http://www.faz.net/-gpf-75d10
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.12.2012, 19:27 Uhr

Israel Die Wurzeln der Treuen

Bei der Wahl im Januar kann die konservative Regierung Netanjahu fest auf die Stimmen jener Israelis zählen, die aus arabischen Ländern, Äthiopien und Russland stammen.

von , Herzlija/Jerusalem
© REUTERS Ankunft in Israel: Äthiopische Juden auf dem Flughafen von Tel Aviv im Oktober

Von Vadim Kapullers Haus braucht man mit dem Auto keine zwanzig Minuten bis an den Grenzzaun des Gazastreifens. Nicht weit von der Wohnung des Kinderarztes entfernt schlugen während des jüngsten Gaza-Konflikts in der südisraelischen Hafenstadt Aschkelon die Raketen der Hamas ein - eine davon vor dem Eingang einer Schule. „Seit 2.000 Jahren gibt es keinen Frieden zwischen Juden und Arabern. Nur der Stärkere wird hier überleben“, sagt der Kinderchirurg, der 1999 aus einem der Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Israel eingewandert ist. Als Reservist wartete er eine Woche lang auf den israelischen Einmarsch nach Gaza, zu dem es dann doch nicht kam.

Hans-Christian Rößler Folgen:

Mehr als eine Waffenruhe wie jetzt wieder mit der Hamas, wird es nach Meinung des Arztes im Nahen Osten auch nicht geben. Für ihn ist deshalb schon seit Wochen klar, wem er bei der israelischen Parlamentswahl am 22. Januar 2013 seine Stimme geben wird: „Avigdor Lieberman. Er sagt, was er denkt. Sein Programm ist sehr einfach. Im Mittelpunkt steht unser Überleben“, sagt der 48 Jahre Mann, der wie viele andere der mehr als eine Million Einwanderer aus der früheren Sowjetunion eine Schwäche für starke Führungspersönlichkeiten hat. Aber Politik sei ein schmutziges Spiel.

Immer wenn Lieberman stärker werde, werfe man ihm juristische Prügel zwischen die Beine, sagt Vadim Kapuller. Von der Anklage wegen Amtsmissbrauchs, wegen der der Außenminister zurückgetreten ist, lässt er sich nicht beirren. Dieses Mal sei die Wahlentscheidung sogar noch einfacher, denn Liebermans „Israel Beitenu“-Partei tritt zusammen mit der Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit einer gemeinsamen Liste an. Die Umfragen lassen keinen Zweifel daran, dass „Likud Beitenu“ die meisten Sitze in der Knesset erhalten und Netanjahu zusammen mit seinem bisherigen Außenminister die neue Regierung bilden wird.

Die Erfolgsaussichten der Likud-Partei

Diese Erfolgsaussichten gäbe es nicht ohne die zuverlässige Unterstützung dreier Bevölkerungsgruppen: Lieberman kann sich besonders auf die russischen Wähler verlassen, die seine Partei „Israel Beitenu“ im Februar 2009 mit 15 Sitzen zur drittgrößten Partei in der Knesset gemacht hatten. Achtzig Prozent aller „Russen“ wollen auch dieses Mal für sie stimmen. Netanjahus Likud-Partei kann auf die Einwanderer aus arabischen Staaten und aus Äthiopien bauen.

Avigdor Lieberman selbst wanderte 1978 aus der damaligen Sowjetrepublik Moldau nach Israel ein. Gut ein Jahrzehnt später begann ein Exodus von mehr als einer Million jüdischer Bürger der Sowjetunion nach Israel; es war die größte Einwanderungswelle seit der Gründung des Staates. Liebermans Hebräisch klingt ein wenig schwerer und verrät seine Herkunft - der Arzt Vadim Kapuller hat denselben Akzent.

Dessen Tochter Lior ist die Herkunft ihrer Familie schon nicht mehr anzuhören. Auch politisch stimmt sie mit ihrem Vater nicht in allem überein. „Es darf nicht sein, dass Studenten in Jerusalem oder Tel Aviv keine bezahlbaren Wohnungen finden. Alles ist so teuer geworden“, klagt Lior, die in Jerusalem studiert. Sie findet es richtig, dass die linken Parteien an die Sozialproteste des Sommers 2011 anknüpfen: Damals demonstrierten viele tausend Israelis gegen zu hohe Lebenshaltungskosten und für mehr soziale Gerechtigkeit. Vor allem die sozialdemokratische Arbeiterpartei möchte mit diesen Themen Wähler für sich gewinnen. Vadim Kapuller hält davon wenig: „Das Zentrum von Tel Aviv ist etwas für reiche Leute. Dafür muss man hart arbeiten. Schließlich kann auch nicht jeder New Yorker in Manhattan wohnen. Aber in Israel kann man auch gut an der Peripherie leben“, entgegnet er seiner Tochter.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Genesis-Preis Helen Mirren glaubt an Israel

In den sechziger Jahren hat sie mal in einem Kibbuz gearbeitet. Jetzt ist Helen Mirren für eine Preisverleihung wieder in Israel – und wendet sich gegen Kritiker des Landes. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

23.06.2016, 15:18 Uhr | Gesellschaft
Israel Netanjahu bereit zu neuen Verhandlungen über Friedensinitiative

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich zu neuen Verhandlungen über einen Friedensplan arabischer Staaten bereit erklärt. Netanjahu sagte am Montagabend in Jerusalem, die Friedensinitiative von 2002 enthalte positive Elemente, die dabei helfen könnten, die Verhandlungen mit den Palästinensern über eine Zweistaaten-Lösung wiederzubeleben. Mehr

31.05.2016, 16:06 Uhr | Politik
Selbstfahrende Autos Eine kleine Firma hat Großes vor

Mobileye heißt ein kleines Unternehmen aus Jerusalem. Selbstfahrende Autos werden mit Kameras und Sensoren ausgestattet und auf Testfahrt geschickt. Das Interesse der Branchenriesen ist geweckt. Mehr

20.06.2016, 14:23 Uhr | Wirtschaft
Schatten der Vergangenheit Kroatische Juden kämpfen gegen Ignoranz und Vergessen

Die jüdische Gemeinde in Kroatien wirft der neuen Rechtsregierung vor, die Verbrechen des faschistischen Ustascha-Regimes im Zweiten Weltkrieg systematisch zu verleugnen oder zu verharmlosen. Mehr

04.06.2016, 02:00 Uhr | Politik
Antisemitismus in der AfD Das Judentum als innerer Feind

Antisemitismusforscher Marcus Funck bietet sich als Gutachter für die AfD in Stuttgart an. Was er von den Schriften von Wolfgang Gedeon hält, sagt er im FAZ.NET-Gespräch. Mehr Von Rüdiger Soldt

22.06.2016, 19:17 Uhr | Aktuell

So nicht!

Von Lorenz Hemicker

Die Regierung Erdogan besteht auf einem Besuchsverbot für deutsche Politiker bei der Bundeswehr in Incirlik. Ein beispielloser Schritt unter Nato-Partnern. Die Verteidigungsministerin kontert - mit der richtigen Antwort. Mehr 40 103