07.09.2010 · Die Menschen trauen Pakistans Regierung nicht zu, die Probleme lösen zu können. Flutopfer wissen nicht, wie es weitergeht. Und dann tobt auch noch ein nicht kontrollierbarer Krieg im Land.
Von Jochen Buchsteiner, MuzaffargarhDurch Muzaffargarh, eine trockene Oase im überschwemmten Süden des Punjab, verläuft eine Straße, die in zwei Abschnitte zerfällt. Am einen Ende sitzen Tausende Flut-Flüchtlinge ohne ein Dach über dem Kopf und fallen übereinander her, wenn wieder ein Lastwagen vorbeifährt, von dessen Ladefläche Lebensmittel regnen. Am anderen Abschnitt - er ist in Sichtweite - wird gebaut. Arbeiter sitzen auf modernen Walzen und teeren im Auftrag des Distrikts seelenruhig die Straße, als herrsche um sie herum kein Ausnahmezustand.
Man kann dies den üblichen Zynismus der Behörden nennen, aber die Betroffenen haben ihren Gleichmut verloren. „Der Staat hat in dieser Region vollkommen versagt“, sagt ein Journalist aus der Gegend. „Die Menschen sind aufgebracht.“ Als die frühere Wirtschaftsministerin und heutige Regierungsberaterin Hina Rabani kürzlich ihren Wahlkreis in Muzaffargarh besuchte, warfen die Wähler mit Schuhen nach ihr.
Nur wenige Kilometer von hier, hinter den Sanddünen der überfluteten Wüste Thar, liegen Ortschaften, die seit Wochen von der Außenwelt abgeschnitten sind. In Jada Chandia, einem in Schlammwasser treibenden Ruinenfeld, sehnt die Dorfgemeinschaft den Tag herbei, an dem die zerstörte Hauptstraße wieder freigegeben wird - nicht um sie zu befahren, sondern um sie zu besetzen. „Wir werden so lange protestieren, bis wir eine Entschädigung erhalten“, kündigt ein Dorfbewohner unter heftiger Zustimmung der anderen Männer an.
Die Naturkatastrophe hat die Ärmsten der Armen getroffen - auch weil viele Großgrundbesitzer die Fluten auf die Felder der Unterprivilegierten gelenkt haben. Die Stimmung ist aufgeheizt, vom Punjab über den Sindh bis hinunter zum Arabischen Meer, und mehrere politische Kräfte versuchen, dies für ihre Ziele zu nutzen.
„Wir helfen doch nur Menschen in Not“
Der Profiteur in Jada Chandia trägt einen langen schwarzen Bart, eine weiße Gebetskappe und nennt sich „Akbar“. Wenn er die brüchig gewordene Dorfstraße hinunterstolziert, gehen die Menschen einen Schritt zurück und grüßen ihn mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Angst. Er gehört der „Wohltätigkeitsorganisation“ Jamaat-ud-Dawa (JuD) an, die auf der Terroristenliste der Vereinten Nationen steht und in Pakistan seit einigen Monaten verboten ist. „Warum sollte man uns verboten haben?“, fragt Akbar scheinheilig. „Wir helfen doch nur Menschen in Not, in Pakistan, in Afghanistan, in Sri Lanka“, sagt er und verabschiedet sich schnell.
Im gesamten Südpunjab hat die JuD Lager errichtet, um ins „Vakuum“ hineinzustoßen, das ein überforderter Staat hinterlassen habe, erklärt Rüstungsminister Qayyum, dessen Wahlkreis ebenfalls in diesem Teil Pakistans liegt. Jeder hier weiß, dass die JuD nur eine Tarnorganisation für die Terroristen der „Lashka-e-Taiba“ ist, die für Anschläge auf dem ganzen Subkontinent verantwortlich sind - darunter jenen in Bombay, bei dem im November 2008 mehr als 170 Menschen getötet wurden.
In den vergangenen Jahren sind die Extremisten auch im Süden des Punjab stärker geworden. Nicht weit von hier, im Distrikt Bahalwalnagar, sitzt die Führung der Terroristen, aber niemand geht gegen sie vor. Im vergangenen Jahr schlugen sie zweimal zu, im Distrikt Dera Ghazi Khan und in der Metropole Multan, wo ein Selbstmordattentäter 17 Menschen tötete. Die Terrorakte gingen fast unter in der Serie schwerer Anschläge, die die größte Provinz Pakistans - insbesondere die Hauptstadt Lahore - seit Anfang 2008 erschüttert.
„Ich fürchte, dass die Extremisten das Land in den nächsten zwölf Monaten übernehmen werden“, sagt ein Mann, der acht Autostunden nördlich beim Abendessen sitzt. Drei Freunde, mit denen er den Tisch in einem Hauptstadt-Restaurant teilt, sehen ihn besorgt an. „Ach, du siehst viel zu schwarz“, sagt einer. „So mächtig sind die nicht“, sagt ein anderer. „Noch nicht!“, meint der dritte.
Die Regierung präsentiert sich öffentlich als extremistenfeindlich
Die vier Männer kennen sich seit vielen Jahren, aber noch nie, sagen sie, hätten sie derartige Diskussionen geführt. Misstrauen hat sich eingenistet, auch Furcht. „Wir wissen nicht, wer neben uns wohnt“, sagt einer, „und wenn wir es wissen, wissen wir nicht, wer eine Wohnung weiter wohnt.“ Die Freunde sind gut vernetzt in der Hauptstadt, sie gehören der dünnen Bildungsschicht an, arbeiten bei einer internationalen Behörde, im Fernsehen, in der Wissenschaft, in der Sozialfürsorge. Aber sie durchschauen ihr Land nicht mehr. Den ganzen Abend wird darüber gerätselt, welche Kräfte im Land welche Absichten verfolgen und wer mit wem unter einer Decke steckt.
Die demokratisch gewählte Regierung präsentiert sich öffentlich als extremistenfeindlich. Aber im Kabinett sitzen drei Minister der Jamiat-Ulema-e-Islam (JUI), deren Vorsitzender Fazlur Rehman als „Patron der Taliban“ gilt. Präsident Zardari wird von vielen Bürgern schlicht als „Gangster“ bezeichnet. Stimmt auch nur ansatzweise, was seine Nichte Fatima Bhutto in ihrem jüngst erschienenen Buch „Songs of Blood and Sword“ über die Familiengeschichte recherchiert und veröffentlicht hat, gehört Zardari lebenslang hinter Gitter.
An Skrupellosigkeit übertrifft ihn vermutlich nur Altaf Hussain, dessen Muttahida Quami Bewegung (MQM) ebenfalls Koalitionspartner in Islamabad ist. Hussain, der seit Jahren im Londoner Exil sitzt, rief in der vergangenen Woche zu einer Erhebung der Massen nach dem Vorbild der Französischen Revolution auf. Er prangert die soziale Ungleichheit und den Feudalismus im Land an und fordert seine Anhänger auf, die Großgrundbesitzer an Bäumen aufzuknüpfen.
„Es sind unsere Monster - aber wir haben sie nicht mehr im Griff“
„Etwas steht bevor, aber wir wissen nicht von welcher Seite es kommen wird“, sagt ein Mann, der dem berüchtigten Geheimdienst ISI angehört. Er vertritt die Auffassung, dass der Westen den Grad der Zusammenarbeit seines Dienstes mit den Extremisten überbewertet. Spätestens seit dem Beginn der Militäroffensive gegen die pakistanischen Taliban im Swat-Tal seien die Verbindungen zu Taliban und anderen militanten Islamisten stark reduziert worden, versichert er. „Es sind unsere - und Amerikas - Frankenstein-Monster. Aber wir haben sie nicht mehr im Griff.“
Der Geheimdienstmann verweist auf neue Kräfte in Pakistan, die die Heerscharen vagabundierender Extremisten finanzierten und für ihre Ziele einspannten. Iran und Saudi-Arabien führten einen „Stellvertreterkrieg“ auf pakistanischen Boden, sagt er. Dies erkläre unter anderem die immer zahlreicher werdenden Anschläge auf Schiiten, zuletzt in der vergangenen Woche in Lahore und Quetta.
Zugleich bedienten sich die Golfstaaten pakistanischer Extremisten, um das Land gezielt zu destabilisieren. Sie wollten vor allem verhindern, dass der Tiefseehafen Gwadar zur Konkurrenz wird. Von dem Hafen am Arabischen Meer, der mit Hilfe der Chinesen gebaut worden ist, soll die Handelsroute über den pakistanischen Teil Kaschmirs in den chinesischen Teil Tibets ausgebaut werden - ein Projekt, das vor allem Dubai verhindern wolle.
Besorgt zeigt sich der Geheimdienstmann aber auch über die innenpolitischen Aktivitäten der MQM. Er kenne den „Amir“ Altaf Hussain persönlich, sagt er und nennt ihn unberechenbar und ruchlos. „Die politischen und kriminellen Bewegungen im Land sind unüberschaubar geworden“, sagt er und fügt an: „Die größte Gefahr für Pakistan ist heute Anarchie.“
Möglich, dass der Geheimdienstmann nur ablenken will von dem Szenario, über das derzeit am hitzigsten debattiert wird: eine Machtübernahme durch das Militär, zu dem der ISI gehört. Die Armee ist neben den Extremisten und der MQM die dritte Kraft, die Nutzen aus der Hochwassernot zu ziehen versucht. Nach ihrem Tiefpunkt am Ende der neunjährigen Musharraf-Diktatur, hat sie in den vergangenen zwei Jahren Sympathien zurückgewonnen. Zunächst wurden ihr die verlustreichen Offensiven gegen die vorrückenden Taliban angerechnet, nun setzt sie sich als Katastrophenhelfer in Szene. Die Generäle wissen, dass die Bürger ihre Arbeit nicht - wie in normalen Demokratien - als Teil der staatlichen Hilfe wahrnehmen, sondern als Parallel- wenn nicht Konkurrenzveranstaltung zu den Maßnahmen der Regierung.
„Die neuen Medien machen einen Putsch im klassischen Sinne fast unmöglich“
Nicht nur die MQM, auch Imran Khan - ein früherer Kricketheld, der sich zum politischen Populisten entwickelt hat - flirtet öffentlich mit der Idee einer vom Militär gestützten Regierung. Unterstützung finden sie in einflussreichen Wirtschaftskreisen, die ihre Felle derzeit buchstäblich davonschwimmen sehen. „Wir haben es mit schreiend inkompetenten und korrupten Politikern zu tun“, sagt ein Geschäftsmann aus Karachi. „Wenn moralisch anständige Generäle und Technokraten das Land übernehmen würden, wäre Pakistans Wirtschaft binnen eines Jahres zurück auf Kurs“, glaubt er.
Als stärkstes Bollwerk gegenüber einer abermaligen Machtübernahme durch die Armee gilt inzwischen die mediale Öffentlichkeit. Kummer bereitet den Militärs vor allem das junge Privatfernsehen, das ironischerweise unter General Musharraf zu sprießen begann. In den vergangenen zehn Jahren sind Dutzende Sender entstanden, die als weitgehend unkontrollierbar gelten und eine neue Militärherrschaft als Existenzbedrohung sehen.
„Als Mann des Militärs bin ich naturgemäß für Kriegsrecht in Pakistan“, grinst der Geheimdienstler, „aber die neuen Medien machen einen Putsch im klassischen Sinne fast unmöglich.“ Zur Zeit, sagt der Mann, fehle der Armee aber auch schlicht die nötige Anzahl von „Stiefeln am Boden“. Die Soldaten, klagt er, seien einfach zu beschäftigt mit Taliban und Hochwassern.
In Islamabad spekulieren daher viele über eine Machtübernahme durch die Hintertür. Wie diese genau vonstatten gehen soll, ist unklar. Einem verbreiteten Szenario zufolge soll Zardari mit Hilfe seines Intimfeindes, des Verfassungsgerichtspräsidenten Chaudry, aus dem Amt gedrängt werden, um den Weg für eine neue, vom Militär gestützte, Regierung freizumachen.
Auf Solidarität unter Demokraten dürfen Zardari und die Spitzen der Regierungspartei PPP dabei nicht zählen. Nisar Ali Khan, der Fraktionschef der oppositionellen Muslimliga, warf sich zwar im Parlament in die Brust und bezeichnete den Ruf nach einer Machtübernahme durch die Armee als „Erschütterung der pakistanischen Demokratie“, aber Beobachter sagen, dass derselbe Mann hinter den Kulissen für eine Rückkehr der Militärs - unter Beteiligung seiner Person - eintritt. Zur Zeit, erläutert ein Journalist, gebe es fast keinen Politiker, der nicht darauf lauere, über einen wie auch immer gearteten Machtwechsel näher an die „Geldtöpfe“ zu rücken.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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