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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Israels Militäraktion Holzstöcke zu Eisenstangen

 ·  Was bei der Erstürmung der „Solidaritätsflotte“ geschah, ist weiter unklar. Israel widersetzt sich einer internationalen Untersuchung und versucht zu belegen, wie gewaltbereit die Aktivisten auf den Schiffen waren.

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Auf einmal ging es ganz schnell. Am Dienstag wollte Israel den ausländischen „Aggressoren“ auf der „Mavi Marmara“ noch den Prozess machen. In der Nacht zum Donnerstag saßen dann auch diese Männer im Flugzeug in die Türkei. Nicht ganz drei Tage nach der Erstürmung der „Solidaritätsflotte“ waren fast alle der insgesamt mehr als 700 Aktivisten außer Landes - einschließlich der Leichname der neun Getöteten. Eine Fortsetzung des Gewahrsams schade „den vitalen Interessen Israels mehr, als sie dem Land nutzt“, entschied Generalstaatsanwalt Weinstein auf Bitte der israelischen Regierung. Zuvor hatten die türkische Regierung und die Vereinten Nationen Israel aufgefordert, die Passagiere der sechs Schiffe heimkehren zu lassen.

Nach ihrer Freilassung begannen die Aktivisten sofort zu berichten, was sie am Montagmorgen auf hoher See erlebten. Bis dahin hatte die israelische Sicht der Dinge dominiert, denn die Soldaten hatten ihnen sofort Telefone und Kameras abgenommen. Greta Berlin hält es nicht für nötig zu korrigieren, was sie schon kurz nach der Erstürmung sagte: „Die Soldaten waren kaum auf dem Schiff, da haben sie mit scharfen Waffen das Feuer eröffnet. Sie schossen, um zu töten“, sagt die Sprecherin der Gruppe „Free Gaza“. Augenzeugin war sie jedoch nicht: Im Büro der Organisation in Zypern habe sie das auf den letzten live übertragenen Videobildern so gesehen. Passagiere, die selbst an Bord waren, etwa die brasilianische Filmemacherin Sara Lee, berichteten ebenfalls, dass die Soldaten sofort scharf geschossen hätten. Mit eigenen Augen sah sie es aber auch nicht; die Besatzung hatte die Frauen zuvor auf ein tieferes Deck in Sicherheit gebracht.

Widersprüchliche Darstellungen

Das gilt auch für die israelisch-arabische Abgeordnete Hanin Zuabi. Was sie mitbekommen hat, genügt ihr aber, um zu glauben, dass das Ziel der Militäraktion nicht gewesen sei, „die Flotte aufzuhalten, sondern eine sehr große Zahle von Opfer zu verursachen, um ähnliche Initiativen künftig zu verhindern“. Laut der türkischen Organisation IHH soll es sogar mehr als die neun bekannten Toten gegeben haben, denn Soldaten hätten Leichname über Bord geworfen. Die israelische Armee weist das alles zurück: Erst als die Soldaten des Elitekommandos in Lebensgefahr gewesen seien, hätten sie mit ihren Pistolen ihr Leben verteidigt, bekräftigte am Donnerstag ein Armeesprecher gegenüber dieser Zeitung.

Widersprüchlich bleiben auch die Darstellungen der Ereignisse auf dem obersten Deck, auf dem die ersten Soldaten offenbar auf erbitterte Gegenwehr stießen. Mehr als zweieinhalb Holzstöcke habe er auf der „Mavi Marmara“ nicht gesehen, sagte der frühere Abgeordnete der Partei „Die Linke“ Norman Paech am Dienstag nach seiner Rückkehr nach Berlin. Bülent Yildirim, der Vorsitzende der türkischen Organisation IHH, die das Schiff gechartert hatte, stellte die Ereignisse am Donnerstag anders da: Mit Eisenstangen hätten sich Aktivisten verteidigt und mehrere Soldaten überwältigt. Deren Waffen hätten sie aber nicht benutzt, sondern über Bord geworfen. Laut israelischer Armee wurden Soldaten zwei Pistolen entrissen, die man später mit leeren Magazinen gefunden habe. Zwei Soldaten seien durch israelische Munition verletzt worden.

Als Anschauungsmaterial für die Gewaltbereitschaft der Aktivisten verbreitete die Armee später Bilder von Holz- und Eisenstangen, Steinschleudern, Murmeln, aber auch Schraubenschlüsseln und einer Reihe von Messern, wie sie in jedem größeren Haushalt zu finden sind. IHH-Chef Yildirim hatte indes vor der Abfahrt noch mitgeteilt, man habe „nicht einmal Taschenmesser“ dabei und wolle nur „passiven Widerstand“ leisten.

Probleme mit der Steuerung

Wer die nach israelischen Schätzungen 50 bis 70 Gewalttäter waren, ist bisher nicht klar. In israelischen Sicherheitskreisen sagte man ihnen sogar Verbindungen zu Al Qaida nach. „Ihre Vernehmung legte die Vermutung von Kontakten zu Dschihad-Netzwerken nahe, was aber nicht Al Qaida sein muss“, sagte vorsichtig ein Sprecher des israelischen Außenministeriums am Donnerstag. Die Armee verbreitete ein Video, das einen Mann auf einem Schiff zeigte, der sagte, er freue sich darauf, als „Märtyrer“ zu sterben. Die palästinensische Zeitung „Al Hajat al Dschadida“ zitierte am Donnerstag türkische Presseberichte, wonach drei der getöteten Türken vor der Abreise ihre Absicht bekundet hätten, als „Märtyrer“ zu sterben. Ob sie dafür auch aktiv kämpfen wollten, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Nicht nur in Israel konzentriert sich die Kritik vor allem darauf, warum die Geheimdienste offenbar nicht vorher wussten, auf wen die Soldaten auf der „Marmara“ stoßen würden. In- und ausländische Militärfachleute halten den Planern der Aktion vor, nicht sehr professionell gehandelt zu haben: Sie hätten nur mit dem besten aller möglichen Szenarien gerechnet. Spätestens als die mit Metallstäben bewaffnete Menge von oben zu erkennen gewesen sei, hätte man pausieren und die Strategie überdenken müssen: „Man schmeißt nicht einfach junge Soldaten in eine solche Menge“, lautet ein Vorwurf. Die Decks hätte man notfalls erst mit Wasserkanonen „freispritzen“ und dafür sorgen können, dass andere Hubschrauber mit Tränengas und Gummimantelgeschossen den sich abseilenden Soldaten ausreichend Deckung geben.

Keine ausländischen Mitglieder im Ausschuss

Die Marine setzte aber nicht nur auf die gewaltsame Erstürmung der Schiffe. „Alle Möglichkeiten“ seien in Betracht gezogen worden, sagte vieldeutig der stellvertretende Verteidigungsminister Matan Vilnai. Zwei Jachten, die an der Flotte teilnehmen sollten, hatten am Wochenende fast gleichzeitig große Probleme mit der Steuerung. Nur eine davon konnte rechtzeitig repariert werden. Im Fall des großen Passagierschiffs „Mavi Marmara“ wäre es aber zu gefährlich gewesen, den Antrieb auf See lahmzulegen, sagte vor einem Parlamentsausschuss Oberst Jitzhak Turgeman.

Bald soll sich nun eine Kommission damit beschäftigen. Besonders die amerikanische Regierung und die UN setzen sich für eine unabhängige Untersuchung ein. Das Büro von Ministerpräsident Netanjahu ließ jedoch schon mitteilen, dass diesem Ausschuss keine ausländischen Mitglieder angehören werden. So etwas gebe es in anderen Demokratien schließlich auch nicht; Außenminister Lieberman kann sich indes wenigstens ausländische Beobachter vorstellen. Zuvor hatte Netanjahu gesagt, Israel habe keinen Grund, sich zu entschuldigen, wenn es sich selbst verteidige. Die Seeblockade vor Gaza diene diesem Zweck und bleibe daher bestehen. Schon bald werden wohl zwei weitere Schiffe versuchen, sie zu durchbrechen.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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