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Israelische Siedler Jenseits von Gaza

14.08.2010 ·  Am Sonntag vor fünf Jahren räumten Soldaten und Polizisten die israelischen Siedlungen im Gazastreifen. Die mit dem Rückzug verbundenen Hoffnungen und Versprechen blieben unerfüllt. Ein Besuch bei den früheren Einwohnern der Siedlung Gusch Katif.

Von Hans-Christian Rößler, Nitzan
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Rachel Saperstein schwankt zwischen Bitterkeit und trotziger Zuversicht. „Wie Müll haben sie uns hier abgeladen. Ich muss raus aus diesem Slum“, sagt die energische Siebzigjährige und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Auf das Vordach der Holzbaracke brennt die Sonne. Auch die Pizzeria ist aus Gusch Katif nach Nitzan umgezogen. Dicht an dicht stehen dort zwischen Schnellstraße und den Sanddünen des nahen Strands die Wohncontainer. „Caravillas“, eine Verbindung von Caravan und Villa, heißen sie hochtrabend und haben sogar ein Dach aus roten Ziegeln. Daneben sind die Container mit dem Hausrat aus Gaza abgestellt.

Im August 2005 mussten Rachel Saperstein und mehr als 9000 Einwohner den Siedlungsblock Gusch Katif im Gazastreifen verlassen; zudem wurden damals vier kleinere Siedlungen im Westjordanland geräumt. Auch nach fünf Jahren haben die meisten der gut 3500 Einwohner von Nitzan ihren Umzugscontainer noch nicht ausgepackt.

Scharons Versprechen folgten keine Taten

In Gedanken ist nicht nur Rachel Saperstein oft in Neve Dekalim, der größten unter den insgesamt 21 Siedlungen im Gazastreifen. Weniger als eine Stunde Fahrzeit liegen die Überreste des Siedlungsblocks von Nitzan entfernt. „In Gaza lebten wir in einem Paradies, jetzt in einem Flüchtlingslager“, klagt die gebürtige Amerikanerin. Dass die palästinensischen Nachbarn die Siedlungen zuletzt täglich mit Raketen beschossen und ein großes Aufgebot an israelischen Soldaten für ihren Schutz sorgte, lässt sie unerwähnt. Die grauhaarige Frau hofft, Nitzan bald endgültig zu verlassen, denn ihre alte Heimat soll neu entstehen: Zusammen mit Freunden baut sie in Israel eine neue Stadt. „Sie wird Bnei Dekalim heißen und der Stolz Israels sein.

Eine wahrhaft jüdische Stadt, die auch ein Vorbild beim Umweltschutz sein wird“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Übersetzt heißt der Ortsname „Kinder Dekalims“. Und aus ihrer Gaza-Siedlung Neve Dekalim wird auch ein Großteil der Einwohner stammen. Aber auch andere Israelis wollen dort mit den früheren Gaza-Siedlern zusammenleben. Wegen des „Geistes von Gusch Katif“, vermutet Rachel Saperstein.

Ihr eigenes Haus ist schon im Bau. Nächstes Jahr kann sie vielleicht schon einziehen – sechs Jahre nachdem sie Gaza verlassen hat. Die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Ariel Scharon hatte den Menschen aus Gusch Katif im Sommer 2005 etwas anderes versprochen: Binnen eines Jahres würden sie die Behelfsunterkünfte, wie die in Nitzan, verlassen haben und wieder in den eigenen vier Wänden leben. Umgerechnet mehr als zwei Milliarden Euro stellte Scharons Regierung dafür bereit. Zugleich hoffte der Regierungschef, dass der Rückzug aus Gaza den Friedensbemühungen einen neuen Schub geben würde.

Diese Hoffnung erfüllte sich nicht, und auch den vollmundigen Versprechen, die er den Siedlern in Gaza machte, folgten keine Taten: „Ein absolutes, komplettes Versagen“, stellte eine von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission vor wenigen Wochen fest. Die Zahlen sprechen für sich: Bis heute haben mehr als siebzig Prozent der früheren Einwohner aus Gusch Katif immer noch keine dauerhafte Bleibe.

„Eher würde der Mond auf die Erde stürzen“

Aber es lag nicht nur an der Regierung. Die Siedler aus dem Gazastreifen brauchten lange, bis sie sich von dem Schock erholten, den sie vor fünf Jahren erlitten hatten. Damals rückten am 15. August 14.000 Soldaten und Polizisten an und trugen am Ende alle diejenigen aus ihren Häusern und Bauernhöfen, die nicht freiwillig gehen wollten. Bis zuletzt konnten es sich die meisten in Gusch Katif einfach nicht vorstellen, dass ausgerechnet der „Siedlervater“ Ariel Scharon sie vertreiben würde; maßgeblich hatte er dazu beigetragen, dass sich in den siebziger Jahren Israelis in dem Küstenstreifen niederließen.

„Wir hatten alle Scharon gewählt. Wir dachten, eher würde der Mond auf die Erde stürzen, als dass wir wegmüssen. Als die Soldaten kamen, war es wie im Krieg. Sie ließen dort nur die Bäume stehen“, erinnert sich Debi Rozen, die auch aus Neve Dekalim stammt. Die israelische Armee zerstörte alle Gebäude; nur die Synagogen nicht, die rissen dann die Palästinenser ab. Wenigstens die Rabbiner hätten sie darauf vorbereiten müssen, dass es dazu kommen könnte, sagt die Mutter von sechs Kindern vorwurfsvoll. Bis heute hebt Debi Rozen den Schlüssel ihres zerstörten Hauses in Gaza auf – wie es auch viele Palästinenser tun, die ihre Häuser verlassen mussten. Andere Erinnerungsstücke sind im Gusch-Katif-Museum in Jerusalem ausgestellt. 90.000 Menschen hätten die Gedenkstätte in den seit ihrer Eröffnung vergangenen zwei Jahren besucht, sagen die Organisatoren.

Von den Siedlern ist immer noch mehr als die Hälfte arbeitslos

Das Warten auf ein Wunder in letzter Minute hat auch nach Ansicht der staatlichen Untersuchungskommission zu einem großen Teil zu den Schwierigkeiten geführt, die den Menschen heute zu schaffen machen. „Viele haben aus ideologischen Gründen nicht mit den Behörden kooperiert und nicht rechtzeitig mitgeteilt, was sie brauchen“, hat der Kommissionsvorsitzende Elijahu Matza festgestellt. Gleichzeitig erhebt er schwere Vorwürfe gegen die Politiker, die erschreckend wenig über die Siedler wussten. So hätten sie nicht damit gerechnet, dass die meisten Siedlerfamilien mit ihren bisherigen Nachbarn zusammenbleiben wollten und sich nicht alleine irgendwo in Israel eine Wohnung suchen würden.

Aus Neve Dekalim kamen 250 Familien nach Nitzan – in den armen Süden Israels, wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist. Von den zugezogenen Siedlern aus Gusch Katif ist immer noch mehr als die Hälfte arbeitslos; viele haben nur eine Teilzeitstelle oder zu wenig Arbeit, um ihre großen Familien davon ernähren zu können. Im Gazastreifen gab es unter den Siedlern 400 Bauern. Heute haben von ihnen nur fünfzig wieder einen Bauernhof. Viele sind zudem einfach zu alt, um auf dem israelischen Arbeitsmarkt noch eine Chance zu haben.

„Die Entschädigung, die die Gaza-Siedler von der Regierung mit großer Verspätung erhielten, um damit neue Häuser zu bauen, brauchten sie oft auf, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten“, sagt Lior Halfa, der frühere Bürgermeister von Neve Dekalim. Rund 1900 Familien verließen Gaza, aber noch keine 160 sind bisher in die eigenen vier Wände gezogen. Einige Einfamilienhäuschen entstehen gerade hinter den Dünen von Nitzan. Vierzig Familien aus Neve Dekalim sind schon in die ersten davon umgezogen. Aber Halfa vermutet, dass es insgesamt zehn Jahre dauern wird, bis die letzten Siedler aus Gaza in richtige Häuser umgezogen sein werden.

Befürchtungen, dass es nicht der letzte Abzug war

In Nitzan fragt sich nicht nur der frühere Bürgermeister, was die Umsiedlung letztlich gebracht hat. „Heute hat Israel mehr Probleme als vor dem Rückzug aus Gaza. Früher trafen die Kassam-Raketen nur unsere Siedlungen, heute den ganzen Süden des Landes. Und in Gaza herrscht die Hamas. Israel muss in den palästinensischen Gebieten bleiben. Schon um seine eigene Sicherheit zu verteidigen“, glaubt Halfa. Sollten nun auch Siedlungen im Westjordanland für einen Frieden mit den Palästinensern geräumt werden, könnten auch von dort aus bald Extremisten Israel angreifen, befürchten Halfa und die früheren Gaza-Siedler. Bei einem Rückzug aus großen Teilen des Westjordanlandes ginge es dann auch nicht mehr um wenige tausend Siedler wie in Gaza, sondern um viele zehntausend, die umgesiedelt werden müssten.

Rachel Saperstein befürchtet, dass es nicht der letzte Abzug war. „Immer wenn eine Familie in Nitzan auszieht, kommen Lastwagen und laden ihre Caravilla auf. Wir wissen nicht, wohin sie sie bringen. Vielleicht wird schon ein neuer Ort für die nächsten Opfer der Vertreibung vorbereitet. Wir wissen auch nicht, was Netanjahu und Obama für die Menschen von Judäa und Samaria (dem Westjordanland) planen. Aber es sieht so aus, als würden die mobilen Wohneinheiten noch einmal verwendet.“

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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