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Nahost-Konflikt : Die Neuteilung Jerusalems

„Baut, wo ihr wollt“: Das palästinensische Viertel Kufr Aqab hinter der israelischen Sperrmauer Bild: Picture-Alliance

Im Norden von Israels Hauptstadt sollen Hochhäuser abgerissen werden, in denen Palästinenser leben. Sie könnten auch ihr Wahlrecht verlieren. Kritiker warnen vor neuerlicher Gewalt.

          Wenn Rania Gheda morgens um fünf die Haustür hinter sich schließt und an offenen Kabeln und unverputztem Beton die Treppen hinuntergeht, steht sie im Sand vor dem Eingang des Hochhauses, unmittelbar hinter der israelischen Sperrmauer. Sie wendet sich nach links und geht mit Hilfe der Beleuchtung ihres Handys ein paar hundert Meter den tiefen Sand zwischen Müll und Bauschutt entlang, denn einen Bürgersteig und Straßenbeleuchtung gibt es nicht. Dann erreicht sie die Ramallah-Straße, an deren Ende nach zehn weiteren Minuten Fußweg die Graffiti von Arafat und den verstorbenen „Märtyrern“ kommen, bis der graue, verschmutzte Kontrollturm des Checkpoints erscheint. „Hier stehe ich dann vierzig bis sechzig Minuten“, sagt Gheda. „Es ist immer Stress und Anspannung, die Soldaten sind nicht freundlich, dabei bin ich doch auch ein Mensch.“ Wenn sie es dann durch den Checkpoint geschafft hat, nimmt sie einen Bus zum Hadassah-Krankenhaus auf dem Jerusalemer Skopusberg. Hier arbeitet Gheda als Krankenschwester. Ihre Arbeit beginnt um sieben. Für den Luftlinie weniger als zehn Kilometer langen Weg braucht sie zwei Stunden. Dabei fährt sie bloß von Jerusalem nach Jerusalem.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Doch liegen zwischen ihrem Wohnhaus und dem Krankenhaus die israelische Sperrmauer und ihre palästinensische Herkunft. Rania Gheda hat keinen israelischen Pass, sondern eine „Jerusalem ID“, eine in eine hellblaue Plastikhülle eingeschlagene Aufenthaltserlaubnis für jene Palästinenser, die beweisen können, dass sich ihr Lebensmittelpunkt in Jerusalem befindet. Rania Ghedas Hochhaus steht in der Enklave Kufr Aqab. Das ist ein im sechzehnten Jahrhundert gegründeter Ort, den Israel 1967 im Zuge der Annektierung Ostjerusalems mit ins Stadtgebiet eingegliedert hatte. Die Ausbuchtung nach Norden auf der Karte des heutigen offiziellen Stadtgebiets von Jerusalem erklären manche damit, dass Israel damals auch den kleinen Flughafen mit eingliedern wollte, der seit 2001 stillgelegt ist. Rania Gheda könnte ihre Mülltüten vom Balkon aus dem dritten Stock ihres Hauses fast bis auf die unkrautüberwachsene Rollbahn werfen, so nah ist der Flughafen vor ihrem Haus. Abgetrennt nur von der Sperrmauer.

          Israel will Hochhäuser sprengen

          Diese Nähe ist Gheda nun zum Verhängnis geworden. Die Jerusalemer Stadtverwaltung hat angekündigt, ihres und fünf benachbarte Hochhäuser in die Luft zu sprengen. Allerdings nicht, weil ihr Hochhaus wie insgesamt dreihundert hier in Kufr Aqab ohne Baugenehmigung errichtet wurde. Sondern weil Israel eine Straße zwischen die Mauer und die Hochhäuser ziehen will. Offiziell geht es Israel um die Verbesserung der Infrastruktur. Doch auch Sicherheitsbedenken dürften eine Rolle spielen. Der Wildwuchs an Hochhäusern ist zu nah an die Mauer vorgedrungen.

          Von sechzigtausend Einwohnern in Kufr Aqab leben 52.000 in Hochhäusern, die ohne Baugenehmigung errichtet wurden. Viele davon besitzen keinen ausreichenden Feuerschutz, wurden von halbseidenen palästinensischen Baufirmen errichtet und haben an Baumaterial gespart. Einige der Hochhausdächer seien lediglich neun Zentimeter dick, wobei baurechtlich in Jerusalem dreißig Zentimeter als Mindestmaß vorgesehen seien, erzählt der Jerusalemer Anwalt Khalil Issa, der bis vor kurzem selbst noch in solch einer Wohnung in Kufr Aqab gelebt hat. Die tonnenschweren Wassertanks, die mangels regelmäßiger Wasserversorgung auf den Dächern stehen, drücken eine gefährliche Last auf die instabilen Hochhäuser.

          „Seit dem Bau der Mauer 2004 haben wir hier nichts mehr von der Stadtverwaltung gesehen“, sagt Munir Zagheir, der Vorsitzende des Nachbarschaftskomitees von Kufr Aqab. „Weder gibt es eine Bauaufsicht noch Dienstleistungen.“ Zagheir sagt, dies sei alles eine bewusste Folge der israelischen Jerusalem-Politik. „Seit 2001 hat uns die Stadtverwaltung keine Baugenehmigung mehr erteilt, sondern gesagt: ‚Baut, wo ihr wollt‘“, erzählt Zagheir. „Wir sind der Stadtverwaltung egal, solange wir bloß hinter der Mauer bleiben.“ In Kufr Aqab gebe es zu wenig Schulen, keine richtige Müllabfuhr, ein rudimentäres Abwassersystem, keine richtige Gesundheitsfürsorge, kein Postamt – und keine Polizei.

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