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Israelischer Jet abgeschossen : Auf dem Weg in einen Krieg, den niemand will

Und Moskau sieht bei allem zu: Israelische Soldaten inspizieren die Wrackteile des abgeschossenen Kampfflugzeugs. Bild: dpa

Iran will sich nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich in Syrien festsetzen. Dafür testet Teheran, wo Moskaus rote Linien verlaufen – genau wie zunehmend auch andere Kriegsparteien.

          Benjamin Netanjahu hatte zwei nüchterne Botschaften. Der israelische Ministerpräsident goss kein weiteres Öl ins Feuer, zeigte sich aber kampfbereit: „Unsere Richtlinien haben sich kein bisschen verschoben; wir werden weiter jeden Versuch eines Angriffs auf uns zurückschlagen“, sagte Netanjahu am Tag nach den heftigsten direkten Kampfhandlungen zwischen Israel und Iran seit Jahren.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Am Schabbat, im Zwielicht des anbrechenden Samstagmorgens, hatte eine iranische Drohne die Grenze zwischen Jordanien und Israel überquert, bis ein israelischer Apache-Kampfhubschrauber das angeblich mit Tarnkappentechnologie ausgerüstete Fluggerät über Beat Shean abschoss, im israelischen Kernland.

          Das macht es aus israelischer Sicht unwahrscheinlich, dass es sich bei dem Drohnenflug um ein Versehen handelte. Er provozierte eine jener Kettenreaktionen, vor denen seit Wochen gewarnt wird und welche die Angst vor einem regionalen Krieg befeuern: Israelische F-16-Kampfflugzeuge flogen einen Luftangriff auf das als „T4“ bekannte Flugfeld nahe Palmyra und zerstörten dort die iranische mobile Startvorrichtung der Drohne sowie die entsprechende Leitstelle.

          Es war nicht der erste israelische Angriff auf Palmyra, aber der erste offengelegte, der sich nicht mehr nur gegen die syrische Armee oder die Hizbullah-Miliz, sondern direkt gegen deren Schutzmacht Iran richtete. Die syrische Armee feuerte im Gegenzug mehr als zwanzig Luftabwehrraketen auf die israelischen Flugzeuge. Eines davon wurde so schwer beschädigt, dass sich der Pilot und Navigator per Schleudersitz retten mussten, jedoch auf israelischen Boden niedergehen konnten. Es ist der erste Abschuss eines israelischen Flugzeugs seit Jahrzehnten, und es wollte sich kaum jemand ausmalen, was passiert wäre, wenn die Piloten in Gefangenschaft der Hizbullah geraten wären.

          Dem Abschuss folgte unmittelbar der zweite israelische Vergeltungsschlag. Dabei zerstörte Israels Luftwaffe nach eigenen Angaben zwölf Ziele bei Damaskus, darunter vier syrische Luftabwehrbatterien und vier „iranische militärische Ziele“. Parallel sandte die israelische Führung über den russischen Gesprächskanal Signale an Syrien und Iran, vorerst keine weitere Eskalation zu suchen. Keine Seite will einen Krieg, vor allem keinen, der sich auf den Libanon ausweitet, wo die Hizbullah über Zehntausende Raketen verfügt.

          Die Handschrift Russlands und Irans

          Doch die Spannungen haben nicht abgenommen. Der syrische Gewaltherrscher Baschar al Assad hat durch russische und iranische Hilfe den größten Teil des Landes zurückgewonnen und möchte zeigen, dass Syrien kein Niemandsland mehr ist, über dem Israel fliegen kann, wie es will. Seit Monaten schoss die syrische Luftabwehr bei israelischen Angriffen schon in geringem Maße zurück. Doch das Ausmaß der Reaktion vom Wochenende ist neu. Israelische Militärs bemerkten, dass Syrien neben den älteren S-200 mittlerweile modernere Luftabwehrraketen vom Typ SA-17 einsetzt – russischer Bauart und von Syrern betrieben.

          Israelische Regierungssprecher heben ausdrücklich hervor, dass es sich bei dem Gegenfeuer vom Wochenende um syrische, nicht russische Raketen gehandelt habe. Dass sich Russen in syrischen Luftabwehreinheiten befinden und gemeinsam trainieren, fand keine Erwähnung. Mehr als zwanzig moderne Luftabwehrgeschosse können zumindest nicht von Russland unbemerkt abgefeuert worden sein. Es ist der russische Präsident, der seine Hand auf den Dingen hat, die in Syrien geschehen. Im Tower des Flugfelds bei Palmyra sitzen Russen, die jeden Start und jede Landung verfolgen. So auch den der iranischen Drohne am Wochenende.

          Iran ist bestrebt, sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch in Syrien festzusetzen und darüber hinaus Raketenfabriken für die Hizbullah aufzubauen, vor denen Netanjahu unablässig warnt. Bislang lässt Wladimir Putin es im Unklaren, ob er dies zulässt oder nicht. Russland ist, abgesehen von der eigenen, überlegenen Luftwaffe, in Syrien angesichts geringer Infanteriekräfte auf iranische Soldaten, Söldner und die Hizbullah angewiesen. Nach dem Abschuss des israelischen Flugzeugs spricht die Hizbullah vom „Beginn einer neuen Phase“: Die „alten Gleichungen gehen nicht mehr auf“. So kann die jüngste iranische Drohnenprovokation auch als Versuch gedeutet werden, nicht nur die roten Linien Israels, sondern auch die Russlands auszutesten.

          Wieder einmal richten sich nun alle Augen auf Russlands Präsidenten. Das entschiedene Eingreifen zugunsten Assads hat Putin zum wichtigsten Akteur in Syrien gemacht. Die Rolle des übermächtigen Schiedsrichters, der nach Belieben „Einfluss“ auf diese oder jene Kampfgruppe geltend machen kann oder eben nicht, behagt Putin.

          So sehr, dass er seinen Apparat regelmäßig diplomatisch-politische Vorstöße vorführen lässt, welche die rücksichtslosen Luftangriffe auf zivile Ziele wie Märkte und Krankenhäuser in den noch von Aufständischen gehaltenen Gebieten wie gegenwärtig in der Provinz Idlib flankieren – und übertünchen, dass Russland vor allem eines ist: Kriegspartei auf Seiten Assads, der ganz Syrien von Gegnern „säubern“ will.

          Putin will gutes Verhältnis zu Israel nicht gefährden

          Eine dieser Moskauer Maskeraden war Ende Januar der Kongress handverlesener, größtenteils Assad-genehmer Syrer in Sotschi. Inszenierungen wie diese mögen die immer wieder geäußerten Hoffnungen auf Brüche in Moskaus Bündnis mit Damaskus und Teheran nähren. Entsprechend hoffnungsvoll sagte Israels Botschafter in Russland, Gary Koren, am Wochenende, Moskau werde Iran wohl kaum erlauben, eigene Seestreitkräfte nahe den russischen Basen in Tartus (Marine) und Hmeimim (Luftwaffe) zu stationieren.

          Aus dem russischen Außenministerium kam am Samstag nach dem Abschuss des israelischen Kampfflugzeugs und den israelischen Luftangriffen eine Standardverlautbarung: Man sei ernstlich besorgt und rufe zur Achtung der Souveränität und territorialen Integrität Syriens und „anderer Länder der Region“ auf. Darin konnten sowohl Assad als auch Netanjahu Bestätigung finden.

          Bald darauf teilte der Kreml mit, Putin habe mit Netanjahu telefoniert; Russland rufe dazu auf, alle Schritte zu vermeiden, die zu einer neuen, „für alle gefährlichen Auseinandersetzung in der Region“ führen könnten. So weit, so unklar. Solange Israel nicht Assad selbst oder russische Ziele in Syrien angreifen sollte – was es nicht will –, dürfte Putin das gute Verhältnis zu dem Land, das er und Netanjahu vor kurzem in Moskau zum internationalen Holocaust-Gedenktag unter Beweis stellten, nicht ohne Not gefährden.

          Auf Putin zu vertrauen ist freilich für niemanden ratsam, wie das Los der zeitweise von Moskau umworbenen Kurden zeigt, die jetzt in der türkischen Offensive „Olivenzweig“ dem Einverständnis mit Ankara geopfert werden. Nicht einmal die angeblich zahlreichen russischen Söldner in Syrien können auf die eigene Regierung zählen. Die Kämpfer, die für Moskauer Ziele, formal aber für ein privates Militärunternehmen namens „Wagner“ kämpfen sollen, dessen Chef schon vor Fernsehkameras im Kreml empfangen wurde, sind nicht in offiziellem Auftrag im Land. Deshalb setzte sich auch das russische Verteidigungsministerium nicht für zwei Söldner ein, die im vergangenen Herbst in Gefangenschaft der Terrormiliz „Islamischer Staat“ gerieten und mittlerweile wohl tot sind.

          Rätsel um Angriff in der Provinz Deir ez-Zor

          Seit Tagen mehren sich nun in amerikanischen, israelischen und auch russischen Medien Berichte über mindestens Dutzende getötete russische Söldner. Es geht um den amerikanischen Luftschlag gegen Assad-treue Einheiten, die nahe der Stadt Deir ez-Zor am Mittwoch voriger Woche angeblich eine Stellung der von Kurden geführten „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) angriffen.

          Laut der Zeitung „Washington Post“ versuchten die SDF, einen russischen Verbindungsoffizier in Deir ez-Zor von dem sich abzeichnenden Angriff abzubringen, der angeblich einer Ölförderstätte galt. Der Russe habe aber geleugnet, dass eine Attacke bevorstehe. Nach dem Luftschlag, der nach amerikanischen Angaben mehr als hundert Angreifer tötete, habe der Verbindungsoffizier dann um eine Pause ersucht, um Tote und Verwundete zu bergen. „Es ist komisch, dass eine Supermacht nicht weiß, was ihre Kräfte am Boden machen“, zitierte die Zeitung den SDF-Kommandeur der Region.

          Das russische Verteidigungsministerium hatte zu dem Vorfall nur eine kryptische Mitteilung verschickt, in der nur von 25 verwundeten syrischen Milizionären die Rede war, gefolgt von einem Satz, der Beobachter von Russlands mal mehr, mal weniger verdeckten Kriegen in der Ukraine und Syrien misstrauisch macht: „Russische Soldaten sind in dem betreffenden Gebiet der syrischen Provinz Deir ez-Zor nicht.“

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