Home
http://www.faz.net/-gq5-75d10
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Israel Die Wurzeln der Treuen

Bei der Wahl im Januar kann die konservative Regierung Netanjahu fest auf die Stimmen jener Israelis zählen, die aus arabischen Ländern, Äthiopien und Russland stammen.

© REUTERS Vergrößern Ankunft in Israel: Äthiopische Juden auf dem Flughafen von Tel Aviv im Oktober

Von Vadim Kapullers Haus braucht man mit dem Auto keine zwanzig Minuten bis an den Grenzzaun des Gazastreifens. Nicht weit von der Wohnung des Kinderarztes entfernt schlugen während des jüngsten Gaza-Konflikts in der südisraelischen Hafenstadt Aschkelon die Raketen der Hamas ein - eine davon vor dem Eingang einer Schule. „Seit 2.000 Jahren gibt es keinen Frieden zwischen Juden und Arabern. Nur der Stärkere wird hier überleben“, sagt der Kinderchirurg, der 1999 aus einem der Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Israel eingewandert ist. Als Reservist wartete er eine Woche lang auf den israelischen Einmarsch nach Gaza, zu dem es dann doch nicht kam.

Hans-Christian Rößler Folgen:  

Mehr als eine Waffenruhe wie jetzt wieder mit der Hamas, wird es nach Meinung des Arztes im Nahen Osten auch nicht geben. Für ihn ist deshalb schon seit Wochen klar, wem er bei der israelischen Parlamentswahl am 22. Januar 2013 seine Stimme geben wird: „Avigdor Lieberman. Er sagt, was er denkt. Sein Programm ist sehr einfach. Im Mittelpunkt steht unser Überleben“, sagt der 48 Jahre Mann, der wie viele andere der mehr als eine Million Einwanderer aus der früheren Sowjetunion eine Schwäche für starke Führungspersönlichkeiten hat. Aber Politik sei ein schmutziges Spiel.

Immer wenn Lieberman stärker werde, werfe man ihm juristische Prügel zwischen die Beine, sagt Vadim Kapuller. Von der Anklage wegen Amtsmissbrauchs, wegen der der Außenminister zurückgetreten ist, lässt er sich nicht beirren. Dieses Mal sei die Wahlentscheidung sogar noch einfacher, denn Liebermans „Israel Beitenu“-Partei tritt zusammen mit der Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit einer gemeinsamen Liste an. Die Umfragen lassen keinen Zweifel daran, dass „Likud Beitenu“ die meisten Sitze in der Knesset erhalten und Netanjahu zusammen mit seinem bisherigen Außenminister die neue Regierung bilden wird.

Die Erfolgsaussichten der Likud-Partei

Diese Erfolgsaussichten gäbe es nicht ohne die zuverlässige Unterstützung dreier Bevölkerungsgruppen: Lieberman kann sich besonders auf die russischen Wähler verlassen, die seine Partei „Israel Beitenu“ im Februar 2009 mit 15 Sitzen zur drittgrößten Partei in der Knesset gemacht hatten. Achtzig Prozent aller „Russen“ wollen auch dieses Mal für sie stimmen. Netanjahus Likud-Partei kann auf die Einwanderer aus arabischen Staaten und aus Äthiopien bauen.

Avigdor Lieberman selbst wanderte 1978 aus der damaligen Sowjetrepublik Moldau nach Israel ein. Gut ein Jahrzehnt später begann ein Exodus von mehr als einer Million jüdischer Bürger der Sowjetunion nach Israel; es war die größte Einwanderungswelle seit der Gründung des Staates. Liebermans Hebräisch klingt ein wenig schwerer und verrät seine Herkunft - der Arzt Vadim Kapuller hat denselben Akzent.

Dessen Tochter Lior ist die Herkunft ihrer Familie schon nicht mehr anzuhören. Auch politisch stimmt sie mit ihrem Vater nicht in allem überein. „Es darf nicht sein, dass Studenten in Jerusalem oder Tel Aviv keine bezahlbaren Wohnungen finden. Alles ist so teuer geworden“, klagt Lior, die in Jerusalem studiert. Sie findet es richtig, dass die linken Parteien an die Sozialproteste des Sommers 2011 anknüpfen: Damals demonstrierten viele tausend Israelis gegen zu hohe Lebenshaltungskosten und für mehr soziale Gerechtigkeit. Vor allem die sozialdemokratische Arbeiterpartei möchte mit diesen Themen Wähler für sich gewinnen. Vadim Kapuller hält davon wenig: „Das Zentrum von Tel Aviv ist etwas für reiche Leute. Dafür muss man hart arbeiten. Schließlich kann auch nicht jeder New Yorker in Manhattan wohnen. Aber in Israel kann man auch gut an der Peripherie leben“, entgegnet er seiner Tochter.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Baby getötet Israel gibt Palästinenserbehörde Mitschuld an Anschlag

In Jerusalem ist ein Baby getötet worden, als ein Palästinenser mit seinem Auto in eine Haltestelle fuhr. Der israelische Verteidigungsminister erhebt nun Vorwürfe gegen die Palästinenserbehörde: Sie befördere eine Kultur des Dschiahad gegen Juden. Mehr

23.10.2014, 07:29 Uhr | Politik
Hoffnungsschimmer Deutschland Immer mehr junge Juden ziehen nach Berlin

Immer mehr junge Juden aus aller Herren Länder zieht es in die deutsche Hauptstadt. Die jüdische Gemeinschaft erstarkt, während sich in anderen europäischen Ländern viele Juden zunehmend rassistischen Parolen ausgesetzt sehen und nach Israel auswandern. Mehr

16.10.2014, 16:23 Uhr | Gesellschaft
Deutscher Soldatenfriedhof Letzte Ruhestätte Israel

Norbert Schwake ist Arzt und stammt aus Emmerich. Seit vierzig Jahren lebt er in Israel und ist längst Israeli geworden. In Nazareth kümmert er sich um den einzigen deutschen Soldatenfriedhof im Heiligen Land. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

18.10.2014, 17:01 Uhr | Politik
Israelische Luftwaffe bombardiert Hamas-Stellungen im Gazastreifen

Nach der Entführung und Tod von 3 jungen Israelis, hat die Israelische Armee mit Luftschlägen gegen die Hamas reagiert. In Israel sind zehntausende Menschen zur Beerdigung der toten Jungen zusammengekommen. Mehr

02.07.2014, 11:43 Uhr | Politik
Gaza im Ersten Weltkrieg Halb geflüchtet, halb vertrieben

Gaza im Fadenkreuz: Schon kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs wird die Stadt von italienischen Kriegsschiffen beschossen. Viele der Bewohner fliehen, der Rest wird zwangsevakuiert. Mehr Von Joseph Croitoru

23.10.2014, 18:02 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.12.2012, 19:27 Uhr

Träume an der Saar

Von Jasper von Altenbockum

Der Forderung, die Zahl der Bundesländer zu verringern, liegt meist ein ökonomisch verbrämter Hang zum Zentralismus zugrunde. Der jetzige Vorschlag aus dem Saarland hat aber einen ganz anderen Grund. Mehr 3