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Israel Die Geschichte der Anderen

26.07.2007 ·  Im Nahen Osten kann die Geschichtswissenschaft eine ganz besondere Sprengkraft entfalten: Was die Juden „Unabhängigkeitskrieg“ nennen, heißt bei Arabern schlicht „Katastrophe“. Der Streit über ein Schulbuch führt zu Rücktrittsforderungen. Von Michael Borgstede.

Von Michael Borgstede, Tel Aviv
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Juden und Araber im Heiligen Land streiten sich über vieles, nicht zuletzt aber über ihre eigene Geschichte. In einem Gebiet, in dem beide Bevölkerungsgruppen ihre jeweiligen territorialen Ansprüche gerne auf Geschehnisse der Bronzezeit zurückführen, kann die Geschichtswissenschaft eine ganz besondere Sprengkraft entfalten.

Nachdem eine neue Generation israelischer Historiker schon in den vergangenen Jahren die lange offiziell propagierte Unschuld der Staatsgründung in Frage gestellt hatte, soll nach dem Willen von Bildungsministerin Juli Tamir nun die arabische Version der Ereignisse von 1948 auch in ein Schulbuch für arabisch-israelische Kinder Eingang finden.

„Geflüchtet und vertrieben“

Was bei den Juden „Unabhängigkeitskrieg“ heiße, werde von den Arabern „Naqba“ („Katastrophe“) genannt, lesen arabischsprachige Drittklässler vom kommenden Jahr an in dem Schulbuch „Zusammen leben in Israel“. Weiter heißt es, in dem Krieg seien „Palästinenser geflüchtet und vertrieben“ worden und „viele Ländereien wurden enteignet“.

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Für die israelische Rechte waren diese Sätze Grund genug, den Rücktritt der Ministerin zu fordern und den „Masochismus und Defätismus der Linken“ zu beklagen. Dabei bemüht sich das Buch tatsächlich um Ausgewogenheit: So wird auch darauf hingewiesen, dass die jüdische Führung den Teilungsplan der Vereinten Nationen angenommen hat, während die Araber ihn ablehnten.

„Arabischen Gefühlen Raum geben“

Spätestens seit Benny Morris’ grundlegender Untersuchung „The Birth of the Palestinian Refugee Problem“ aus dem Jahr 1988 ist unumstritten, dass eine Vielzahl von Faktoren die damaligen Ereignisse bestimmte und sowohl die offizielle israelische als auch die arabisch-palästinensische Version der Komplexität nicht gerecht werden.

„Die arabische Seite verdient es, dass wir ihren Gefühlen auch Raum geben“, begründete Bildungsministerin Tamir ihre Entscheidung. Außerdem müsse man es arabischen Schülern ermöglichen, die Geschichten, die sie zu Hause hörten, besser in einen Zusammenhang einzubinden. Fast 20 Prozent der israelischen Bevölkerung sind Araber, die meisten arabischen Kinder lernen in arabischen Schulen mit aus dem Hebräischen übersetzten Materialien.

„Jüdische Kinder nicht überfordern“

In der hebräischen Version des veränderten Buches wird sich auch in der nächsten Auflage kein Hinweis auf den arabischen Blickwinkel finden. Man wolle jüdische Kinder – offensichtlich im Gegensatz zu ihren arabischen Altersgenossen – nicht mit zwei Versionen derselben Ereignisse überfordern, sagte eine Sprecherin des Bildungsministeriums.

Dabei könnten auch hebräische Schulbücher von einer Überarbeitung durchaus profitieren, sagt Nurit Peled-Elhanan. Sie hat sechs israelische Geschichts- und Geographiebücher analysiert, die in den Jahren 2000 bis 2003 veröffentlicht wurden, und stellt eine stark typisierende Darstellung der Palästinenser fest, die als „Problem“, „Gefahr“ oder „Albtraum“ bezeichnet oder einfach ignoriert würden. So finde sich in einem ausführlichen Text über Jerusalem nicht ein einziges Mal das Wort „Araber“. Peled-Elhanan kommt zu dem Schluss, israelische Schüler lernten, den „Sprachgebrauch und die Argumente der Politiker und Generäle“ zu übernehmen.

„Linksextreme Ideologie“

Es scheint, als habe die ehemalige Aktivistin der Bewegung „Frieden Jetzt“ und heutige Bildungsministerin es sich zur Aufgabe gemacht, einige dieser Mängel langsam zu bereinigen. Schon Anfang Dezember 2006 hatte Frau Tamir für Aufsehen gesorgt, als sie anordnete, auf den Landkarten in israelischen Schulbüchern die Grenze aus der Zeit vor dem Sechs-Tage-Krieg 1967 einzutragen.

Hinter der Entscheidung stünden keine politischen, sondern nur pädagogische Erwägungen, versicherte die Ministern damals: Um den Konflikt zu verstehen, müssten israelische Schüler auch wissen, wo vor den Eroberungen des Sechs-Tage-Krieges die Grenze verlief. Von „linksextremer Ideologie“ war die Rede, die Likud-Fraktion strebte ein Misstrauensvotum in der Knesset an, und eine Gruppe Rabbiner erließ gleich ein religiöses Urteil, das Schülern den Gebrauch der veränderten Bücher verbot.

Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, dass dieselben aufgebrachten Politiker sich zu anderer Gelegenheit gern über palästinensische Schulbücher aufregen, weil man auch auf deren Landkarten oft vergeblich nach dem Staat Israel sucht. Außerdem sollen die Bücher gewaltverherrlichend sein, einem perversen Märtyrerkult huldigen und Kinder zu Terroristen heranziehen.

Vaterland aus zwei Teilen

Professor Nathan Brown von der Washington University sieht das anders: Es sei vor allem eine Untersuchung des „Center for Monitoring the Impact of Peace“ (CMIP), die die palästinensischen Schulbücher international in Verruf brachte. Die Organisation mit dem klangvollen Namen arbeite aber mit dubiosen wissenschaftlichen Methoden.

Zitate seien aus dem inhaltlichen und historischen Zusammenhang gerissen und missverständlich oder falsch übersetzt worden, sagt Brown, der selbst palästinensische Schulbücher durchforscht hat. Das Vorgehen der Organisation sei „tendenziös und im höchsten Maß irreführend“.

Nachgedruckt wurden die Ergebnisse trotzdem allenthalben. Dabei stammten viele der angeführten Beispiele aus jordanischen und ägyptischen Schulbüchern, die von den Palästinensern jahrzehntelang benutzt wurden und die vor antiisraelischer und antisemitischer Propaganda nur so strotzten. In islamischen Schulen im Gazastreifen finden sich diese „Lehrwerke“ auch noch immer.

Dennoch habe die Palästinenserbehörde seit den Osloer Verträgen große Anstrengungen unternommen, eigene Bücher einzuführen und einen eigenständigen Lehrplan aufzustellen. Vollkommen unproblematisch sind die Landkarten auch in den neuen Büchern nicht: So werden Gaza und das Westjordanland zwar fein säuberlich von Israel getrennt dargestellt, darüber steht aber trotzdem „Palästina“. Immerhin findet sich im Vorwort vieler Bücher der Hinweis, das Vaterland bestehe aus den zwei Teilen Gaza und Westjordanland.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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