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Israel Den Rebellen sollen die Flügel gekappt werden

25.09.2003 ·  27 israelische Piloten verweigern weitere Angriffe auf palästinensiche Gebiete. Die Luftwaffe will die Dissidenten möglichst rasch loswerden, um Diskussionen zu vermeiden.

Von Jörg Bremer
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Neun aktive und 18 Reservepiloten der israelischen Luftwaffe lehnen "vorschriftswidrige und unmoralische Angriffe ab, wie sie von Israel in den (palästinensischen) Gebieten ausgeführt werden". Sie wollen keine Angriffe mehr gegen "zivile Bevölkerungszentren" fliegen, und nicht weiter "unschuldige Zivilisten töten", kündigen sie in einem Brief an, der Israel erschüttert. Lange schon kam es zu "grauen Verweigerungen": Piloten umgingen Militäraktionen in den Palästinensergebieten. Zudem verweigerten mehrere dutzend Infanteristen den Dienst in den besetzten Gebieten. Doch der Aufstand der 27 Piloten ist von neuer Qualität, denn die Luftwaffe genießt in Israel besonderes Ansehen.

Luftwaffenkommandandeur Halutz will die Verweigerer möglichst schnell aus der Armee ausschließen. Er redet ihre Aktion herunter. Das Vorgehen dieser "unbedeutend kleinen Gruppe" sei "ungesetzlich und verboten". Der frühere Staatspräsident Weizman spricht von "viel Heuchelei und Schande". Ein Kommentator der Zeitung "Yediot Ahronot" schreibt von einem "Erdbeben, dessen Schaden kaum absehbar ist". Es gibt kaum einen Kommentator, der die Rebellion rechtfertigt. Nur der arabische Knesset-Abgeordnete Barakech spricht von einer "wichtigen Etappe auf dem Weg zum Ende der Regierung Scharon". Die frühere Oppositionspolitikerin Aloni ist der Ansicht, diese Männer hätten "die Ehre der Armee gerettet". Der frühere Meretz-Chef Sarid findet, es gebe keinen "ideologischen Streit, sondern nur die Weigerung, Unschuldige zu töten und illegale Befehle auszuführen".

Schamerfüllt

Am Mittwoch brachten die beiden Hauptmänner der Reserve, Yonatan und Alon, den Brief zu Kommandeur General Halutz. Das härteste Gespräch habe er zu diesem Zeitpunkt aber schon hinter sich gehabt, berichtete Yonatan der Zeitung "Yediot Ahronot". Er habe sich vor seinem Vater rechtfertigen müssen, der einst derselben Einheit angehört habe. "Ich erklärte ihm, daß ich nach den Werten zu handeln hätte, nach denen ich von ihm und der Armee erzogen wurde; und ich glaube, heute hätte mein Vater genauso gehandelt." "Ich glaube, so hat mich die Luftwaffe wider Willen auf meine wichtigste Mission geschickt." Alon meinte, die Luftwaffe sei wie Familie. Da wirkt "Verweigerung wie ein Austritt". Einst sei er stolz auf diese Truppe gewesen; heute erfülle ihn Scham.

Mehr als 15 Islamisten wurden in den vergangenen Monaten meist aus der Luft getötet; auch der geistige Anführer der Hamas, Scheich Jassin, sollte umgebracht werden. Immer wieder aber kommen dabei auch Zivilisten um, wie zuletzt beim fehlgeschlagenen Angriff auf Jassin. Als der Islamist Schehade im Juli 2002 getötet wurde, kamen auch neun Kinder ums Leben. Der Pilot werde auf seine Mission geschickt, ohne das Alter der Menschen in dem Wagen zu erfahren, den er zerstören sollte, sagte Yonatan, ohne zu wissen, was der Mann getan habe, den er töten solle. "Eine wirkliche tickende Bombe ist ein legitimes Ziel", sagte Alon. "Man soll den selbst töten, der einen töten will, aber doch nicht den Mann, der in seiner Wohnung im siebten Stock schläft."

Kritik an Kommandeur Halutz

Die meisten Kommentatoren lehnen den Boykott der 27 Rebellen ab. Sie verweisen auf den "Dienstweg", fordern eine interne Debatte oder halten es für einen nicht hinnehmbaren "Luxus", wenn "nun die Soldaten selbst über ihre Aufträge nach Belieben entscheiden würden". So gibt es auch Verständnis dafür, daß sich die Luftwaffe von den Dissidenten trennen wird. Zugleich gibt es Kritik an der Armee. Eine "Erosion der Werte", beklagt "Yediot Ahronot". Entscheidungen, die "noch vor nur drei Jahren als Kriegsverbrechen" abgelehnt worden seien, würden nun wegen der anhaltenden Welle des Terrors zur Routine, schreibt die Zeitung. Hätte die Regierung Scharon nur "einen Prozent von dem in den Frieden investiert, was sie für den Krieg bezahlt, wäre wohl solch ein Brief nicht geschrieben worden". Die Zeitung "Haaretz" findet, daß sich die Piloten schon nach ihrem Angriff auf das amerikanische Kriegsschiff "USS Liberty" 1967 hätten melden sollen, als sie 34 amerikanische Soldaten töteten oder nach dem Abschuß eines libyschen Passagierflugzeugs, das über dem Sinai von ihrem Kurs abgekommen war.

Kritisiert wird in den Kommentaren aber auch Luftwaffenkommandeur Halutz. Nach dem Anschlag auf Schehade, bei dem insgesamt 14 Menschen ums Leben kamen, hatte er gesagt, er könne trotzdem noch "ruhig schlafen". Halutz sei ein politischer Militärführer und wolle offenbar im Likud Karriere machen, hieß es in einem Beitrag in "Yediot Ahronot". Er handle "arrogant, dreist und selbstgerecht, und das trug deutlich zur inneren Unruhe in der Luftwaffe bei".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2003, Nr. 224 / Seite 2
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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