23.04.2009 · Die Islamisten im Swat-Tal nutzen das Abkommen mit der pakistanischen Regierung, um von dort in einen Nachbarbezirk vorzudringen - und damit auch näher an die Hauptstadt Islamabad zu rücken. Auch Al-Qaida Führer Bin Ladin und seine Leute seien herzlich willkommen, sagt ein Sprecher der Taliban.
Von Christoph EhrhardtSie haben Kontrollposten und Camps errichtet. Seit Tagen patrouillieren Kämpfer der pakistanischen Taliban aus dem Swat-Tal in den Straßen des benachbarten Distrikts Buner, sie haben dort jetzt das Sagen. Schon vor knapp zwei Wochen hatte es Gefechte gegeben, in denen sich Polizei und Einwohner erfolglos gegen schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer zur Wehr setzten, die in der Dämmerung von jenseits der Hügel gekommen waren. Zuvor waren Versuche der Stammesältesten, die Taliban durch Verhandlungen davon abzuhalten, erfolglos geblieben. Die Taliban aus dem Swat-Tal haben offenbar die Ruhe nach dem Abkommen mit der pakistanischen Regierung im Februar genutzt, um sich zu sammeln. Nun weiten sie ihre Einflusssphäre aus.
In der pakistanischen Presse wird von Plünderungen berichtet. Taliban-Kämpfer räumten Regierungsgebäude und Büros von Nichtregierungsorganisationen aus, raubten Computer, Autos, Treibstoff und Medikamente, heißt es. Video- und Musikgeschäfte sollen geschlossen worden sein, die Friseure in Buner dürfen demnach keine Bärte mehr stutzen. In den Moscheen werben die Kämpfer mit den schwarzen Turbanen Nachwuchs für ihre Sache an.
„Die Bewegung kehrt nach Hause zurück“
„Das ist eine signifikante Expansion“, sagt Thomas Ruttig, ein Experte für die Taliban vom Afghanistan Analysts Network in Kabul. Zum einen näherten sich die Extremisten der wichtigen Verbindung zwischen Peshawar und der Haupstadt Islamabad - und letztlich auch der Hauptstadt selbst. Außerdem kommen die Taliban dem Distrikt Malakand näher, wo die Taliban-ähnliche Bewegung „Tehrik Nifaz Shariat-e-Muhammadi“ (Bewegung zur Durchsetzung des islamischen Rechts, TSNM) in den neunziger Jahren ihren Ursprung hatte.
„Die Bewegung kehrt gewissermaßen nach Hause zurück“, sagt Ruttig. Bei den Angreifern handelt es sich um Kämpfer einer radikalen Gruppe aus der TSNM, die von Maulana Fazlullah angeführt wird. Fazlullah, der mit dem pakistanischen Taliban-Führer Baitullah Mehsud verbündet ist, ist der Schwiegersohn des radikalen Geistlichen Sufi Mohammad, der die TSNM 1992 gegründet hatte. Sufi Mohammed war es wiederum, der das Abkommen mit der pakistanischen Regierung ausgehandelt hatte, die Scharia im Swat-Tal einzuführen. Der Wagen in dem er sich zur Unterzeichnung chauffieren ließ trug das Kennzeichen „TSNM-1“.
„Bin Ladin herzlich willkommen“
Pakistanische Oppositionspolitiker hatten Präsident Zardari wegen des Abkommens vorgeworfen, vor den radikalen Islamisten zu kapitulieren; auch die Vereinigten Staaten hatten ihn öffentlich gerügt. Die Offensive der Taliban in Buner hat zumindest gezeigt, wie schwierig Verhandlungslösungen mit den radikalen Islamisten sind. Offensichtlich waren auch sie nicht zufrieden mit der Verwirklichung des Abkommens. Ein hoher Justizbeamter der Nordwest-Grenzprovinz bekräftigte nun noch einmal, dass die Taliban bei der Einrichtung der Gerichte, die die Scharia durchsetzen sollen, keine Mitspracherecht hätten. Ein Vertreter der Provinzregierung hatte zuvor schon gesagt, die Scharia werde so eingeführt, wie es den Vorstellung der Menschen entspreche - nicht denen der Taliban.
Das war wohl eine Antwort auf den Islamistenführer Sufi Mohammad, der die staatlichen Gerichte als „unislamisch“ bezeichnet und gesagt hatte, ihren Anweisungen zu folgen, verletze die Vorschriften des Islams. Welche Art der Rechtsprechung den Taliban vorschwebt haben sie vor einer Woche demonstriert, als sie im afghanischen Nimroz ein junges unverheiratetes Liebespaar öffentlich hinrichteten. Der Sprecher der Taliban aus dem Swat-Tal verkündete nach der Offensive in Buner schon: „Welches Gesetz hält uns davon ab, dorthin zu gehen?“ Seine Leute würden dort solange bleiben, wie es ihnen gefalle. Auch Al-Qaida Führer Bin Ladin und seine Leute seien herzlich willkommen.
Stabilisierung Afghanistans ist auch für Pakistan von großer Bedeutung
Solche Nachrichten, die die Aufmerksamkeit auf die pakistanischen Taliban lenken, mehren sich. Ihr Führer Baitullah Mehsud scheint stärker zu werden. Im Februar schmiedete er eine Allianz mit zwei Taliban-Führern aus Süd-Waziristan. In den Vereinigten Staaten fordert schon die Forschungseinrichtung Council on Foreign Relations in ihrem jüngsten Bericht „From AfPak to PakAf“, die amerikanische Regierung solle den Schwerpunkt ihres Kampfes gegen Al Qaida und die Taliban nach Pakistan verlagern. Nach der Einschätzung Ruttigs wäre es indes ein Fehler, ganz umzuschwenken. „Eine Stabilisierung Afghanistans ist auch für die Stabilisierung Pakistans von großer Bedeutung“, sagt er.
Es führe kein Weg daran vorbei, die Rückzugsgebiete der afghanischen Taliban im Grenzgebiet zu Pakistan trockenzulegen. Aber man dürfe nicht vergessen, dass Taliban-Führer Mullah Omar auch das geistliche Oberhaupt der pakistanischen Taliban sei, und jeder Erfolg der „afghanischen Brüder“ ermutigend für die pakistanischen Taliban sei. Afghanische Taliban-Führer haben nach übereinstimmenden Berichten schon ihre „pakistanischen Brüder“ aufgefordert, in Pakistan zurückhaltender zu agieren und sich im Kampf auf Afghanistan zu konzentrieren - wohl auch, weil sie aus Teilen des pakistanischen Sicherheitsapparates Unterstützung erfahren.