Home
http://www.faz.net/-gq5-nl4h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Israel und Hamas "Rantisi, die tickende Bombe"

11.06.2003 ·  Die Chancen für einen Frieden in Nahost werden wieder geringer. Israel weist Hamas-Führer Rantisi die Hauptverantwortung für die jüngsten Terrorschläge zu.

Von Jörg Bremer, Jerusalem
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Mehr als die Hälfte der Israelis hält den Zeitpunkt des Anschlages auf den Hamas-Führer Rantisi in Gaza für gerechtfertigt. Das teilte am Mittwoch die Zeitung "Maariv" mit. In einem ihrer Kommentare schreibt sie allerdings von einem "in jeder Hinsicht totalen Fiasko": Die versuchte Tötung des Terroristenführers Rantisi am Dienstag mittag schade mehr als sie nutze. Schon die vergangenen Anschläge hätten sich "nicht als besonders effektiv" erwiesen, schrieb die Zeitung. Israel will dagegen eine "faule Waffenruhe" verhindern und statt dessen durchsetzen, daß die Autonomiebehörde gegen Extremisten vorgeht. Dabei schwächt sie jetzt die Autonomiebehörde. Israels Führung ist freilich der Ansicht, auf lange Sicht könne sie den gemäßigten Palästinensern so eher helfen.

Im Januar 2002 erschoß die Armee den Fatah-Terroristen Karmi bei Tulkarm im Westjordanland, nachdem PLO-Chef Arafat zum Jahreswechsel zum Waffenstillstand aufgerufen hatte und es wohl gut vier Wochen ruhiger als zuvor geblieben war. Die Tötung führte zu einer neuen Welle des Terrors. Als Ende Juli 2002 die Autonomiebehörde wieder versuchte, die "militärischen Operationen" zu beenden, tötete Israel Hamas-Terrorführer Schehade. Nochmals schlug eine Blutwelle über Israel zusammen; der Anschlag auf die Hebräische Universität in Jerusalem gehörte dazu. Bei ihm allein kamen neun Menschen ums Leben. Nur Stunden bevor im März die PLO zusammentrat, um erstmals die Wahl eines Ministerpräsidenten durchzufechten, wurde Hamas-Aktivist Makadme umgebracht. Die kampfbereite PLO-Gruppe setzte sich durch, und Israel erlebte eine neue Terrorwoge.

Israel sieht in Rantsini Schlüsselfigur

Schon vor gut sechs Monaten wollte Israel im Gaza-Streifen gegen Islamisten vorgehen. Hamas-Gründer Scheich Jassin sollte dabei wohl wie schon einmal deportiert werden. Die schlechten Erfahrungen im Frühjahr 2002 in Dschenin aber hielten die Armee dann von einem kompletten Einmarsch genauso ab wie Einwände aus Washington. Vor Wochen wollte Israel dann zumindest die Hamas-Führung im Gaza-Streifen ausheben. Wieder setzte sich Washington durch, um die Treffen von Scharm al Scheich und Aqaba möglich zu machen, bei denen zunächst die gemäßigten arabischen Staaten und tags darauf auch Israel und die Autonomiebehörde unter der Leitung von Präsident Bush den internationalen Friedensplan auf den Weg brachten.

Doch in den israelischen Augen machte sich nicht zuletzt der 56 Jahre alte Kinderarzt Rantisi einen Spaß daraus, die Friedensabsichten dieser Treffen in Terror umzukehren. Rantisi sei nicht nur einer der politischen Hamas-Führer und ihr Mitgründer. Er sei selbst Terrorist und "nicht nur eine tickende Terror-Bombe, sondern eine Fabrik tickender Bomben", sagt Verteidigungsminister Mofaz. Israel weist ihm die Hauptverantwortung für die jüngsten Terrorschläge zu. Er habe jüngst Hamas, Dschihad und die Fatah-Brigaden in Gaza zum Anschlag auf die Soldaten beim Gaza-Grenzpunkt Erez vereint. Rantisi habe auch seine Befehlsempfänger im Westjordanland, die jüngst in Hebron einen Soldaten erschossen und einen Selbstmordattentäter in Tulkarm auf den Weg schickten.

Scharon schielt nach Washington

Rantisi hätte am Dienstag kurz vor dem Treffen sterben sollen, zu dem die Hamas-Führung in Gaza zusammenkommen wollte, um einen Waffenstillstand zu beraten, heißt es bei der israelischen Armee. Dabei wäre wohl eine Mehrheit für die Waffenruhe gewesen - freilich gegen Rantisi. Diese Waffenruhe hätte aber Bedingungen enthalten, denen sich Israel nicht beugen will. Hamas hätte weiter auf Soldaten schießen wollen und wohl auch auf Siedler. Sie hätte die Befreiung aller Inhaftierten verlangt. Israel hätte sich verpflichten müssen, nicht mehr in den besetzten oder dann wieder von der Autonomiebehörde polizeilich kontrollierten Gebieten agieren zu dürfen.

Es werden noch weitere Gründe für die Operation gerade jetzt genannt. Seit dem Gipfel in Aqaba sei Scharon vor allem bei seinen Parteigängern im Likud und bei den Siedlern in den Ruch eines "Linken" geraten. Die Auflösung von zunächst 15, später wohl mehr als neunzig Siedlungsposten lasse den "Siedlerpatriarchen" Scharon in ihren Augen wie einen Verräter erscheinen. Diesem Eindruck habe Scharon mit dem Anschlag auf Rantisi entgegenwirken wollen. Er wolle "seine Operationen vor der Öffentlichkeit ausbalancieren", schreibt "Yediot Ahronot".

Scharon habe auch nach Washington geschielt. Er konnte Präsident Bush zitieren, der dieser Tage Hamas zum Feind des Friedens erklärte. Sein Bürochef Weissglass soll Sicherheitsberaterin Rice mitgeteilt haben, würde Israel "nach amerikanischen Standards" vorgehen, wäre Rantisi längst nicht mehr am Leben. Scharon konnte zudem deutlich machen, daß sich Israel beim Thema Sicherheit von Washington nichts vorschreiben lassen wolle. Präsident Bush blieb freilich bei seiner Feststellung, der Anschlag auf Rantisi erhöhe Israels Sicherheit nicht.

Arafats Beliebtheit sinkt weiter

Der Anschlag schwächt die Chancen zur Durchsetzung des internationalen Friedensplanes. Er trifft vor allem den palästinensischen Ministerpräsidenten Abbas. Aber, so fragt das Militär, soll man darauf Rücksicht nehmen? Bei den Generalen wächst der Eindruck, daß Abbas zwar ein mutiger und vertrauenswürdiger Mann sei. Aber er werde sich nicht gegen Arafat durchsetzen können. Es sei denn, Arafat selbst begreife nun, daß nach Rantisi auch er selbst wieder zum Ziel der israelischen Armee werden könnte. Schon spricht Mofaz wie im Winter wieder von Ausweisung. Vielleicht könnte das Arafat dazu bewegen, seinem Ministerpräsidenten endlich zu helfen.

Doch auf der Straße kann Arafat jetzt freilich nur Beifall für Rantisi und seine Hamas hören. Erstmals sind diese Islamisten nach einer Umfrage des palästinensischen Jerusalem-Zentrums nicht nur im Gaza-Streifen sondern auch im gesamten Westjordanland (29 Prozent) beliebter als Arafats Fatah (22); immer kleiner wird sein eigener Vorsprung vor den Hamas-Führern Scheich Jassin und Rantisi.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2003, Nr. 134 / Seite 4
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3