderzusetzen.

          Zielonka spitzt Debatte zu

          Die Eliten Europas dürften sich nicht wundern über den Gegenwind, denn sie hätten die liberalen Ideale, die Dahrendorf und andere nach 1989 zum Konsens erklärt haben, „verraten“. Statt dem liberalen Philosophen Karl Popper seien sie dem liberalen Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Hayek gefolgt. Der von Hayek abgeleitete Neoliberalismus habe die sozialen Gräben in den westlichen Gesellschaften vertieft, wofür die Finanzkrise von 2008 nur sichtbarster Ausdruck gewesen sei. Zugleich hätten die Eliten das liberale Prinzip, die Minderheiten vor der Mehrheit zu schützen, ins Extrem gesteigert. Nun würden Minderheiten den Diskurs dominieren, was immer weniger Bürgern begreiflich zu machen sei.

          Fragesteller: Dahrendorf in seinem Büro. Aufnahme von 2002.

          Zielonkas Buch spitzt eine Debatte zu, die das Königreich spätestens seit dem EU-Referendum führt: die über die Krise der liberalen Demokratie. Der Publizist David Goodhart entwickelte die inzwischen oft zu hörenden Begriffe von den „Anywheres“ und den „Somewheres“. Erstere, die hoch mobilen, akademisch gebildeten und liberal gesinnten Eliten, führten das Land, und würden von den weit zahlreicheren „Somewheres“, den verwurzelten, bodenständig lebenden Bürgern, immer weniger verstanden. Auch in Amerika wächst die Zahl der Autoren, die wie Yascha Mounk oder William Galston kritisch über die Versäumnisse der Eliten schreiben.

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