11.02.2012 · Al Qaida verfolgt eine neue Strategie für Dschidahisten aus Deutschland: Reisen in pakistanische Terrorcamps sind out - Reisen nach Somalia sind in.
Von Markus Wehner, BerlinImmer wieder riefen sie ihre Brüder in Deutschland dazu auf, alles hinter sich zu lassen und dahin zu kommen, wo der Islam verteidigt werde. Und viele junge Männer, ob aus Hamburg, dem Rheinland oder Berlin, folgten den Aufrufen, die das Internet in ihre Wohnstuben brachte. Dutzende junge Islamisten reisten in den vergangenen Jahren, mitunter mit ihren Frauen, ins Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan. Viele fanden dort den Tod - als Selbstmordattentäter, bei Gefechten mit der pakistanischen Armee oder durch Drohnenangriffe der Amerikaner. Viele kamen zurück - manche desillusioniert, andere mit einem Auftrag.
Das Terrornetz Al Qaida rekrutierte die Kämpfer aus dem Westen gezielt, so hört man aus Berliner Sicherheitskreisen, nach einem Sechs-Stufen-Plan. Zunächst wurden Personen aus westlichen Ländern wie Deutschland durch Videos und Internet-Propaganda ermutigt, ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet zu kommen. Dort wurden sie - Stufe zwei - zu Multiplikatoren ausgebildet, um nach ihrer Rückkehr weitere Unterstützer zu rekrutieren. Vor allem lernten sie, wie man konspirativ elektronisch kommuniziert. Die Rückreise geschah - Stufe drei - auf dem Landweg über Iran und die Türkei mit der Hilfe von Schleusern von Al Qaida. In Europa warben sie - vierte Stufe - unter Bekannten aus der islamistischen Szene neue Unterstützer. Dabei sollten sie sich, um nicht aufzufallen, westlich verhalten und ebenso kleiden. Schließlich - fünfte Stufe - galt es, eine sichere elektronische Kommunikation mit der Al-Qaida-Führung aufzubauen. Sodann galt es - sechste Stufe - für Al Qaida zu arbeiten. Man konnte Geld sammeln. Oder Anschläge vorbereiten und ausführen.
Vom Sechs-Stufen-Plan erfuhren die deutschen Sicherheitsbehörden zuerst durch die Amerikaner, die in die elektronische Kommunikation von Al-Qaida-Leuten eingedrungen waren. Deswegen konzentrierten sich Terrorfahnder auf die Reisebewegungen hiesiger Islamisten nach Pakistan und Afghanistan. Als Stratege hinter dem Plan galt ein Scheich mit Kampfnamen Younis al-Mauretani.
Die Befragung verhafteter Dschihad-Reisender, vor allem der 2009 aus Hamburg ausgereisten Rami Makanesi und Ahmad Sidiqi, bestätigte den Fahndern von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz, dass der Plan existierte. Scheich Younis hatte ihn den beiden selbst mehr oder weniger detailliert dargelegt. Freilich kamen beide nicht über Stufe drei hinaus.
Anders war es im Fall der Düsseldorfer Zelle. Deren Kopf, der heute 30 Jahre alte Marokkaner Abdeladim El-Kebir, schaffte es, den Sechs-Stufen-Plan fast bis zum Ende zu durchlaufen. Er wurde im Frühjahr 2010 im Lager in Pakistan ausgebildet, ging über Land zurück nach Deutschland, rekrutierte weitere Personen, baute eine - zumindest scheinbar - sichere Kommunikation mit Al Qaida auf und bereitete einen Anschlag vor. El-Kebir verfügte über einen direkten Draht zum Al-Qaida-Kommandeur Atiyah Abd Al Rahman.
Der Libyer, Nummer zwei des Terrornetzwerks, war neben Scheich Younis der Kopf des Plans, zuständig für Anschläge im Ausland. El-Kebir hatte elektronisch direkten Kontakt zu ihm. Bei der Vorbereitung zu seinem Anschlag ging er höchst konspirativ vor, kleidete sich westlich, mied die Moschee, wechselte die Internet-Cafés, von denen er kommunizierte. Zu Hause schaltete er den Fernseher ein, um ein Abhören der Gespräche zu verhindern. Auf der Straße trug er eine Perücke. Die Polizei griff erst zu, als er mit seinen beiden Komplizen Zünder baute und von einem Anschlag an einer Bushaltestelle die Rede war.
Auch zwei Islamisten, Yusuf O. und Maqsood L., die derzeit in Berlin vor Gericht stehen, haben die Stufen eins bis fünf des Plans durchlaufen. Sie wurden im Sommer 2010 von Scheich Younis rekrutiert. O., der aus Berlin stammt, wurde nach Wien geschickt und versuchte, unter den Bekannten L.s Mittäter für einen Anschlag zu gewinnen - mit mäßigem Erfolg. Der Afghane L. wiederum versuchte das Gleiche unter den Bekannten O.s in Berlin. Er gab sich allerdings so westlich, dass er unter den dortigen Islamisten Misstrauen erregte. Er lief mit Rastazöpfen herum und rauchte Hasch. Bei seiner Festnahme fand man einen USB-Stick in seiner Unterhose - mit dem Namen der 13 Bekannten seines Komplizen.
Verfassungsschützer vermuten, dass es noch weitere Zellen geben könnte, die versuchen, nach dem Sechs-Stufen-Plan einen Anschlag auszuführen. Allerdings sind die Möglichkeiten Al Qaidas, den Plan weiterzuverfolgen, seit mehr als einem halben Jahr stark eingeschränkt. Der Spiritus Rector des Unternehmens, Scheich Younis al-Mauretani, wurde im August 2011 in Pakistan unter Mithilfe der Amerikaner gefasst und sitzt seitdem in Haft. Der zweite Kopf der Aktion, Atiyah Abd Al Rahman, wurde im gleichen Monat durch einen Drohnenangriff der Amerikaner getötet.
Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Al Qaida deshalb den Plan nicht weiterverfolgt. Dafür spricht viel. Denn die Sorge unter Al-Qaida-Leuten ist groß, dass die westlichen Nachrichtendienste Spione in ihre Reihen einschleusen, die sich als Kämpfer ausgeben, aber in Wirklichkeit nur durch elektronische Signalsender Ziele für Drohnenangriffe markieren wollen. Fast wöchentlich werden Al-Qaida-Führer durch amerikanische Drohnen getötet, am Donnerstag kam der für Anschläge zuständige Badr Mansur bei einem solchen Angriff nahe der afghanischen Grenze ums Leben.
Für den Strategiewechsel Al Qaidas spricht auch die Entwicklung der Ausreisezahlen nach Afghanistan und Pakistan. Verließen 2010 noch 24 Personen aus der hiesigen islamistischen Szene Deutschland mit diesem Ziel, so waren es im vergangenen Jahr nach Erkenntnis des Verfassungsschutzes nur noch ganze sechs. Zum neuen bevorzugten Ziel derer, die aus Deutschland in den Dschihad ziehen, entwickelt sich hingegen Somalia. In den drei Jahren 2008 bis 2010 fuhren nur sechs Islamisten aus Deutschland dorthin, allein im vergangenen Jahr waren es zwölf - doppelt so viele wie ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Dass Al-Qaida-Führer Aiman al-Zawahiri diese Woche in einer Videobotschaft offiziell verkündete, die radikalislamische Shabaab-Miliz in Somalia habe sich dem Terrornetz angeschlossen, passt da ins Bild.
Mindestens ebenso sehr setzt Al Qaida aber auf diejenigen Dschihadisten, die zu Hause bleiben und die vor allem über das Internet ausgebildet werden sollen. Die Möglichkeiten von Einzelnen oder kleinen Gruppen, sich dort zu radikalisieren, zu vernetzen und für Anschläge vorzubereiten, gelten als bei weitem nicht ausgeschöpft.
Dass gerade ein solcher Täter, der sich in Rekordzeit über das Internet radikalisierte, den ersten erfolgreichen Terroranschlag eines Islamisten in Deutschland verübte, weist auf die Gefahr hin, die diese Strategie birgt. Arid Uka, ein im Frankfurter Stadtteil Sossenheim aufgewachsener junger Mann aus dem Kosovo, hatte sich in Facebook den Namen „Abu Reyyan“ gegeben. Auf seinem iPod fanden sich 229 islamistische Gesänge, auf dem Laptop islamistische Predigten, auf einem USB-Stick eine Rede Usama Bin Ladins. Vor knapp einem Jahr erschoss er zwei amerikanische Soldaten auf dem Frankfurter Flughafen und verletzte zwei weitere schwer. Der Anschlag, den er in einem Militärbus mit Soldaten, die nach Afghanistan unterwegs waren, beging, forderte nur deshalb nicht noch mehr Opfer, weil seine Pistole Ladehemmung hatte.
Vor zwei Tagen ist der 22 Jahre alte Mann vom Oberlandesgericht Frankfurt zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Wegen der besonderen Schwere der Schuld kann er nicht in fünfzehn Jahren entlassen werden. Seine Radikalisierung war den Behörden nicht aufgefallen.
Al Quaida und die innere Sicherheit
Marc Müller (marc_mueller)
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komisch
johanna guttenberg (moin8smann)
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Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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