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Israels Angriff auf Beit Hanun Die Folgen eines blutigen Fehlers

10.11.2006 ·  Die Bilder aus Beit Hanun sind nichts für Menschen mit schwachen Nerven: 19 Zivilisten wurden durch eine israelische Granate getötet, darunter acht Kinder. Ein technischer Fehler, erklärt Israel nun. Die Palästinenser fordern „Blut für Blut“.

Von Michael Borgstede, Tel Aviv
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Die Bilder aus Beit Hanun sind nichts für Menschen mit schwachen Nerven. Da stehen verstört einige Rettungskräfte in einer riesigen Pfütze Blut. Hier, vor dem Haus, tötete die letzte Granate jene Mitglieder der Familie Athama, die vor den ersten Einschlägen ins Freie geflüchtet waren. Hier sah die 14 Jahre alte Asma Athama, wie ihre Mutter, ihre ältere Schwester und deren Ehemann getötet wurden. Die Augenzeugenberichte sind fast noch schwerer verdaulich als die Bilder.

19 Menschen wurden bei dem Angriff getötet, darunter acht Kinder. Eigentlich hatte die israelische Armee mit dem Artillerieangriff verhindern wollen, daß die israelischen Stadt Aschkelon mit Kassam-Raketen beschossen wird. Doch zwei der abgefeuerten zwölf Granaten schlugen mehr als fünfhundert Meter vom eigentlichen Ziel entfernt ein - mit katastrophalen Folgen. Zehntausende nahmen am Donnerstag an einem von vermummten und bewaffneten Kämpfern begleiteten Trauerzug teil.

„Es tut uns leid“

Noch vor der Veröffentlichung des Abschlußberichts einer von Armeechef Halutz eingesetzten Untersuchungskommission scheint klar, daß ein technischer Defekt an einer Kanone die Katastrophe verursacht hat. Doch der Vorfall wirft weiterreichende Fragen auf. So rechnet die Armee bei Artilleriefeuer mit einer möglichen Kursabweichung von 200 bis 300 Metern. Ziele, die näher als 300 Meter an einem Wohngebiet liegen, dürfen deshalb nicht ins Visier genommen werden.

Tatsächlich birgt der Beschuß mit Artillerieraketen aber ein erheblich höheres Risiko. Der neue Oberkommandierende der betroffenen Division, General Moshe Tamir, hat deshalb seit seinem Amtsantritt im August weitgehend auf den Einsatz von Artilleriefeuer verzichtet. Weil aber die Bodentruppen Beit Hanun bereits verlassen hatten und im erforderlichen Zeitrahmen keine Kampfflugzeuge einsatzfähig waren, gab er am Mittwoch dennoch den Befehl. Das war, wie die Zeitung „Maariv“ am Donnerstag titelte, „ein blutiger Fehler“.

Selten schafft palästinensisches Leid es in solcher Eindeutigkeit auf die Titelseiten der auflagenstarken israelischen Zeitungen. Am Donnerstag aber widmete auch die Konkurrenz von „Jedioth Achronoth“ der Tragödie von Beit Hanun ihren Aufmacher: „Olmert und Peretz: Es tut uns leid“ war dort zu lesen. Das mag dem Zeitungsleser als sympathische Regung ihrer Führer gefallen, wird an den möglichen politischen Auswirkungen aber nichts ändern.

„Blut für Blut“

Die palästinensischen Reaktionen fielen erwartungsgemäß wütend aus. Sowohl Angehörige der Hamas als auch Fatah-Führer forderten zu Anschlägen auf Israel auf. Dschamal Obeid, ein ranghohes Mitglied der Fatah nahestehenden Al-Aqsa Märtyrer-Brigaden, sagte: „Es gilt: Blut für Blut. Wir müssen unsere Märtyrer rächen“. Chazi Hamad, ein Sprecher der Hamas im Gazastreifen und bisher eher für seine vergleichsweise gemäßigten Kommentare bekannt, forderte sogleich, Israel müsse „von der Landkarte gewischt werden“. Der in Damaskus lebende Exilführer Chaled Meschal sagte, die Hamas müsse mit „Taten und nicht mit Worten reagieren“.

Etwas weniger eindeutig gab sich Ministerpräsident Hanija: „Die Palästinenser werden niemals ihre Rechte aufgeben.“ Dazu gehöre auch das Recht, den Widerstand gegen Israel fortzusetzen. Hanija hat gute Gründe für seine Zurückhaltung: Sollte es tatsächlich zu einem von der Hamas organisierten oder auch nur geduldeten Terroranschlag in Israel kommt, wird die israelische Regierung wohl jede Zurückhaltung im Umgang mit der Gruppe aufgeben. Auch Führer des politischen Flügels wie Hanija würden dann wohl zu Zielen von Luftangriffen.

Zudem möchte Hanija möglicherweise die Tür zur Bildung einer gemeinsamen Regierung mit der Fatah-Partei von Präsident Abbas nicht endgültig zuschlagen. Der gab sich trotz des überschäumenden Volkszornes überlegt und sprach sich gegen den Beschuß israelischer Städte mit Kassam-Raketen aus. „Die Raketen bringen uns keine Ergebnisse“ sagte Abbas. „Sie geben Israel nur einen Vorwand, die Aggression gegen unser Volk fortzusetzen.“ Deshalb müßten die Raketenangriffe sofort ein Ende finden.

Wer soll eine Einheitsregierung führen?

Seit Wochen verhandelt die Hamas mit Palästinenserpräsident Abbas über die Bildung einer gemeinsamen Regierung. Durch eine Beteiligung von Abbas' Fatah-Partei und der zumindest indirekten Anerkennung Israels könne man die internationale Gemeinschaft dazu bewegen, ihre Hilfszahlungen wieder aufzunehmen, hofft die Hamas-Regierung in Ramallah. Zuletzt soll bei den Koalitionsverhandlungen noch an zwei Punkten Klärungsbedarf bestanden haben: Abbas besteht darauf, die Freilassung des entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit in die Koalitionsvereinbarung aufzunehmen. Die Hamas kann sich aber mit Israel nicht über die Details eines Gefangenenaustausches einigen.

Zudem sollte bei einem Treffen zwischen Hanija und Abbas am Donnerstag entschieden werden, unter wessen Führung die größtenteils aus Technokraten bestehende Einheitsregierung agieren werde. Als Favorit gilt der Gesundheitsminister und Stellvertreter von Ministerpräsident Hanija, Nasser al Din al Shaer. Er ist der Hamas zwar freundlich gesonnen, gehört der Organisation aber nicht an. Aufgrund der Tragödie in Beit Hanun wurden die Koalitionsverhandlungen nun zunächst ausgesetzt.

Dennoch ist noch nicht deutlich, welche langfristigen Auswirkungen der Vorfall auf die Verhandlungen haben könnte. Abbas' klare Stellungnahme gegen den Abschuß von Kassam-Raketen dürfte die Parteien zunächst voneinander entfremden. Die palästinensische Zeitung „Al Quds“ vermutet trotzdem, daß die Parteien innerhalb eine Woche wieder gemeinsam am Verhandlungstisch sitzen werden. Ungefähr genauso lange werde es dauern, bis Israel langsam die Angriffe auf Ziele im Gazastreifen wieder aufnimmt, vermutet die israelische „Jerusalem Post“.

Quelle: F.A.Z., 10.11.2006, Nr. 262 / Seite 3
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