Home
http://www.faz.net/-gq5-u9o5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Israel Der russische Freund

26.02.2007 ·  Der Milliardär Arcadi Gaydamak wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Er lebt in Israel und spendet, was das Zeug hält. Die Regierung fürchtet, dass Gaydamak nun in die Politik einsteigen will.

Von Michael Borgstede, Tel Aviv
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Wenn Arcadi Gaydamak zur Chanukka-Party lädt, darf es ruhig etwas teurer werden. Was sind für Gaydamak schon zwei Millionen Dollar? Bottiche von blühenden Tulpen und Orchideen hatte er ebenso einfliegen lassen wie den Sänger Enrique Iglesias.

Und weil Chanukka das Fest der Lichter ist, sorgten zahllose überdimensionierte Kerzen und Plasma-Fernseher für eine nervös flackernde Beleuchtung. Auf der bewusst exklusiv gehaltenen Gästeliste standen Namen von Geschäftsleuten, Politikern, Schauspielern und Models. Wer von Gaydamak eingeladen wird, darf sich zur israelischen High Society zählen.

Ministerpräsident Olmert sei „ein Witz“

Noch im Jahr zuvor, zur Neujahrsparty 2006, hatte der aus Russland stammende Milliardär gleich alle 120 Knesset-Abgeordneten eingeladen. Sie dankten es ihm nicht und blieben dem Spektakel fast geschlossen fern. Zu offensichtlich hatte Gaydamak sich in die Kreise der politischen Entscheidungsträger einkaufen wollen.

Seitdem macht er aus seiner Verachtung für Politiker keinen Hehl: Ministerpräsident Olmert sei „ein Witz“, sagte er im israelischen Radio. Die Regierung halte er für „eine Katastrophe“, und die Knesset zeige eine „geradezu kriminelle Faulheit“. Dahinter stand immer die Überzeugung, es selbst viel besser zu können. „Geben Sie mir drei Monate, und ich habe die halbe Knesset in der Tasche“, kündigte Gaydamak ganz unbescheiden Ende des vergangenen Jahres an.

Regelmäßige Treffen mit Netanjahu

Jetzt schien es, als schicke der Milliardär sich an, seine Vorhersage wahr zu machen. Gaydamak werde eine neue Partei gründen, berichtete die für gewöhnlich gut unterrichtete Zeitung „Haaretz“. Doch auf einer mit Spannung erwarteten Pressekonferenz sprach er am Mittwoch dann doch nur von einer neuen „Bewegung für Soziale Gerechtigkeit“. Allerdings stellte er klar: „Sollte es zu einem späteren Zeitpunkt notwendig sein, eine Partei zu gründen, werde ich das tun.“

Auch die regelmäßigen Treffen, die Gaydamak in letzter Zeit mit dem Likud-Vorsitzenden Benjamin Netanjahu abhielt, deuten auf ein zukünftiges politisches Engagement hin. Vermutlich fürchtet der gewiefte Geschäftsmann, seine Popularität im Volk durch einen übereilten Einstieg in die Politik aufs Spiel zu setzen.

Als „graue Eminenz“ aus dem Hintergrund

Mehrere von Gaydamak in Auftrag gegebene Umfragen prophezeien einer solchen Partei derzeit bis zu 25 Mandate. Eine Allianz mit Netanjahu könnte beiden zum Vorteil gereichen: Gaydamak tritt für eine Reichensteuer und einen Ausbau des Sozialstaates ein. Netanjahu hat in seiner Zeit als Finanzminister zwar die marode israelische Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs gebracht, dabei mit seinem rigorosen Sparkurs aber viel Unmut bei den sozial Schwachen geweckt.

Außerdem würde Gaydamaks Unterstützung Netanjahu bei den russischstämmigen Israelis helfen. Als direkten Konkurrenten bräuchte er Gaydamak hingegen nicht zu fürchten. Der will nicht aktiv in die Politik eintreten und würde seine Partei als „graue Eminenz“ aus dem Hintergrund führen. In das Amt des Ministerpräsidenten strebt Gaydamak nicht. Ihm genügt die Macht, seinen Kandidaten ins Amt heben zu können.

Als Matrose in Haifa

Arcadi Gaydamak, ein mit internationalem Haftbefehl gesuchter Milliardär, ist längst einer der bekanntesten Bewohner Israels. Kaum ein Tag vergeht, an dem sein Name nicht in den Medien auftaucht. An Arcadi Gaydamak scheiden sich die Geister. Die einen verdammen ihn als inhaltsleeren Populisten mit krimineller Vergangenheit, die anderen sehen in ihm den Retter einer verwirrten Nation.

1952 in der Ukraine geboren, zog Gaydamak im Alter von vier Jahren mit seiner Familie nach Moskau. Während der Regierungszeit Breschnews durfte der junge Mann als einer der ersten Juden 1972 nach Israel auswandern.

Doch es hielt ihn nicht lange im Heiligen Land. Ein halbes Jahr in einem Kibbuz, so erzählt er heute, trieb ihm den Traum von einem wahrhaft sozialistischen Dasein ohne Wettbewerb und persönliche Ambitionen aus. Statt im Kibbuz um die soziale Rangfolge im Kleinen zu kämpfen, könne er die gleichen Gefechte auch auf einem größeren Schlachtfeld austragen und dabei zumindest reich werden, sagte sich der junge Mann, heuerte in Haifa als Matrose an und ließ sich schließlich in Frankreich nieder.

Waffen für lukrative Ölexportverträge?

Dort verdiente er seinen Unterhalt zunächst als Maurer und Gärtner und eröffnete 1976 ein russisch-französisches Übersetzungsbüro. Innerhalb weniger Jahre entwickelte „Gaydamak Translations“ sich zu einer erfolgreichen Firma mit einer Filiale in Kanada.

Die Gewinne vermehrte Gaydamak geschickt an der Börse und durch andere, bisweilen undurchsichtige Geschäfte. Wegen Steuerhinterziehung und seiner Verwicklung in einen Waffenhandelsskandal, der in Frankreich unter dem Namen „L'Angolagate“ Furore machte, wurde im Jahr 2000 ein internationaler Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Gaydamak soll der angolanischen Regierung als Gegenleistung für lukrative Ölexportverträge Waffen geliefert haben. Die Vorwürfe als Verschwörung abtuend, setzte sich Gaydamak kurzerhand nach Israel ab. Um einer Verhaftung zu entgehen, reist er seitdem nur noch mit einem angolanischen Diplomatenpass, den er in seiner Funktion als „Chefberater“ der angolanischen Regierung hält. Auch die Bentley-Limousine, mit der er sich durch Moskau kutschieren lässt, fährt unter dem diplomatischen Kennzeichen Angolas.

Religiöse Suppenküchen wurden beglückt

Nach seiner unfreiwilligen Rückkehr ins Heilige Land war es zunächst still um Gaydamak. Doch dann entwickelte der Milliardär plötzlich eine philanthropische Ader. Er spendete für das israelische Rote Kreuz, die Organisation der Holocaust-Überlebenden wurde ebenso beglückt wie religiöse Suppenküchen. Eine Gegenleistung erwarte er nicht, versichert Gaydamak immer wieder in Interviews.

Nur einmal kam heraus, dass er der „Jewish Agency“ 50 Millionen Dollar spendieren wollte und dafür einen Sitz im Vorstand bekommen sollte. Die Polizei warnte die Agency davor, die Spende anzunehmen, und aus Gaydamaks Ansinnen wurde nichts. Gaydamak behauptete weiterhin, er sehe sich ausschließlich in der Nachfolge einer „traditionell-jüdischen Solidarität und Hilfsbereitschaft“.

Die Hilflosigkeit der Regierung bloßgestellt

Diese schien keine Grenzen zu kennen. Im Juli 2005 wurde er Hauptsponsor für das Basketballteam Hapoel Tel Aviv. Wenig später spendete er dem überwiegend arabischen Fußballclub Bnei Sachnin einige hunderttausend Dollar und kaufte die Konkurrenz Beitar Jerusalem gleich ganz. Interessierte Gaydamak sich plötzlich wirklich für Sport, oder steckte vielleicht ein ganz anderes Kalkül dahinter? Es dürfte ihm jedenfalls gefallen haben, dass die Fans ihn in einem rasch komponierten Lied mit dem Messias verglichen.

Seine große Stunde kam während des Libanon-Krieges im vergangenen Sommer: Der Milliardär ließ sich die Evakuierung mehrerer tausend Familien aus dem israelischen Norden in zwei provisorisch errichtete Zeltstädte insgesamt 15 Millionen Dollar kosten und stellte so die Hilflosigkeit der Regierung bloß.

Wenig später spendierte er medienwirksam mehreren hundert Familien aus der unter Raketenbeschuss stehenden Stadt Sderot einen einwöchigen Urlaub in Eilat. Und wenn das auch keine ernstzunehmende Lösung für den Raketenbeschuss aus Gaza darstellte, so konnte er die Herrschenden in Jerusalem einmal mehr der Untätigkeit und Inkompetenz beschuldigen.

Ein reicher Wunderheiler

Gaydamak scheint Gefallen an jenem Spiel mit der Macht gefunden zu haben und hat schnell verstanden, dass sich das politische System seiner neuen Heimat leicht manipulieren lässt. Erst im November 2006 hat er den Radiosender FM99 erstanden. Ein gewinnbringendes Geschäft sei das nicht, gab er damals zu. Aber eine einmalige Gelegenheit, viele Israelis zu erreichen. Dies berechnende Kalkül macht den Politikern Sorgen.

Auf der Straße indes ist die Unzufriedenheit mit der Regierung mittlerweile so groß, dass ein reicher Wunderheiler gerade recht kommt. Ein Machtvakuum wolle nun einmal gefüllt werden, schreibt „Haaretz“. Gaydamak habe das politische System nicht korrumpiert, er wisse nur das Chaos für sich zu nutzen. So sei der Aufstieg des Arcadi Gaydamak zwar beunruhigend, überraschend komme er aber nicht.

Noch prägnanter bringt es der Politikwissenschaftler Professor Ruwen Hazan von der Hebräischen Universität in Jerusalem auf den Punkt: „Wenn die Regierung ihre Arbeit vernünftig machen würde, hätte Gaydamak kein so leichtes Spiel.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3