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Israels Militäraktion Holzstöcke zu Eisenstangen

Was bei der Erstürmung der „Solidaritätsflotte“ geschah, ist weiter unklar. Israel widersetzt sich einer internationalen Untersuchung und versucht zu belegen, wie gewaltbereit die Aktivisten auf den Schiffen waren.

© dpa Vergrößern Protest gegen die Militäraktion: Demonstranten vor der israelischen Botschaft in Wien

Auf einmal ging es ganz schnell. Am Dienstag wollte Israel den ausländischen „Aggressoren“ auf der „Mavi Marmara“ noch den Prozess machen. In der Nacht zum Donnerstag saßen dann auch diese Männer im Flugzeug in die Türkei. Nicht ganz drei Tage nach der Erstürmung der „Solidaritätsflotte“ waren fast alle der insgesamt mehr als 700 Aktivisten außer Landes - einschließlich der Leichname der neun Getöteten. Eine Fortsetzung des Gewahrsams schade „den vitalen Interessen Israels mehr, als sie dem Land nutzt“, entschied Generalstaatsanwalt Weinstein auf Bitte der israelischen Regierung. Zuvor hatten die türkische Regierung und die Vereinten Nationen Israel aufgefordert, die Passagiere der sechs Schiffe heimkehren zu lassen.

Hans-Christian Rößler Folgen:  

Nach ihrer Freilassung begannen die Aktivisten sofort zu berichten, was sie am Montagmorgen auf hoher See erlebten. Bis dahin hatte die israelische Sicht der Dinge dominiert, denn die Soldaten hatten ihnen sofort Telefone und Kameras abgenommen. Greta Berlin hält es nicht für nötig zu korrigieren, was sie schon kurz nach der Erstürmung sagte: „Die Soldaten waren kaum auf dem Schiff, da haben sie mit scharfen Waffen das Feuer eröffnet. Sie schossen, um zu töten“, sagt die Sprecherin der Gruppe „Free Gaza“. Augenzeugin war sie jedoch nicht: Im Büro der Organisation in Zypern habe sie das auf den letzten live übertragenen Videobildern so gesehen. Passagiere, die selbst an Bord waren, etwa die brasilianische Filmemacherin Sara Lee, berichteten ebenfalls, dass die Soldaten sofort scharf geschossen hätten. Mit eigenen Augen sah sie es aber auch nicht; die Besatzung hatte die Frauen zuvor auf ein tieferes Deck in Sicherheit gebracht.

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Widersprüchliche Darstellungen

Das gilt auch für die israelisch-arabische Abgeordnete Hanin Zuabi. Was sie mitbekommen hat, genügt ihr aber, um zu glauben, dass das Ziel der Militäraktion nicht gewesen sei, „die Flotte aufzuhalten, sondern eine sehr große Zahle von Opfer zu verursachen, um ähnliche Initiativen künftig zu verhindern“. Laut der türkischen Organisation IHH soll es sogar mehr als die neun bekannten Toten gegeben haben, denn Soldaten hätten Leichname über Bord geworfen. Die israelische Armee weist das alles zurück: Erst als die Soldaten des Elitekommandos in Lebensgefahr gewesen seien, hätten sie mit ihren Pistolen ihr Leben verteidigt, bekräftigte am Donnerstag ein Armeesprecher gegenüber dieser Zeitung.

Israel stürmt «Solidaritätsflotte» für Gaza © dpa Vergrößern Was genau bei der Erstürmung passierte, ist weiter unklar

Widersprüchlich bleiben auch die Darstellungen der Ereignisse auf dem obersten Deck, auf dem die ersten Soldaten offenbar auf erbitterte Gegenwehr stießen. Mehr als zweieinhalb Holzstöcke habe er auf der „Mavi Marmara“ nicht gesehen, sagte der frühere Abgeordnete der Partei „Die Linke“ Norman Paech am Dienstag nach seiner Rückkehr nach Berlin. Bülent Yildirim, der Vorsitzende der türkischen Organisation IHH, die das Schiff gechartert hatte, stellte die Ereignisse am Donnerstag anders da: Mit Eisenstangen hätten sich Aktivisten verteidigt und mehrere Soldaten überwältigt. Deren Waffen hätten sie aber nicht benutzt, sondern über Bord geworfen. Laut israelischer Armee wurden Soldaten zwei Pistolen entrissen, die man später mit leeren Magazinen gefunden habe. Zwei Soldaten seien durch israelische Munition verletzt worden.

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