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Islamistischer Terrorismus Ohne Draht zu Usama Bin Ladin

04.07.2007 ·  Autonome Tätergruppen wie in London und Glasgow, die nur noch lose mit Al Qaida verbunden sind, machen den islamistischen Terror immer unberechenbarer. Die „Selbstradikalisierung“ von Muslimen bereitet auch den deutschen Sicherheitsbehörden Sorgen.

Von Nikolas Busse
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Die Anschlagsversuche von London und Glasgow sind auch von Sicherheitsbehörden außerhalb Großbritanniens aufmerksam registriert worden. Denn sie bestätigen einen Trend, den Fachleute schon seit einigen Jahren beobachten: Im islamistischen Terrorismus spielen autonome Tätergruppen, die nur noch lose mit dem eigentlichen Al-Qaida-Netz verbunden sind, eine immer wichtigere Rolle.

Diese Terroristen sind wesentlich unprofessioneller bei der Vorbereitung und Ausführung ihrer Anschläge als frühere Terroristen; außerdem fehlt ihnen der direkte Kontakt zu Usama Bin Ladin und anderen Mentoren des internationalen Dschihadismus. Offenbar gelangen diese Männer allein durch persönliche Lebensumstände oder andere Erlebnisse zu einer extremistischen, gewaltbejahenden Weltsicht und beschaffen sich die Waffen für ihre Taten ohne Hilfe von Dritten. „Selbstradikalisierung“ nennt man dieses Phänomen bei den deutschen Sicherheitsbehörden.

Unausgereifte handwerkliche Fähigkeiten

Die drei Anschlagsversuche in Großbritannien scheinen zu diesem Täterprofil zu passen, auch wenn erst wenige Einzelheiten gesichert sind. Auffällig ist, dass die Sprengsätze aus Alltagsmaterialien zusammengebastelt wurden (Gasflaschen, Benzinkanister, Nägel) und eine relativ einfache Tatausführung geplant war (Autobomben, in London ferngezündet). Das ist weit entfernt vom logistischen und personellen Aufwand, den Al Qaida etwa vor dem 11. September 2001 trieb. Die damaligen Attentäter mussten eigens Flugunterricht nehmen, um die Großraumflugzeuge ins World Trade Center und das Pentagon zu steuern. Zur Vorbereitung der jüngsten britischen Anschläge dürfte dagegen ein Blick ins Internet ausreichend gewesen sein, wo auf einschlägigen Seiten erklärt wird, wie simple Sprengsätze zusammengebaut werden.

Auf unausgereifte handwerkliche Fähigkeiten deutet außerdem hin, dass es den Tätern nicht gelang, ihre Bomben zu zünden (London) oder dass sie viel geringeren Schaden anrichteten als offenbar beabsichtigt (Glasgow). Fachleute in deutschen Sicherheitsbehörden halten es für möglich, dass der Glasgower Anschlag sogar eine Art Panikreaktion der Gruppe auf die misslungenen Attentate in London war. Weil dort eine Fernzündung scheiterte, entschieden sich die Täter in Glasgow womöglich zum Selbstmordanschlag, um sicherzugehen, dass wenigstens an einem Ort großer Schaden angerichtet würde.

„Auffächerung“ des internationalen Dschihadismus

Solche Täterprofile sind auch aus anderen Ländern bekannt. Die beiden Libanesen, die im vergangenen Jahr vergeblich versuchten, in Deutschland zwei Regionalzüge mit Kofferbomben in die Luft zu sprengen, waren den Ermittlern ebenfalls durch Ungeschick aufgefallen. Ihre Bomben kamen nicht zur Explosion, weil sie Fehler beim Mischen der Sprengladung gemacht hatten. Ganz offenbar fehlten diesen jungen Männern Fachkenntnisse im Umgang mit Sprengstoff und Waffen, die ihre Vorgängergeneration noch in den Ausbildungslagern der Al Qaida in Afghanistan erwerben konnte.

Nach Einschätzung der deutschen Sicherheitsbehörden ist das Auftreten solche Attentäter Ausdruck einer „Auffächerung“ des internationalen Dschihadismus, der einen Bedeutungsverlust der alten Al-Qaida-Führung zur Folge hat. Bin Ladin und seine engsten Vertrauten sind heute deutlich seltener „Impulsgeber“ für Attentate als vor ein paar Jahren. Stattdessen haben es die Ermittler mit einem unscharfen Täterprofil zu tun, das oft schwer von unbescholtenen Bürgern abzugrenzen ist. So waren unter den jüngsten Attentätern in Großbritannien offenbar mehrere Ärzte. Auch die Täter der Anschläge vom 7. Juli 2005 auf die Londoner U-Bahn hatten ein unauffälliges Leben geführt. Deutsche Fachleute werten das als Zeichen für eine „Lernfähigkeit“ des Dschihadismus. Attentäter vermeiden Reisen an verdächtige Orte (etwa ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, wo neue Ausbildungslager entstanden sind), um nicht schon vor einer geplanten Tat verhaftet zu werden.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.

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