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Israelis und Palästinenser : „Ich wollte doch nur ein Zuhause haben“

  • -Aktualisiert am

Arabische Flüchtlinge fliehen 1948 während des israelischen Unabhängigkeitskrieges aus ihren Dörfern im Norden des Landes. Bild: dpa

Das Schicksal der Palästinenser, die im Unabhängigkeitskrieg ihre Häuser verlassen mussten, war in Israel lange ein Tabu. Eine Stadtplanerin versucht jetzt, das Schweigen zu brechen – mit einem ungewöhnlichen Projekt.

          „Ich wollte doch nur ein Zuhause haben“, rechtfertigt die alte Frau nach sechzig Jahren ihr Handeln. „Nach allem, was wir durchgemacht hatten, wollte ich nur ein Zuhause haben.“ Als junges Mädchen hat sie mit ihrer Mutter ein leerstehendes palästinensisches Haus in dem Küstenstädtchen Jaffa bezogen, heute ein Stadtteil Tel Avivs, deren Bewohner während des Israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948/49 geflohen waren.

          Mutter und Tochter waren zuvor aus dem kriegszerstörten Rumänien in das britische Mandatsgebiet Palästina geflohen – eine lange und beschwerliche Reise. Die Hilfsorganisation „Jewish Agency“ brachte sie aus dem Flüchtlingslager nach Jaffa, dessen arabische Bevölkerung die Stadt größtenteils verlassen hatte.

          Für die israelische Geographin und Stadtplanerin Tovi Fenster war dieses Gespräch mit ihrer Mutter im Herbst 2009 ein Schlüsselerlebnis. Das Schicksal der etwa 700.000 Palästinenser, die 1948 während des Krieges ihre Heimat verließen oder verlassen mussten, war in Israel lange tabu. Bis heute ist umstritten, welche Rolle die Führung des jungen jüdischen Staates beim Massenexodus der Palästinenser spielte.

          Immer noch ein heikles Thema

          Die Häuser der palästinensischen Flüchtlinge wurden, wie im Fall der Familie Fenster, vielerorts von jüdischen Flüchtlingen aus Europa übernommen, die Krieg und Holocaust überlebt hatten. Wer heute in Israel über das Land fährt, kann hier und dort noch vereinzelt verfallene Ruinen ehemaliger arabischer Dörfer finden; oft weist nur die Vegetation noch darauf hin, dass vor siebzig Jahren Menschen den Boden bebauten.

          Blick auf die Altstadt von Jaffa, das heute zu Tel Aviv gehört
          Blick auf die Altstadt von Jaffa, das heute zu Tel Aviv gehört : Bild: EPA

          Nach der Beichte der Mutter hat Fenster, die an der Universität von Tel Aviv lehrt und dort verschiedene Programme zu Umweltplanung und Gender Studies leitet, in den Archivunterlagen der britischen Mandatsbehörden die Angehörigen der vormaligen Hausbewohner aufgespürt. Wie sich herausstellte, war ein Teil der Familie in Jaffa geblieben. Doch die Nachkommen sträubten sich dagegen, mit israelischen Forschern über ihre Erfahrungen zu sprechen – zu heikel war ihnen das Thema auch noch zwei Generationen nach dem Krieg von 1948.

          Fenster ließ sich davon nicht entmutigen. Gemeinsam mit ihren Doktoranden und Kollegen versucht sie, weitere ehemalige palästinensische Hausbewohner aufzuspüren. Sie entwarf ein Projekt, dass die jüdischen „Nachmieter“ mit ihren arabischen Vorgängern zusammenführen soll. Die Israelis der ersten Generation, die nach 1948 in palästinensische Häuser einzogen, hatten zuvor ihre Heimat in Europa, im Nahen Osten oder in Nordafrika verlassen müssen. Sie sahen sich selbst als Unterdrückte und Flüchtlinge: Der Gedanke, dass sie an der Flucht und Vertreibung der Palästinenser mitgewirkt hatten, war ihnen fremd.

          Die israelische Geographin und Stadtplanerin Tovi Fenster lehrt an der Universität von Tel Aviv.
          Die israelische Geographin und Stadtplanerin Tovi Fenster lehrt an der Universität von Tel Aviv. : Bild: Liat Kutner

          Doch auch für die heutige Generation junger Israelis ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wichtig, erzählt Fenster. Viele ihrer Studenten hätten zunächst wenig Interesse an der Geschichte der ehemaligen palästinensischen Bevölkerung gezeigt. In ihren Seminaren versuchen die Studenten dann in Kleingruppen, frühere Bewohner Jaffas und des Jerusalemer Stadtteils Talbiyah zu finden.

          Nachfahren freuen sich über Interesse

          Manchmal ist das gar nicht so einfach, weil die Familien heute in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten leben. Bisweilen wollen die Angehörigen auch nichts mehr vom traumatischen Erbe ihrer Eltern oder Großeltern wissen. Doch in vielen Fällen freuen sich die Nachfahren der palästinensischen Bewohner über das Interesse der jungen Israelis. Die Studenten wiederum lernen die frühere Bevölkerung ihrer Heimat kennen – und beginnen, offizielle israelische Narrative zu überdenken, in denen für Palästinenser oft wenig Platz ist.

          In den letzten Jahren wächst in Teilen der israelischen Zivilgesellschaft das Bewusstsein für das Trauma, das viele Palästinenser mit der Staatsgründung Israels verbinden. Nichtregierungsorganisationen wie die 2002 gegründete Gruppe Sochrot („sich erinnern“) versuchen, ihre Landsleute auf das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Nur durch gegenseitiges Verständnis, sagen die Aktivisten, sei Frieden zwischen Israelis und Palästinensern möglich. Auch Fenster engagiert sich – gemeinsam mit Fachkollegen gründete sie 1999 die Organisation Bimkom („vor Ort“), die sich dafür einsetzt, ohne Baugenehmigung errichtete palästinensische Häuser nachträglich zu legalisieren.

          Von der Regierung und Teilen der israelischen Bevölkerung werden linke Nichtregierungsorganisationen in zunehmendem Maße kritisch beäugt. Im aufgeheizten politischen Klima der letzten Jahre gelten sie vielen als Verrätern. Ende April ließ der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ein Treffen mit Bundesaußenminister Sigmar Gabriel demonstrativ platzen, nachdem der sich mit Vertretern von regierungskritischen Organisationen getroffen hatte. Auch Bimkom werden von der rechten israelischen Nichtregierungsorganisation NGO Monitor Falschaussagen und eine Dämonisierung Israels vorgeworfen.

          Fensters Lehre ist von derlei bislang verschont geblieben. Im Gegenteil, ihr mehrjähriges Forschungsprojekt wird von der Israelischen Wissenschaftsstiftung finanziert. Ihr Ansatz, auf niedrigster, persönlicher Ebene gegenseitiges Verständnis zwischen Israelis und Palästinensern zu fördern, ist vermutlich nicht dazu geeignet, größere politische Aufmerksamkeit zu erregen. Und doch ist es ein kleiner Schritt für eine bessere Zukunft – für beide Seiten.

          Quelle: FAZ.NET

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