22.04.2010 · Israels Armee hat immer größere Probleme, Rekruten zu finden. Deshalb bemüht sie sich intensiv um Frauen. Doch Soldatinnen, die in die Kampftruppe wollen, beklagen mangelnde Gleichberechtigung: In den Krieg ziehen - zumindest am Boden - nur Männer.
Von Hans-Christian Rößler, NizzanaArina Merkulova nennt es „George“. Ohne ihr schwarzes Sturmgewehr geht sie weder ins Bad noch zu Bett, sagt die Soldatin. „Als ich vor kurzem ohne meine Waffe im Urlaub war, fühlte ich mich ein wenig nackt.“ Ihren Waffen, die sie nur in Ausnahmefällen zu Hause lassen dürfen, geben israelische Soldaten oft Spitznamen. Arina Merkulovas „Tavor“-Gewehr fällt wegen des großen Zielfernrohrs noch etwas sperriger aus als das der meisten anderen Soldaten: Die 20 Jahre alte Soldatin ist Scharfschützin in der Karakal-Einheit, die die Wüstengrenze zwischen Israel und Ägypten bewacht. „Wir sind die ersten, die schießen. Für mich war von Anfang an klar, dass ich in eine Einheit gehe, die kämpft. Das ist einfach cooler“, sagt die in Usbekistan geborene Soldatin. Seit November lebt sie in einem Ausbildungslager mitten in der Wüste. Durch die olivgrünen Mannschaftszelte pfeift der sandige Wind. Tagsüber erreichen die Temperaturen schon im Frühjahr bis zu 40 Grad, im Winter nähern sie sich nachts dem Gefrierpunkt. Zusammen mit 13 anderen Soldatinnen teilt sich Arina Merkulova ein Zelt. Ihre männlichen Kameraden haben es etwas bequemer. Sie wohnen in den alten Baracken auf dem Hügel, von dem der Grenzzaun zu Ägypten zu sehen ist. Es gibt nicht viele männliche Soldaten hier: Bei den Wüstenfüchsen (so lautet die Übersetzung von Karakal) sind Frauen in der Überzahl.
Die Infanterietruppe in der Wüste ist jedoch immer noch eine Ausnahme, obwohl in Israel auch Wehrpflicht für Frauen gilt. Armeeführung und Regierung hätten gern noch mehr Soldaten wie Arina Merkulova, denn der Nachwuchs bereitet ihnen Sorgen. Verteidigungsminister Barak warnte schon vor einigen Jahren vor der Gefahr, dass aus der Volksarmee eine „Armee des halben Volkes“ werden könnte. Neuere Statistiken zeigen, dass die Furcht nicht unbegründet ist. Am „Rand eines Abgrunds“ sieht man sich in der Rekrutierungsstelle der Streitkräfte: Schon vor zwei Jahren leisteten nach deren Zählung 37 Prozent des Jahrgangs keinen Wehrdienst. Und ihr Anteil wird wohl wachsen, weil in Israel die meisten Angehörigen der arabischen Minderheit und der Ultraorthodoxen nicht zur Armee gehen. Diese Bevölkerungsgruppen haben aber mittlerweile die höchsten Geburtenraten; in vielen Grundschulen stellen arabische und religiöse Kinder schon die Hälfte der Schüler.
Besonders unter den potentiellen Rekrutinnen ist in Israel schon fast die Fünfzigprozentmarke erreicht: Nur 54 Prozent von ihnen wurden 2008 noch Soldatinnen. Der prominenteste Fall war in den vergangenen Jahren das Model Bar Rafaeli. Sie heiratete und ließ sich auffällig schnell wieder von dem deutlich älteren Mann scheiden. Ohne gegen geltendes Recht zu verstoßen, entzog sie sich so dem Wehrdienst. Zahlenmäßig fallen andere jedoch stärker ins Gewicht. Langsam, aber stetig wuchs in den vergangenen Jahren der Anteil der jungen Frauen, die kurz vor der Einberufung angeben, auf einmal religiös geworden zu sein, obwohl sie sich bis dahin kaum in Synagogen oder Talmud-Schulen hatten sehen lassen. Auf bis zu sieben Prozent schätzt man im Verteidigungsministerium die Zahl der Frauen, die sich auf diese Weise ihrem Dienst entziehen. Nun soll es ein neues Gesetz möglich machen, härter gegen sie vorzugehen. Auf einige waren Privatdetektive angesetzt worden. Sie beobachteten die angeblich Frommen fröhlich feiernd an Schabbat.
Arina Merkulova nutzt ihre freien Wochenenden so gut sie kann. Sie schminkt ihr hübsches Gesicht, stylt die vollen haselnussbraunen Haare und fährt an die Küste, um sich mit ihren Freunden zu vergnügen. Für die israelischen Frauen, die vor allem ein angenehmes Leben oder ihre Karriere im Sinn haben, hat sie nur ein schweigendes Kopfschütteln übrig. Dabei hätte sie in Israel gar keinen Dienst an der Waffe leisten müssen: Sie ist an der amerikanischen Ostküste aufgewachsen; nach Amerika will sie nach dem Wehrdienst auch zum Medizinstudium zurückkehren. Die jüdische Scharfschützin hätte auch in den Vereinigten Staaten in die Armee gekonnt. „Aber hier in meiner Einheit herrscht absolute Gleichstellung. Ich bin Feministin und möchte genau das machen, was auch die Jungs tun“, sagt sie, während nebenan in der stechenden Mittagssonne die anderen Soldaten an ihren Gewehren gedrillt werden.
Arina Merkulova ist noch nicht zufrieden mit der Gleichberechtigung in der israelischen Armee. Gut 50 Kilometer liegt der Gazastreifen entfernt: „Wenn es nötig und möglich wäre, würde ich auch dort kämpfen.“ Die allgemeine Wehrpflicht in Israel bedeutet aber noch lange nicht, dass Männer und Frauchen auch das Gleiche tun. In Kriegsgebiete lässt man Frauen bisher höchstens hoch oben in der Luft an Bord von Flugzeugen, aber nicht am Boden. Die Angst ist zu groß, dass sie in die Hände von Hamas oder Hizbullah fallen könnten oder den wochenlangen körperlichen Strapazen wie zuletzt während des Gaza-Kriegs nicht gewachsen sein könnten. Während des Libanon-Kriegs im Sommer 2006 war die erste gefallene Soldatin zu beklagen, die an Bord eines abgestürzten Militärflugzeugs ums Leben kam.
Soldatinnen in Kampfbemalung
Frauen wie Arina Merkulova machen gerade einmal vier Prozent aller Soldaten in den Kampfeinheiten aus. Insgesamt stellen Frauen auch derzeit nur ein Drittel der gesamten Truppe; das hat aber auch damit zu tun, dass sie nur zwei Jahre Wehrdienst leisten und nicht drei wie die Männer. „Hauptaufgabe der Armee ist es nicht, Gleichberechtigung zu verwirklichen, sondern für Kriege gerüstet zu sein, die man gewinnen kann. Für die harten Kampfjobs gibt es immer noch genügend Männer. Aber die Stärke der Armee sind die Stärken der Menschen, die ihr angehören. Deren Qualitäten muss man nutzen und das gilt besonders für die Frauen“, sagt Gila Kalifi-Amir. Sie ist eine der drei ranghöchsten Soldatinnen in der israelischen Armee. Als Brigadegeneralin ist sie im Tel Aviver Verteidigungsministerium die wichtigste Beraterin des Generalstabschefs für Frauenfragen.
Wie sie sich die Zukunft vorstellt, zeigen schon die Wände ihres Büros: Soldatinnen in Kampfbemalung, am Steuerknüppel eines Kampfflugzeuges oder bei der Montage von Raketen. Schon wer die Internetseite der Armee besucht, bekommt zuerst die Soldatinnen wie Arina Merkulova zu sehen, die ein wichtiger Bestandteil des Images sind, das sich die Streitkräfte zu geben versuchen. Der Mutter von drei Kindern, die selbst mit einem General verheiratet ist, geht es jedoch weniger um die Außenwirkung, denn sie will vor allem junge Frauen für den Militärdienst gewinnen – besonders auch die religiösen unter ihnen. Denn die Mütter vieler Rekrutinnen wurden früher als Sekretärinnen eingesetzt, bis zu 80 Prozent von ihnen arbeiteten in Büros. „Die Armee, in die jetzt meine achtzehnjährige Tochter kommt, ist mit der, in der ich vor knapp 30 Jahren Soldatin wurde, nicht mehr zu vergleichen. Neunzig Prozent aller Positionen sind jetzt auch für Frauen offen, bis hin zum Cockpit eines Kampfflugzeugs“, sagt die Brigadegeneralin. Leider wüssten das viele junge Frauen immer noch nicht.
Aber auch innerhalb des israelischen Militärs ging dieser Öffnung ein längerer Kampf voraus: Bis vors Oberste Gericht musste Alice Miller vor einem Jahrzehnt ziehen, bis sie sich das Recht erstritt, auch Kampfpilotin werden zu können; sie selbst fiel dann jedoch im harten Auswahltest durch, den aber später andere Kandidatinnen bestanden.
„Für wirkliche Veränderung ist eine ,kritische Masse‘ nötig“
Hart ist nicht nur die Auswahl, sondern auch der Alltag mancher Soldatinnen. Vor allem dann, wenn sie zum Beispiel im besetzten Westjordanland Dienst tun müssen. Hausdurchsuchungen, nächtliche Razzien und Feuergefechte gehören dazu. Frauen reagieren darauf auf eigene Weise, wie die israelische Veteranenorganisation „Breaking the silence“ zu Jahresbeginn zum ersten Mal in einer Sammlung von Berichten von Soldatinnen dokumentierte. Sie gingen mit den Palästinensern nicht menschlicher um als ihre Kameraden – im Gegenteil: Um richtig dazuzugehören, treten Frauen oft brutaler als ihre männlichen Kameraden auf. Psychologen vermuten zudem, dass die Gegenwart von Soldatinnen bei den Männern dazu führe, dass diese noch härter aufträten. Am Anfang könne es vorkommen, dass junge Soldatinnen ihre männlichen Kollegen imitierten, gesteht Brigadegeneralin Kalifi-Amir ein. Aber das lege sich meist nach ein paar Monaten, wenn sie selbstsicherer würden.
Größere Beunruhigung haben hingegen Übergriffe anderer Art hervorgerufen: Soldatinnen berichteten, sexuell bedrängt oder missbraucht worden zu sein. Die Brigadegeneralin redet das Problem nicht klein. „Die Armee ist Spiegelbild und Teil der israelischen Gesellschaft. Aber wir greifen nun härter durch und sind der Gesellschaft schon ein paar Schritte voraus“, sagt sie. Fortschritte erkennen dabei auch israelische Feministinnen an. „Hier hat sich definitiv etwas gebessert. Wenn die Armee etwas wirklich tun will, dann macht sie es gründlich“, sagt Naomi Chazan. Als Knesset-Abgeordnete der linksliberalen Meretz-Partei spielte sie vor gut zehn Jahren eine wichtige Rolle, als das Gesetz zustande kam, das Frauen mehr Gleichberechtigung in der Armee bringen sollte.
Ähnlichen Einsatz wie beim Kampf gegen sexuelle Belästigung lassen die Verantwortlichen jedoch nach ihrer Ansicht vermissen, wenn es darum geht, Frauen in der Armee zu fördern: „Zwei oder drei Frauen in Führungspositionen sind bedeutungslos. Für wirkliche Veränderung ist eine ,kritische Masse‘ nötig.“ Eine chauvinistische Weltsicht sei in den Streitkräften immer noch verbreitet, dazu komme der Druck religiöser Israelis. Wenn überhaupt, dann wollten viele der Frommen, dass Frauen als Soldatinnen höchstens Kaffee kochen.
Frauen ...
Sabine Mersmann (Sabine2772)
- 21.04.2010, 20:20 Uhr
Tja,
Günter Busse (guenter.b)
- 21.04.2010, 20:44 Uhr
Positive Entwicklung
Achim Land (AchimLand)
- 21.04.2010, 21:08 Uhr
@Busse + @FAZ
Tobias Bertram (tobiasbertram)
- 22.04.2010, 08:52 Uhr
Wer möchte schon ...
Daniel Borer (Danibor)
- 22.04.2010, 11:23 Uhr
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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