Von Vadim Kapullers Haus braucht man mit dem Auto keine zwanzig Minuten bis an den Grenzzaun des Gazastreifens. Nicht weit von der Wohnung des Kinderarztes entfernt schlugen während des jüngsten Gaza-Konflikts in der südisraelischen Hafenstadt Aschkelon die Raketen der Hamas ein - eine davon vor dem Eingang einer Schule. „Seit 2.000 Jahren gibt es keinen Frieden zwischen Juden und Arabern. Nur der Stärkere wird hier überleben“, sagt der Kinderchirurg, der 1999 aus einem der Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Israel eingewandert ist. Als Reservist wartete er eine Woche lang auf den israelischen Einmarsch nach Gaza, zu dem es dann doch nicht kam.
Mehr als eine Waffenruhe wie jetzt wieder mit der Hamas, wird es nach Meinung des Arztes im Nahen Osten auch nicht geben. Für ihn ist deshalb schon seit Wochen klar, wem er bei der israelischen Parlamentswahl am 22. Januar 2013 seine Stimme geben wird: „Avigdor Lieberman. Er sagt, was er denkt. Sein Programm ist sehr einfach. Im Mittelpunkt steht unser Überleben“, sagt der 48 Jahre Mann, der wie viele andere der mehr als eine Million Einwanderer aus der früheren Sowjetunion eine Schwäche für starke Führungspersönlichkeiten hat. Aber Politik sei ein schmutziges Spiel.
Immer wenn Lieberman stärker werde, werfe man ihm juristische Prügel zwischen die Beine, sagt Vadim Kapuller. Von der Anklage wegen Amtsmissbrauchs, wegen der der Außenminister zurückgetreten ist, lässt er sich nicht beirren. Dieses Mal sei die Wahlentscheidung sogar noch einfacher, denn Liebermans „Israel Beitenu“-Partei tritt zusammen mit der Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit einer gemeinsamen Liste an. Die Umfragen lassen keinen Zweifel daran, dass „Likud Beitenu“ die meisten Sitze in der Knesset erhalten und Netanjahu zusammen mit seinem bisherigen Außenminister die neue Regierung bilden wird.
Die Erfolgsaussichten der Likud-Partei
Diese Erfolgsaussichten gäbe es nicht ohne die zuverlässige Unterstützung dreier Bevölkerungsgruppen: Lieberman kann sich besonders auf die russischen Wähler verlassen, die seine Partei „Israel Beitenu“ im Februar 2009 mit 15 Sitzen zur drittgrößten Partei in der Knesset gemacht hatten. Achtzig Prozent aller „Russen“ wollen auch dieses Mal für sie stimmen. Netanjahus Likud-Partei kann auf die Einwanderer aus arabischen Staaten und aus Äthiopien bauen.
Avigdor Lieberman selbst wanderte 1978 aus der damaligen Sowjetrepublik Moldau nach Israel ein. Gut ein Jahrzehnt später begann ein Exodus von mehr als einer Million jüdischer Bürger der Sowjetunion nach Israel; es war die größte Einwanderungswelle seit der Gründung des Staates. Liebermans Hebräisch klingt ein wenig schwerer und verrät seine Herkunft - der Arzt Vadim Kapuller hat denselben Akzent.
Dessen Tochter Lior ist die Herkunft ihrer Familie schon nicht mehr anzuhören. Auch politisch stimmt sie mit ihrem Vater nicht in allem überein. „Es darf nicht sein, dass Studenten in Jerusalem oder Tel Aviv keine bezahlbaren Wohnungen finden. Alles ist so teuer geworden“, klagt Lior, die in Jerusalem studiert. Sie findet es richtig, dass die linken Parteien an die Sozialproteste des Sommers 2011 anknüpfen: Damals demonstrierten viele tausend Israelis gegen zu hohe Lebenshaltungskosten und für mehr soziale Gerechtigkeit. Vor allem die sozialdemokratische Arbeiterpartei möchte mit diesen Themen Wähler für sich gewinnen. Vadim Kapuller hält davon wenig: „Das Zentrum von Tel Aviv ist etwas für reiche Leute. Dafür muss man hart arbeiten. Schließlich kann auch nicht jeder New Yorker in Manhattan wohnen. Aber in Israel kann man auch gut an der Peripherie leben“, entgegnet er seiner Tochter.
Die Partei der Staatsgründer wurde von Menschen aus Europa und Amerika geprägt
Die meisten russischen Einwanderer müssen in Israel kämpfen, um über die Runden zu kommen. Aber ihre schlechten Erfahrungen mit dem sozialistischen Regime in ihrer alten Heimat führen dazu, dass sie bis heute linken Parteien skeptisch gegenüberstehen. Für den Arzt aus Aschkelon ist klar, was in Israel Vorrang haben muss: „Wenn unsere Sicherheit bedroht ist, spielt es keine große Rolle, wie teuer der Liter Milch ist“, sagt er und spielt damit auf frühere Proteste dagegen an, dass Molkereiprodukte in Israel viel mehr kosten als in Europa oder Amerika. Vadim Kapuller hat die Selbstmordanschläge während der zweiten Intifada vor gut zehn Jahren noch nicht vergessen.
Um zu vermeiden, dass seine Tochter Lior mit dem Bus fährt, habe die Familie ihr damals sogar ein Auto gekauft, erinnert er sich; Busse waren oft das Ziel von Attentätern. Haim Amir wird von Erinnerungen nicht losgelassen, die viel weiter zurückliegen. Seine Eltern sind 1956 aus Marokko nach Israel eingewandert. Sie hatten einen schweren Start im neuen jüdischen Staat - so wie viele Juden, die aus Nordafrika und dem Nahen Osten stammen. Haim Amir wurde 1962 in Israel geboren und hat sich durchgekämpft. Er arbeitet in einer Internetfirma in Herzlija. „Meine Karriere habe ich nur mir selbst zu verdanken“, sagt er. „Die Regierung half mir überhaupt nicht dabei. Die Arbeiterpartei hat schon meine Eltern schlecht behandelt.“
Die Partei, die jahrzehntelang die israelische Politik bestimmte, hofft, bei dieser Wahl mit mehr als 20 Mandaten zweitstärkste Kraft in der Knesset zu werden. Die Partei der Staatsgründer und ihrer Nachfolger war stets von Menschen geprägt, die aus Europa und Amerika kamen. Viele jüdische Einwanderer aus arabischen und afrikanischen Ländern fühlten sich von ihr vernachlässigt und wie Bürger zweiter Klasse behandelt. „Die Juden aus Europa haben Geld und Land bekommen. Meine Eltern durften am Rand unseres Dorfes nicht einmal Gemüse anpflanzen. Meine Mutter musste in den Familien meiner Klassenkameraden putzen gehen“, sagt Haim Amir bitter.
Die regierende Partei funktioniere „wie eine Maschine“
Enttäuscht von der Arbeiterpartei, fanden viele dieser Juden in der konservativen Likud-Partei ihre politische Heimat. Benjamin Netanjahu spricht auch viele Wähler aus anderen Bevölkerungsgruppen an, aber die Unterstützung von Israelis wie Haim Amir ist ihm gewiss. „Ich werde mich nie ändern und immer für Likud sein“, glaubt Haim Amir. Die Arbeiterpartei hält er für arrogant, weil sie sich nicht darum kümmere, was die Menschen wollten. Die Partei funktioniere „wie eine Maschine“. So hätten Politiker wie Jitzhak Rabin und Schimon Peres mit dem Friedensprozess einfach weitergemacht, obwohl es in den neunziger Jahren fast täglich palästinensische Terroranschläge gegeben habe.
Dabei ist Haim Amir zu Kompromissen bereit. Er würde den Arabern sogar Jerusalem überlassen, wenn sie dafür mit Israel Frieden schlössen: „Aber sie werden mit nichts zufrieden sein. Ich glaube, es geht ihnen nicht um Land. Sie wollen uns Juden überhaupt nicht hier haben“, befürchtet er. Israelis wie Amirs Eltern können zudem nicht vergessen, was sie vor der Staatsgründung Israels in den arabischen Ländern miterlebten, in denen sie bis dahin wohnten. Im Irak zum Beispiel wurden schon im Jahr 1941 während eines Pogroms mehr als 130 Juden getötet. In den Jahren danach gab es immer wieder gewaltsame Übergriffe, und nach der Gründung des Staates Israel nahmen die Anfeindungen weiter zu.
„Man kann den Arabern einfach nicht trauen“, sagt eine alte Frau aus Jerusalem, die als Mädchen in Bagdad lebte. Sie ist mehr als achtzig Jahre alt und bis heute vorsichtig geblieben: Weder ihren Namen noch ihr genaues Alter will sie gedruckt sehen. „Für uns Juden gibt es auf der Welt keinen anderen Ort als Israel. Deshalb brauchen wir auch eine starke Regierung. Das geht nur mit der Likud-Partei“, sagt die Frau, die davon überzeugt ist, dass die meisten „Iraker“ so wie sie am 22. Januar Netanjahus Partei wählen werden.
Wahrnehmung und Wirklichkeit stimmten nicht überein
Nach einer Zählung der israelischen Regierung flohen zwischen 1947 und 1968 mehr als 800.000 Juden aus arabischen Ländern nach Israel. Die meisten kamen aus Marokko (265.000) und dem Irak (135.000), aber es gab auch Tausende Flüchtlinge aus Iran und dem Jemen. Rechnet man ihre zahlreichen Nachkommen dazu, bilden diese Juden, die auch „Sefarden“ und „Mizrachim“ genannt werden, heute eine noch viel größere Gruppe unter den insgesamt fast acht Millionen Israelis. Die Religiösen unter ihnen wählen die ultraorthodoxe Schas-Partei, die anderen zumeist Likud.
„Der Likud-Partei ist es gelungen, ihnen ihren Stolz zurückzugeben, nachdem sie jahrelang von der Arbeiterpartei herablassend behandelt wurden. Der erste Likud-Ministerpräsident, Menachem Begin, ging auf sie zu, als wäre er einer von ihnen“, sagt der Politikwissenschaftler Ofer Kenig vom „Israel Democracy Institute“. Dabei stimmten Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht überein: Begin stammte aus Osteuropa, so wie die Vorfahren von Benjamin Netanjahu. In den Kabinetten der Arbeiterpartei seien mehr Minister nahöstlicher Herkunft vertreten gewesen als in den Likud-Regierungen, sagt Kenig.
Es ist nicht so, dass alle Einwanderer nichteuropäischer Herkunft treue Anhänger des Likud sind - es gibt unter ihnen auch Enttäuschte wie David Abeba, einen äthiopischen Juden, der sich von Netanjahus Partei abgewandt hat. Aber auch er gibt zu, dass es für die meisten seiner Verwandten und Freunde weiter nur eine Wahl gibt - auch auf die Stimmen der 100.000 Juden aus Äthiopien kann sich Netanjahu verlassen. „Viele Äthiopier glauben bis heute, dass die Likud-Partei sie nach Israel gebracht hat“, sagt der 43 Jahre alte Busfahrer David Abeba aus Jerusalem.
Nicht nur seine Familie verehrte den im Sommer gestorbenen Likud-Politiker Jitzhak Schamir: Er wurde im selben Jahr israelischer Ministerpräsident, in dem Abeba mit seinen Eltern und Geschwistern nach Israel kam. Der Busfahrer, der heute selbst vier Kinder hat, fühlte sich in der Likud-Partei zu Hause. Er begann, sich als Mitglied politisch zu engagieren. Als seine zwölf Jahre alte Tochter religionsmündig wurde und ihre „Batmitzwa“ feierte, nahmen mehrere Likud-Minister daran teil. Die Partei kümmerte sich um die Äthiopier, versorgte Bedürftige sogar mit Mehl und Speiseöl.
Doch David Abeba wollte kein einfaches Likud-Mitglied bleiben und kandidierte für das Zentralkomitee. Er fand 600 Unterstützer für seine Nominierung und scheiterte trotzdem. „Sie sagten, ich solle keine Fragen stellen. Die Partei wisse besser als ich, was die Äthiopier brauchen“, erinnert er sich verärgert: Am nächsten Morgen trat er aus dem Likud aus. „Jetzt sehe ich viel klarer, wie schlecht man uns behandelt. Jeder vierte junge Äthiopier hatte schon mit der Polizei zu tun. Netanjahu und die anderen Politiker haben vom richtigen Leben keine Ahnung“, schimpft Abeba. Um das zu ändern, hat er jetzt eine eigene Partei gegründet.
Sie heißt „Wir sind Brüder“. Abeba will nicht nur für die Äthiopier sprechen. Daher hat er sich mit indischen Einwanderern und Behinderten zusammengetan. Doch die Anfänge waren ernüchternd. Als sie zu einer Pressekonferenz einluden, kam kein einziger israelischer Journalist. „Mit richtiger Werbung könnten die israelischen Äthiopier vier Sitze im Parlament bekommen. Aber dafür brauchen wir Spenden“, gesteht er ein. In allen Umfragen geht David Abebas Partei leer aus, während mehr als zwei Drittel aller Israelis glauben, dass Netanjahu und Lieberman wiedergewählt werden - obwohl „Likud Beitenu“ weder einen Äthiopier noch einen Einwanderer aus der arabischen Welt auf einem aussichtsreichen Listenplatz vorweisen kann.
Vertriebene
Elli Bahiri (nilrabi)
- 29.12.2012, 05:17 Uhr
@Seneca Im Falle des Sieges von Bibi&Avi 2013
Closed via SSO (hebold)
- 28.12.2012, 17:04 Uhr
Im Falle des Sieges von Bibi&Avi 2013
Heinrich Seneca (Hadrian55)
- 28.12.2012, 15:19 Uhr
"THE JEWS OF IRAQ by Naeim Giladi"
Sophia Orti (rum)
- 28.12.2012, 14:24 Uhr
"Nur der Staerkere wird hier ueberleben" und das kommt von
einem Chirurg!
Hans henseler (hajohenseler)
- 28.12.2012, 12:55 Uhr
