10.08.2007 · Viele Jahrzehnte lang einte die Armee die israelische Gesellschaft. Die Befehlsverweigerung orthodoxer Soldaten bei einer Aktion gegen Siedler in Hebron zeigte jetzt, wie wenig davon geblieben ist. Von Jörg Bremer.
Von Jörg Bremer, JerusalemAuch wenn das Presseecho groß ist, scheint die israelische Öffentlichkeit von der jüngsten Meuterei von einem Dutzend Soldaten ungerührt zu sein. Sie hatten sich geweigert, an der Räumung von Siedlern illegal besetzter Gebäude am „arabischen Markt“ in Hebron mitzuwirken und verbüßen daher jetzt mehrwöchige Haftstrafen.
Nach einer Umfrage der Zeitung „Haaretz“ ist ein Drittel der Befragten sogar der Ansicht, die orthodoxen Soldaten seien zu Recht dem Boykottaufruf ihrer Rabbiner gefolgt. Wenig verwunderlich ist, dass die Zustimmung im religiösen Lager so stark ist: 75 Prozent der orientalisch-orthodoxen Schas-Wähler halten die Befehlsverweigerung für gerechtfertigt. Aber auch im säkularen Likud fiel die Unterstützung mit 54 Prozent deutlich aus. Möglicherweise haben viele taktisch gedacht; ihnen mag vor allem missfallen, dass die Regierung mit der Räumungsaktion versucht haben könnte, ihr Ansehen zu verbessern.
„Stadt der Patriarchen“
Jahrzehntelang einte die Armee die israelische Gesellschaft. Staatsgründer Ben Gurion konnte extremistische Milizen wie Lechi oder Etzel ausschalten und machte aus der Haganah eine Volksarmee. Aber nach der Besetzung von Westjordanland und Gazastreifen im Jahr 1967 begann eine Debatte darüber, ob die „umstrittenen Gebiete“ annektiert oder nach einem Vertrag mit den Arabern zurückgegeben werden sollten.
Hätte es damals schon einen arabischen Partner für einen Dialog gegeben, wäre Israel wohl der Konflikt über das Land und die Aufgabe der Armee erspart geblieben. Statt dessen wurden die revisionistischen und religiösen Kräfte immer stärker, die das biblische Herzland von „Judäa und Samaria“ nicht mehr preisgeben wollen.
Als der frühere Ministerpräsident Scharon im Sommer 2005 den Gazastreifen räumen ließ, zeigte sich erstmals, wie machtvoll diese Gruppe ist, ohne dass sie den Abzug verhindern konnte. Damals ging es aber nur um Gebiete, in denen einst die Philister lebten, und nicht um die „Stadt der Patriarchen“ Hebron oder die Stätte des salomonischen Tempels Jerusalem. Wäre aber ein Abzug von diesen Orten möglich? Sind Armee und Grenzpolizei stark und die Bevölkerung dafür geeint genug?
Vom Generalstab hinab zum Zugführer
Die von der Armee tolerierte Abwanderung arabischer Bürger unter dem Druck der Siedler hat das Bild der „Besatzungsarmee“ beschädigt. Sie soll die Siedler vor palästinensischem Terror schützen und schaut dem wilden Treiben der Siedler zu. Die Polizei soll hingegen Übergriffe der Siedeler auf Araber ahnden, erscheint dafür aber zu schwach. Die Demütigungen der arabischen Bevölkerung an den Kontrollpunkten führen zwar immer wieder zur Verurteilung einzelner Soldaten, aber das Ansehen der Volksarmee, die das ganze Israel und nicht nur die Siedler verteidigt, leidet.
Verteidigungsminister Barak machte nach der Räumungsaktion in Hebron deutlich, dass es in der Armee nur eine Befehlslinie geben könne: vom Generalstab hinab zum Zugführer. Es dürfe nicht geschehen, dass die Armee nur noch der „Hälfte des Volkes“ dient. Tatsächlich kritisieren die traditionell der Armee nahestehende nationalreligiöse Rabbiner sowie die Kibbuzbewegung gemeinsam die Meuterer und ihre ideologischen Anstifter. Die Rabbiner des Nahal-Bataillons, in dem sich ultraorthodoxe Soldaten sammeln, wollen über ihr Rekrutierungsprogramm nachdenken.
„Unpopuläre Besatzungsarmee“
Aber das Bild der Armee hat Schaden genommen. Oft wenden sich die alten Eliten, die Söhne der Staatsgründer, die in den Eliteeinheiten gegen arabische Armeen kämpften, von ihr ab. Der bekannte Autor Yonatan Gefen gestand jetzt in einem Zeitungsbeitrag, wenn er heute 18 Jahre alt wäre, würde er den Dienst in der Armee verweigern.
Er sei auch froh darüber, dass sein Sohn, der bekannte Popsänger Aviv Gefen, nicht in dieser „Besatzungsarmee“ dienen musste, obwohl er es gern getan hätte. Er habe ein Rückenleiden und sei ausgemustert worden. Als Vater aber hätte er alles dafür getan, um Aviv vom Wehrdienst abzuhalten: „Womöglich würde ich als geistiger Führer der verweigernden Hälfte agieren, denn das ist besser als der Kommandeur einer unpopulären Armee zu sein, die nicht weiß, wofür sie sterben soll.“
„Die Polizei ist schlechter als die Deutschen“
Anstelle dieser alten Eliten sind russische Einwanderer und eher nationalistisch orientierte Soldaten nachgerückt. Ihnen ist der Gedanke nicht so fern, für die in der Bibel jüdischen Gebiete zu sterben. Diese Soldaten fühlen sich gestärkt durch messianisch predigende Rabbiner, gehorchen ihnen oder ihren Eltern - nicht aber ihrem Kompaniechef.
Beispiellos ist der hasserfüllte Fluch des Literaturprofessors Hillel Weiss von der Bar-Ilan-Universität. Weiss beschimpfte Brigadekommandeur Fuchs, als seine Tochter aus einem der besetzten Häuser in Hebron getragen wurde: „Ich hoffe, dass deine Mutter über dich trauern wird, dass deine Frau eine Witwe wird und deine Kinder Waisen.“ Diese Armee solle den nächsten Krieg verlieren. „Die Polizei ist schlechter als die Deutschen. Von den Deutschen kann man nichts erwarten, aber die jüdischen Polizisten verloren ihre Menschlichkeit und sind zu allem bereit.“
Am Tag darauf sagte er im Rundfunk, er habe „sehr gut geschlafen“ und beim Fluch nur den Psalm 109 zitiert, „eine Wirklichkeit, der man nicht entgehen kann“. Gegen Weiss läuft ein Strafverfahren; aber es gab schon mehrere dieser Art. Doch das säkulare Recht kann religiöse Ideologen nur wenig beeindrucken.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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