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Veröffentlicht: 07.01.2015, 13:25 Uhr

Französisches Wochenblatt Islamisten hatten „Charlie Hebdo“ schon lange im Visier

Die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ hat sich nie damit abgefunden, dass Mohammed und der Islam insgesamt von Karikaturen und Satire ausgenommen werden soll. Schon 2011 kam es zu einem Brandanschlag auf das Verlagsgebäude.

© dpa Die Schäden nach dem Brandanschlag von 2011 waren groß (Archivfoto vom 2.11.2011)

Die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ hat sich nie damit abgefunden, dass Mohammed und der Islam insgesamt von Karikaturen und Satire ausgenommen werden soll. Seit Jahren ist das Satiremagazin deshalb zur Zielscheibe für islamistische Gruppen geworden. Unter den zwölf Toten bei dem Terroranschlag auf das Verlagsgebäude an diesem Mittwoch sind nun offenbar auch Herausgeber und Chefredakteur Stéphane Charbonnier (“Charb“) sowie der französische Comic-Zeichner „Cabu“ (bürgerlicher Name Jean Cabut). Auch die Zeichner Wolinski und Tignous seien getötet worden, verlautete von Seiten der Ermittler. Das ist die dramatische Zuspitzung einer jahrelangen Auseinandersetzung.

© AFP, Reuters Attentäter nach Massaker in Paris auf der Flucht

„Charb“ und „Cabu“ standen aus Sorge vor islamistischen Attacken längst unter Polizeischutz. Auch einer der dafür eingesetzten Polizisten soll unter den Toten sein. Nach Berichten von Augenzeugen haben die Terroristen bei dem Überfall mehrfach „Allah ist groß“ skandiert. Auf Videos im Internet ist zu sehen und zu hören, wie sie bei dem Überfall „Wir haben den Propheten gerächt“ riefen.

Um 11.28 Uhr, beinahe gleichzeitig mit dem schrecklichen Anschlag, twitterte die Redaktion des „Charlie Hebdo“ noch eine Zeichnung von Abu Bakr al Baghdadi, dem Anführer der Terror-Organisation „Islamischer Staat“ (IS).

Schon im September 2011 hatte die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen durch „Charlie Hebdo“ international Sorgen von einer Eskalation ausgelöst. Damals hatte Außenminister Laurent Fabius entschieden, aus Sorge vor Protesten nach dem Freitagsgebet vorübergehend französische Botschaften und Schulen in 20 überwiegend muslimischen Ländern zu schließen.

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Die amerikanische Regierung kritisierte damals die „Weisheit der Entscheidung“, in einer angespannten Lage weitere Mohammed-Karikaturen zu veröffentlichen. Die französische Regierung entsandte Sonderheiten der Polizei zum Schutz der Redaktionsräume von „Charlie Hebdo“.

Am 2. November 2011 wurde dann ein Brandanschlag auf das Verlagsgebäude am Boulevard Davout verübt, nachdem das linke Satiremagazin eine Sondernummer „Scharia Hebdo“ veröffentlicht hatte. Der Brandangriff wurde in Zusammenhang mit einer Karikatur Mohammeds auf der Titelseite gebracht, aber nie vollständig aufgeklärt.

Seither sei die Redaktion ständig bedroht worden, sagte am Mittwoch der Anwalt des Blattes, Richard Malka. Die Redakteure hätten seit Jahren mit dieser Bedrohung gelebt, das Innenministerium habe sie unter Polizeischutz gestellt, berichtete der Anwalt weiter. Doch „gegen Barbaren, die mit Kalaschnikows kommen, ist nichts zu machen.“

Neuer Houellebecq-Roman als Titelgeschichte

Seine neueste Ausgabe an diesem Mittwoch widmete die Zeitschrift nun dem neuen Roman „Soumission“ (Unterwerfung) des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq, der darin die Machtübernahme durch einen muslimischen Präsidenten in Frankreich im Jahr 2022 beschreibt.

Im Mittelpunkt des Romans steht die Frage nach dem Niedergang des dekadenten Westens und das Verhältnis der drei Religionen Judentum, Islam und Christentum zueinander. Sein Roman sei keine Provokation, erklärte Houellebecq der Literaturzeitschrift „The Paris Review“ vor wenigen Tagen. Er beschleunige nur die Geschichte einer möglichen Entwicklung. Der Roman erschien am Mittwoch in Frankreich. In Deutschland kommt er am 16. Januar in den Buchhandel.

Dänische Mohammed-Karikaturen nachgedruckt

Schon 2006 zählte Charlie Hebdo zu den wenigen Zeitschriften, welche die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Jyllands-Posten nachdruckten. Der Dachverband französischer Muslime (CFCM) klagte dagegen, vor Gericht aber wurde das Magazin frei gesprochen. Charlie Hebdo wurde mehrmals Opfer von Hackerangriffen.

Feature Bild Charlie Hebdo © Reuters Vergrößern 2006 druckte Charlie Hebdo die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Jyllands-Posten nach - der Dachverband französischer Muslime blieb mit seiner Klage dagegen erfolglos

Das Wochenblatt ist am ehesten mit den deutschen Satiremagazinen „Titanic“ und „Eulenspiegel“ vergleichbar. Der Name erinnert an die Comicfigur Charlie Brown von den Peanuts. Die 1970 gegründete Satirezeitung ging aus dem verbotenen Vorgängerblatt „Hara-Kiri“ hervor. Autoren und Zeichner von „Charlie Hebdo“ scheren sich nicht um Begriffe wie politische Korrektheit. Zu den Attackierten zählen Mächtige aus Politik und Wirtschaft genauso wie Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Das zwischen Ende 1981 und 1992 wegen Geldmangels vorübergehend eingestellte Blatt muss sich regelmäßig vor Gericht verantworten. So gab es Klagen nach einer bitterbösen Papst-Sonderausgabe. „Charlie Hebdo“ erscheint auf Zeitungspapier mit einer Auflage von in der Regel 75.000 Exemplaren.

Nach dem Terrorangriff an diesem Mittwoch bekundeten französische Zeitungen sogleich ihre Solidarität mit dem Satiremagazin: „Das Magazin hat die Unterstützung aller, auch jener, die es wegen seiner religiösen Satire kritisch sehen“, sagte der Chefredakteur der auflagenstarken christlichen Wochenzeitung „La Vie“, Jerome Anciberro, am Mittwoch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Seine Zeitung habe umgehend eine Botschaft „absoluter Solidarität“ an die Redaktionsmitglieder von „Charlie Hebdo“ und ihre Familien geschickt, so Anciberro. Man sei von dem Angriff „wie vor den Kopf gestoßen“. Er hoffe aber, dass Frankreich, die Bevölkerung, die Medien und die Politik angesichts einer solchen Provokation ihre Ruhe bewahrten.

Auch die französische Muslimvereinigungen verurteilten das Attentat. Der französische Rat des muslimischen Glaubens (CFCM) sprach im Namen der „Muslime Frankreichs“ von einem „barbarischen“ Akt „gegen Demokratie und Pressefreiheit“. Auch die den Muslimbrüdern nahestehende Union der islamischen Organisationen Frankreichs (UOIF) kritisierte den „kriminellen Angriff und diese schrecklichen Morde“.

Das Komitee zum Schutze der Journalisten (CPJ) erklärte, „mitten im Herzen Europas“ sei dies „ein schamloser Angriff auf die Pressefreiheit“. „Das Ausmaß der Gewalt ist entsetzlich. Journalisten müssen jetzt zusammenstehen, um eine klare Botschaft auszusenden: Solche Mordanschläge werden uns nicht zum Schweigen bringen“, sagte CPJ-Vize Robert Mahoney am Mittwoch in New York.

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