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Israel Der Sieg der Säkularen

22.08.2005 ·  Viele Jahre wurden die religiösen Siedler von den israelischen Regierungen verwöhnt. Nicht nur beim Gaza-Abzug haben sich die säkularen Kräfte durchgesetzt. Demokratie und Kapitalismus haben die Bedeutung der Religion an den Rand gedrängt.

Von Jennie Matthew, AFP
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Der israelische Abzug aus dem Gazastreifen ist ein Wendepunkt in der Geschichte des jüdischen Staates. Nach 38 Jahren israelischer Besatzung mußten die einst von den Regierungen verwöhnten Siedler unter militärischem Zwang ihre Häuser in dem palästinensischen Gebiet verlassen.

Nach Ansicht von Beobachtern ist damit nicht nur eine Entscheidung im Streit um das Territorium gefallen, sondern vor allem im Machtkampf zwischen den verschiedenen Strömungen der israelischen Gesellschaft: Beim Gaza-Abzug haben sich die säkularen Kräfte gegen die religiösen durchgesetzt.

Fünf Jahre Palästinenseraufstand

„Für die religiöse extremistische Rechte, die in den vergangenen 20 bis 30 Jahren die Politik bestimmt hat, ist es das erste Mal, daß die Regierung ihr Vorschriften macht“, sagt der Professor für jüdische Philosophie, Avieser Ravitzky. Bis vor wenigen Jahren noch ermunterten die verschiedenen israelischen Regierungen die Bevölkerung mit finanziellen Anreizen zum Umzug in die Palästinensergebiete.

Letzte israelische Siedlung im Gaza-Streifen wird geräumt

Auch der jetzige Ministerpräsident Ariel Scharon war ein Verfechter der Besiedlung des Gazastreifens. Doch fünf Jahre Palästinenseraufstand haben die Israelis mürbe gemacht. In der Gesellschaft schwand der Rückhalt für die weitere Unterstützung der 8000 Siedler. Und Scharon sah keinen Sinn mehr im Erhalt von 21 kleinen bis winzigen jüdischen Siedlungen in einem Gebiet mit 1,3 Millionen Palästinensern.

„Baldige Ankunft des Messias“

Für die Ultraorthodoxen kommt die Räumung des biblischen Landes einer nationalen Katastrophe gleich. Viele Säkulare sind dagegen froh, daß die mit Steuergeldern in Milliardenhöhe finanzierte Siedlungspolitik im Gazastreifen ein Ende hat. Für den israelischen Schriftsteller Amos Oz zeigt die Evakuierung des Gazastreifens nicht nur den „Kampf um die Frage des Schicksals der Palästinensergebiete“.

Vielmehr sei es die „erste große Schlacht um die Frage von Religion oder Staat“. Der Traum der religiösen Siedler von einer „baldigen Ankunft des Messias“ sei unvereinbar mit dem Traum der weltlich orientierten Israelis von einem aufgeklärten, offenen und gerechten Staat, schrieb Oz in der Zeitung „Jediot Ahronot“.

„Israel will das nicht mehr

Die orthodoxen Juden mit ihren traditionellen langen Gewändern und den langen Bärten machen nur eine kleine Minderheit in Israel aus. Ihre seit Jahrhunderten fast unverändert gebliebenen Verhaltensweisen erscheinen vielen Israelis heute bizarr und unzeitgemäß.

Längst gibt es in Israel eine lebhafte Jugendkultur, die nicht weniger liberal und hedonistisch geprägt ist als in westlichen Gesellschaften. Demokratie und Kapitalismus haben die Bedeutung der Religion an den Rand gedrängt. Die strengen religiösen Traditionen „vergiften die Demokratie“, schreibt der Journalist Avi Schavit in der Zeitung „Haaretz“: „Israel will das nicht mehr.“

Keine Massen-Desertierungen religiöser Soldaten

Der Philosophieprofessor Ravitzky will den Gaz-Abzug aber nicht als Katastrophe für die Religiösen insgesamt verstanden wissen. Er unterscheidet zwischen der kleinen Minderheit der Extremisten und den bis zu 1,5 Millionen religiös lebenden Israelis, von denen ein Fünftel den Abzugsplan unterstütze.

So blieben auch die befürchteten Massen-Desertierungen religiöser Soldaten während des Gaza-Abzugs aus. Die religiöse Bedeutung des Westjordanlands ist ohnehin größer als die des Gazastreifens. Dort werden von 120 Siedlungen nur vier kleine geräumt. Die großen Siedlungen sollen nach dem Willen Scharons weiter ausgebaut werden.

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