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Israel Kein zweiter Holocaust

 ·  Israel hat den Besitz von Atomwaffen nie zugegeben, schreckt aber damit seine Feinde ab. Auch an der Raketenabwehr wird intensiv gearbeitet.

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© AFP Beer Sheva im März: Israelische Soldaten beobachten den Abschuss einer Rakete des Abwehrsystems „Iron Dome“.

In Washington wählte Benjamin Netanjahu klare Worte. „Wir werden es nicht dulden, dass Iran eine Atomwaffe hat“, sagte der israelische Ministerpräsident während seines Besuchs Anfang März. Wie Israel die iranische Atombombe verhindern will, ließ er offen. Aber es war klar, dass Netanjahu die Militärdoktrin bekräftigte, die Anfang der achtziger Jahre der damalige Regierungschef Menachem Begin formulierte und in die Tat umsetzen ließ: Im Juni 1981 zerstörten acht israelische Kampfbomber den irakischen Atomreaktor Osirak.

Israel werde es nicht zulassen, dass ein feindliches Land im Nahen Osten Massenvernichtungswaffen entwickele, um damit die israelische Bevölkerung anzugreifen, lautete die offizielle Begründung der Regierung. Ohne den Luftangriff „hätte es noch einmal einen Holocaust in der Geschichte des israelischen Volks gegeben“, sagte Begin damals und versprach, dass es niemals wieder so weit kommen werde.

Im September 2006 stiegen abermals israelische Jagdbomber auf. Dieses Mal bombardierten sie in Syrien eine Anlage, in der angeblich Plutonium hergestellt wurde. Mit Blick auf das viel umfangreichere iranische Nuklearprogramm zeigt Israel dagegen bisher ungewohnte Zurückhaltung. „Die Begin-Doktrin gilt weiter. Aber jeder Fall ist anders. Israel versucht sein Monopol zu erhalten als eine Versicherungspolice gegen die eigene Vernichtung“, sagt Emily Landau, Sicherheitsexpertin am Institute for National Security Studies (INSS) in Tel Aviv.

Die U-Boote lassen sich auch für Kernwaffen aufrüsten

In Israel ist es schwer, Einzelheiten über die Militärstrategie des Landes zu erfahren. Militärs und Politiker geben sich einsilbig, selbst wenn es um eigene Erfolge geht. So wurde der Luftangriff in Syrien bisher nie offiziell bestätigt. Wird in Israel über solche Themen berichtet, geschieht das meist mit dem Zusatz „laut ausländischen Pressemeldungen“. Andernfalls greift der Militärzensor ein. Das gilt besonders für die Waffen, über die im Nahen Osten bisher wohl nur Israel verfügt. Nach Informationen des Londoner International Institute for Strategic Studies wird angenommen, dass das kleine Land bis zu 200 nukleare Gefechtsköpfe besitzt. Dazu kommen Trägerraketen vom Typ Jericho. Im November 2011 wurde zudem eine Jericho-3-Rakete erfolgreich getestet.

Sie kann angeblich einen nuklearen Sprengkopf mehrere tausend Kilometer weit transportieren - auch bis nach Iran. Zusätzlich erhöhen die drei U-Boote der Delphin-Klasse die Einsatzmöglichkeiten des israelischen Militärs. Weitere drei U-Boote aus deutscher Produktion werden folgen. Sie lassen sich mit konventionellen Torpedos ausstatten, aber auch für Atomwaffen umrüsten. Damit könnte sich Israel die Möglichkeit eines Zweitschlags verschaffen und einen Gegner vernichtend treffen, der das Land zuerst angegriffen hat.

Über die gefährlichsten Waffen des israelischen Arsenals herrscht völliges Schweigen. Atomare Zweideutigkeit nennt man in Israel den Umgang mit den Nuklearwaffen, deren Besitz bisher keine Regierung offiziell zugegeben hat. Nach Ansicht von Avner Cohen ist es dennoch das „am schlechtesten gehütete Geheimnis“. Er hatte in einem Buch das offizielle Schweigen gebrochen. Aus Angst vor einer Anklage wegen Geheimnisverrats lebt der Israeli seitdem in Amerika. Der israelische Atomtechniker Mordechai Vanunu wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt, weil er zum ersten Mal über den geheimen Atomreaktor in Dimona berichtet hatte.

Vieles spricht dafür, dass Israel schon atomar bewaffnet war, als 1967 der Sechstagekrieg begann. Während des Jom-Kippur-Kriegs im Jahr 1973 soll sich der damalige Verteidigungsminister Mosche Dajan laut Cohen vergeblich für eine „nukleare Demonstration“ ausgesprochen haben. Bis heute kam es nicht dazu. Da Israel den Besitz von Atomwaffen nicht zugibt, kann es mit ihnen nicht drohen - hat das aber auch nie getan. Diese nukleare Undurchsichtigkeit erwies sich als nützlich, um potentielle Feinde abzuschrecken. Um eine atomare Eskalation im Nahen Osten zu vermeiden, versorgten zudem westliche Verbündete das Land großzügig mit anderem Rüstungsmaterial: Seit die israelischen Angriffsdrohungen gegen Iran lauter wurden, kamen neue Zusagen aus Amerika. Es sollen bunkerbrechende Bomben und Tankflugzeuge geliefert werden, die Israel für einen Luftschlag gegen Iran dringend braucht. In zwei Jahren sollen in Israel dann die ersten amerikanischen Tarnkappenjagdbomber vom Typ F-35 eintreffen.

Das „X-Band-Radar“ kann bis nach Iran blicken

In den vergangenen Jahren mussten Militärstrategen jedoch einsehen, dass Abschreckung allein nicht mehr ausreicht. Deshalb wird intensiv an der Raketenabwehr gearbeitet. „Iron Dome“ bildet dabei die unterste Schicht der schützenden „Kuppel“. Der eiserne Mantel soll Kurzstreckenraketen und Mörsergranaten mit Reichweiten von vier bis 70 Kilometern abfangen. Während des Raketenbeschusses aus Gaza vor knapp einem Monat lag die Erfolgsquote schon bei gut 80 Prozent. Die amerikanische Regierung finanziert gerade die Anschaffung weiterer Batterien. Mittelstreckenraketen soll das Projekt „Magic Wand“ stoppen, das die bewährten „Patriot“-Raketen ergänzen wird. Das „Arrow“-System soll Langstreckenraketen bekämpfen. In Zusammenarbeit mit und zu einem Großteil auch finanziert von Amerika entstehen die Weiterentwicklungen „Arrow 2“ und „Arrow 3“. In der Negev-Wüste ist zudem das von Amerika gelieferte hochmoderne „X-Band-Radar“ in Betrieb, das bis nach Iran blicken kann.

Im Kampf gegen die Gegner in der unmittelbaren Nachbarschaft stößt die Hochtechnologie aber an Grenzen. Gegen Hamas und Islamischen Dschihad sowie die libanesische Hizbullah-Miliz gelang der Armee bisher kein vernichtender Schlag. Im Gazastreifen wie im Libanon muss sich das israelische Militär mit begrenzten Aktionen begnügen, um zu verhindern, dass die Terrorgruppen zu gefährlich werden. Dabei beschritten die Militärs schon ungewöhnliche Wege wie den Bau der Sperranlage zum Westjordanland und die Sicherheitszusammenarbeit mit der palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah.

Auf unkonventionelle Weise arbeitet offenbar auch der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad in Iran daran, einen Luftschlag auf die Atomanlagen überflüssig zu machen. Der vor gut einem Jahr pensionierte Mossad-Chef Meir Dagan hält bis heute die Folgen eines israelischen Angriffs für zu riskant: Er setzt auf politischen und wirtschaftlichen Druck sowie auf Sabotage. Immer wieder kam es in Iran zu mysteriösen Explosionen, Attentaten auf Atomwissenschaftler und Attacken mit Computerviren. Auch solche Verzögerungsversuche, an denen angeblich auch andere westliche Staaten beteiligt sind, gehören vermutlich zur israelischen Strategie. Sollte all das nichts bringen und sich in Israel die Befürworter eines Erstschlags durchsetzen, blieben die Ziele klar definiert. „Wenn es jemals dazu kommt, würde die Luftwaffe nur die Atomanlagen selbst angreifen. Anders als das Regime in Teheran hat Israel nie dem iranischen Volk damit gedroht, es zu vernichten“, sagt Emily Landau.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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