06.02.2010 · Israels Regierung sieht sich Angriffen aus dem Internet ausgesetzt. Das Hochtechnologieand glaubt sich aber gerüstet - mit Hilfe von Trojanern, Viren oder manipulierten Computerchips soll es sogar einen syrischen Reaktor zerstört haben.
Von Hans-Christian Rößler, Tel AvivWer dahintersteckte, weiß man bis heute nicht. Nur dass es der heftigste aller bisher registrierten Angriffe war. Mit bis zu 15 Millionen Mails pro Sekunde bombardierten rund eine halbe Million Computer in vier Wellen im vergangenen Jahr während des Gaza-Kriegs Internetseiten der israelischen Regierung. Ihnen gelang es jedoch nicht, Seiten wie die des Zivilschutzes lahmzulegen. Innerhalb kurzer Zeit konnte die israelische Datenschutzbehörde Tehila auch diese Attacke abwehren. Die Fachleute sind aus leidvoller Erfahrung gut gerüstet: Jedes Mal, wenn der Konflikt mit den Palästinensern wieder aufflammt, sieht sich Israel solchen Angriffen aus dem Internet ausgesetzt, und jedes Mal werden sie massiver.
Bisher waren nur Informationsseiten das Ziel, aber die Militärs sind besorgt, dass eines Tages auch Energieversorger, Banken oder Kommunikationssysteme angegriffen werden könnten. Aber in Israel trübt nicht nur Furcht den Blick in die virtuelle Zukunft. „Die Cyber-Welt gibt auch den Kleinen die Macht und Möglichkeiten, die bisher den Supermächten vorbehalten waren. Wir werden in der Lage sein, in der ersten Liga mitzuspielen“, sagte der Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, Amos Yadlin, vor kurzem zuversichtlich. Für ihn stehe außer Frage, dass die digitale Kriegsführung längst „eine militärische Dimension beim Sammeln von Informationen wie bei Verteidigung und Angriff“ erreicht habe - auch wenn er sich noch nicht sicher sei, ob der „Cyberwar“, die Kriegsführung mit Computern und Internet, schon mit der Einführung der Luftwaffe in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vergleichbar sei, sagte der frühere Kampfpilot. So ausführlich und offen wie Yadlin vor einigen Wochen in einem Vortrag vor dem „Institut für Nationale Sicherheitsstudien“ (INSS) in Tel Aviv hatte in Israel noch kein führender General oder Geheimdienstler auf Gefahren und Chancen dieser neuen Art von Kriegen hingewiesen.
Welche Rolle spielen Trojaner, Viren und Computerchips wirklich?
In Israel wurden die Äußerungen des Chefs des Militärgeheimdienstes aufmerksam registriert, denn Spekulationen über solche Aktivitäten israelischer Dienste gibt es reichlich. Zum Beispiel, dass sie im September 2007 syrische Radaranlagen lahmlegten, ohne dabei auf konventionelle Waffen zurückzugreifen: Von der syrischen Luftabwehr unentdeckt, zerstörten damals israelische Kampfflugzeuge in Al Kibar einen offenbar kurz vor der Fertigstellung stehenden Atomreaktor. Aber auch von unerklärlichen Pannen in syrischen Raketenfabriken und iranischen Anlagen für Urananreicherung erzählt man in Israel gerne.
Welche Rolle Trojaner, Viren oder manipulierte Computerchips wirklich dabei spielten, bleibt ungewiss. Internationale Fachleute trauen jedoch Israel auf diesem Gebiet eine Menge zu. Das zeigt der jüngste Bericht des auf Internetsicherheit spezialisierten Unternehmens McAfee über den Krieg mittels Computern. Die Autoren rechnen Israel zum Kreis der fünf Staaten, die über „Cyber-Waffen“ verfügen und dieses Arsenal ausbauen - neben Großmächten wie Amerika, Russland, China und Frankreich. Zwar gebe es immer noch keine allgemein akzeptierte Definition für diese Art der Kriegsführung. Deutlich erkennbar sei aber, dass die Zahl der Cyber-Attacken steige und dass diese stärker mit politischen Konflikten zu tun hätten und weniger mit kriminellen Umtrieben, heißt es in dem Bericht, in dem Militärs, Diplomaten und Computerfachleute zu Wort kommen. Einige von ihnen befürchten hier schon einen Rüstungswettlauf.
Besonderes Augenmerk gilt „Einheit 8200“
Im vergangenen Jahr war es dann ausgerechnet Russland, das sich international für Rüstungskontrollgespräche für das Internet starkmachte. Denn die Spuren von zwei der bislang heftigsten Cyber-Angriffe führten nach Russland: Nach der Verlegung eines sowjetischen Kriegerdenkmals aus dem Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn blockierten Cyber-Angriffe im Frühjahr 2007 tagelang die Internetseiten von Regierungsstellen und Banken. Im Sommer 2008 geschah Ähnliches mit georgischen Internetseiten während des Krieges in Südossetien. Im Juli 2009 sahen sich Südkorea und mehrere amerikanische Ministerien Angriffen aus dem Internet ausgesetzt, deren Urheber dieses Mal in Nordkorea vermutet wurden.
Wie intensiv israelische Aktivitäten an dieser neuen Front sind, lässt sich schwer sagen. Einen Hinweis darauf gibt aber schon die mit großem Aufwand betriebene Auswahl und Ausbildung von Rekruten für die entsprechenden Truppenteile. Man hält dabei nicht nur nach besonders begabten und belastbaren Kampfpiloten und Fallschirmspringern Ausschau, sondern zum Beispiel auch nach Nachwuchs für die „Einheit 8200“, die genauso viel Ansehen genießt wie kämpfende Spezialeinheiten. Aufgabe von „8200“ ist es, mit elektronischen Mitteln die Kommunikation des Feindes abzuhören und für die eigene Truppe nutzbar zu machen. Aber nicht nur dort herrsche eigenständiges Denken vor, das Kreativität und unkonventionelle Lösungen fördere, beobachtet Saul Singer. „In der israelischen Armee haben Hierarchien keine große Bedeutung. Es muss viel improvisiert werden“, sagt der Autor des zusammen mit Dan Senor geschriebenen Buches „Start-Up Nation“. Das höre nicht mit dem Militärdienst auf, schreiben beide.
Gerangel um israelische Cyber-Kompetenzen entbrannt
Während der Alumni-Treffen der Vereinigung der ehemaligen „8200“-Mitglieder schwelgten die früheren Aufklärer nicht in den Erinnerungen an die Zeit des Militärdienstes, sondern hielten Vorträge und diskutierten über ihre neugegründeten Hightech-Unternehmen. Ein weiteres Indiz für die gefragten Qualifikationen dieser Soldaten sind Stellenanzeigen, die in Israel gezielt nach Mitgliedern dieser Einheit suchen. Sie und frühere Angehörige anderer technischer Spezialeinheiten haben wesentlich dazu beigetragen, dass das rohstoffarme Land, gemessen an seiner Bevölkerungszahl, die höchste Dichte an Start-up-Unternehmen aufweist. Und an der New Yorker Nasdaq-Börse sind mehr israelische Firmen registriert als aus allen europäischen Ländern zusammen. Die Betreiber der Internetsuchmaschine Google unterhalten in Israel zwei Entwicklungszentren.
Die „8200“-Soldaten sind auch ein Grund der Zuversicht von Geheimdienstchef Yadlin. Täglich treffe er die Soldaten, die Israel auf seinem Weg in „diese neue Welt“ leiteten, sagte Yadlin, der wegen seines Aufgabengebietes sonst wortkarg ist, bei seinem Vortrag in Tel Aviv. Israelische Geheimdienstkenner vermuten, dass er dieses Mal seine Landsleute jedoch nicht nur auf die Gefahren aus dem Cyberspace aufmerksam machen wollte. Sie sehen dafür auch andere Motive. Dazu gehöre die Verärgerung darüber, dass sich der Auslandsgeheimdienst Mossad gerne mit Erfolgen schmücke, für die die Militäraufklärer die Grundlagen geschaffen hätten. Zudem sei ein Kampf darüber entbrannt, wer die israelischen Cyber-Aktivitäten koordinieren solle. In Großbritannien und Amerika wurden vor kurzem solche Stellen geschaffen. Yadlin und Generalstabschef Gabi Aschkenasi machen aus ihrer Präferenz für die Einheit „8200“ keinen Hehl. So sparen beide auch nicht an Lob für „N“. Das ist der Brigadegeneral, der die Einheit leitet. Aus Sicherheitsgründen heißt er in der Öffentlichkeit nur „N“.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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