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Islam : Gäbe es Discos in Pakistan, wären sie hoffnungslos überlaufen

  • -Aktualisiert am

Weltweit gibt es 1,6 Milliarden Musliminnen und Muslime. Die historische Sultanahmet Moschee gilt als ein Wahrzeichen der Religion. Bild: AFP

Die größte Angst der Islamisten: dass auch Muslime Freiheit und Autonomie wollen. Es scheint, als vertraue Allah den Menschen nicht. Oder sind es nur die Prediger? Ein Erfahrungsbericht aus Pakistan.

          Ich wuchs in den fünfziger Jahren in Lahore, Pakistan, auf. Damals gingen meine Brüder und ich nur einmal im Jahr zur Moschee. Meine Mutter und beide Schwestern blieben zu Hause. Frauen hatten das Recht, Allah innerhalb der Hausmauern zu lobpreisen. Dem Ruf des männlichen Muezzins sollten nur Männer Folge leisten.

          Eine Moschee für Frauen samt einer Vorbeterin war nicht vorgesehen. Mag sein, dass Allah den Frauen vertraut und sie deshalb aus der Verpflichtung entlassen hat, ihn mehrmals am Tag öffentlich zu loben. Dennoch rätselte ich oft, mit welchem Klang und welcher Wirkung „Allah ho Akbar“, intoniert aus der weiblichen Kehle, wohl die Luft erfüllen würde.

          Es wurde das Ende vom Ramadan gefeiert. Ich wusste nicht, welche Bedeutung dieser Tag wirklich hatte. Wir zogen uns frisch gewaschene Kleider an, bedecken unsere Haare mit einem Taschentuch und reihten uns bei anderen Betenden ein. Das Gebet auf Arabisch wussten wir nicht richtig zu sagen; und selbst wenn wir auf Arabisch hätten beten können, wäre der Sinn uns fremd geblieben. Wir bewegten unsere Lippen und ahmten die Bewegungen anderer Betender nach. Wir fielen auf die Knie und pressten die Stirn gegen den Boden der Moschee. Als das Gebet zu Ende war, staunten wir darüber, dass niemandem etwas aufgefallen war.

          Wir gingen beten, weil es danach Geschenke gab. Immer gab es so viel Geld, dass wir uns davon einen Kinobesuch leisten konnten. Meine Freunde und ich fieberten danach, englische oder amerikanische Filme zu sehen. Wir bewunderten den jeweiligen Helden und hofften, dass er bald seine Auserwählte küssen würde. Als er sie dann tatsächlich auf die Lippen küsste, fielen wir vor Aufregung fast in Ohnmacht. In unseren Träumen verwandelten wir uns in Gregory Peck oder Rock Hudson, hielten eine schöne Fee in unseren Armen und küssten sie lange, genauso wie auf der Leinwand. Meine Kusine, die gemeinsam mit mir „Vom Winde verweht“ angesehen hatte, wollte von ihrer Mutter, meiner Tante, wissen, ob sie einmal ihren Vater, meinen Onkel, leidenschaftlich auf die Lippen geküsst hätte. Meine Tante errötete, versuchte ernst zu bleiben, doch dann musste sie laut lachen, und wir alle lachten mit.

          Einige Jahre später konnte man zwar immer noch die westlichen Filme sehen, doch ohne die Kusssequenzen. Die wurden herausgeschnitten. Heute werden sie verdunkelt.

          Religiöse Zwänge kannten wir nicht

          Wir hatten keine Ahnung, was Islam bedeutet. Niemand verlangte von uns Rechenschaft darüber. In Schule und College hatten wir viele Fächer, der Islam aber wurde nicht gelehrt. Wir wussten nicht, inwiefern sich Sunniten und Schiiten voneinander unterschieden.

          Meine Schwestern radelten zur Schule. Meine Mutter meinte, die Burka sei die Beschämung der Frau und ihres Glaubens. In Lahore gab es nur wenige Moscheen. Niemand verlangte von uns zu beten. Meine Freunde und ich träumten von einer Karriere als Popsänger und lernten eifrig die Texte vieler Songs. Religiöse Zwänge kannten wir nicht. Wir mussten die Welt nicht nach einer vorbestimmten Auslegung erfahren. Das war meine islamische Wirklichkeit, als ich Pakistan 1958 verließ.

          Als 1979 die Russen in Afghanistan herrschten, hörten die Pakistaner zum ersten Mal die Bezeichnung Taliban. Die pakistanische Regierung unterstützte die afghanischen Islamisten. Nach dem Abzug der Russen dauerte es nicht sehr lange, bis die Menschen in Pakistan begriffen, dass Allah nicht töten kann, doch die Taliban konnten es in seinem Namen überall und zu jeder Zeit. Die Mullahs, die man noch wenige Jahre zuvor als ungebildet verachtet hatte, fürchtete man nunmehr.

          Obwohl viele Menschen in Pakistan die fundamentalistische Auslegung des Islams ablehnen, wagen es bis heute nur wenige, dies öffentlich zu vertreten. Die Angst, getötet zu werden, lässt sie schweigen. Eine radikale Minderheit hält die Mehrheit davon ab, auszusprechen, was sie im Innersten bewegt.

          Seit mehreren Jahrhunderten kann die islamische Welt keine einzige Errungenschaft vorweisen, die von Bedeutung wäre. Die Überlegenheit des Westens manifestiert sich hauptsächlich darin, dass es ihm gelungen ist, mit seiner Technologie, also seinen Produkten, den Alltag islamischer Gesellschaften zu beherrschen. Heute fühlen sich zwar viele islamische Staaten in ihrer Existenz bedroht und dem Westen ausgeliefert. Denn selbst Bettler in Pakistan besitzen ein Handy. Die Jugend kennt sich in der medialen Welt des Westens bestens aus. Die Mehrheit träumt von einem Leben westlicher Prägung. Gäbe es Discos in Pakistan, wären sie hoffnungslos überlaufen. Aber es gibt sie nicht. Denn Pakistan will wie viele islamische Länder streng an den Geboten des Islams festhalten. Diese Zwiespältigkeit prägt das tägliche Leben.

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