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Isaf-Taktik in Afghanistan Zehn minus zwei Taliban ergibt zwanzig Taliban

08.09.2009 ·  General Stanley McChrystal hat eine Rechnung aufgemacht: Das Töten von Aufständischen führt nicht zum Ziel, Afghanistan auf Dauer zu befrieden - im Gegenteil. Damit präsentiert der Kommandeur der Isaf-Truppen am Hindukusch eine neue Strategie.

Von Nikolas Busse
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Dass der amerikanische General Stanley McChrystal, der Oberbefehlshaber der Isaf, mit so offenkundiger Missbilligung auf den Luftschlag bei Kundus reagiert hat, liegt daran, dass solche Operationen nach seiner Ansicht mit dafür verantwortlich sind, dass die Gewalt gegen die Schutztruppe in den vergangenen Jahren zugenommen hat.

Seit der Übernahme des Kommandos im Juni hat McChrystal mehrere Anweisungen an die derzeit 65.000 Soldaten umfassende Truppe herausgegeben, die alle auf einem zentralen Gedanken fußen - gewinnen könne die Nato den Krieg in Afghanistan nur, wenn sie sich das Vertrauen der Bevölkerung erarbeite. „Die Taliban können uns nicht militärisch besiegen - aber wir können uns selbst die Niederlage beibringen“, heißt es in der taktischen Anweisung des Generals vom Juli dieses Jahres.

Neue Strategie eines „kulturellen Wandels“

Diese Anweisung war die erste Ausformulierung von McChrystals neuer Strategie, die er selbst einen „kulturellen Wandel“ nennt. Jeder Mann, bis hinunter zum einfachen Soldaten, müsse verinnerlichen, schrieb McChrystal, dass es Ziel der Isaf sei, die afghanische Bevölkerung zu schützen. Mit zivilen Opfern oder außerordentlich großen Schäden mache sich die Isaf die Bevölkerung nur zum Feind.

Einzelheiten der taktischen Anweisung sind zum Schutz der Isaf-Truppen nicht veröffentlicht worden. Einem Auszug, der auch in die Landessprachen übersetzt wurde, ist aber zu entnehmen, dass Isaf-Soldaten etwa Häuser nur zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften und Unterstützung durch örtliche Behörden betreten sollten; außerdem sollen sie - außer zur Selbstverteidigung - nicht auf Moscheen, religiöse oder historische Anlagen schießen.

Schutz der Bevölkerung hat Vorrang

In den Anweisungen gibt es Aussagen zu Luftangriffen. Darin heißt es: „Ich erwarte von den Kommandeuren auf allen Ebenen, dass sie den Einsatz von Kräften wie der Luftnahunterstützung gegen Wohngebiete und andere Orte, bei denen es wahrscheinlich zu zivilen Opfern kommen kann, genau prüfen und begrenzen.“ Die Kommadeure hätten eine Abwägung zu treffen zwischen den Gewinnen durch einen Lufteinsatz und den Kosten durch zivile Opfer, die auf lange Sicht den Erfolg der Mission erschwerten und die Afghanen gegen die Isaf einnähmen.

Luft- oder indirekter Beschuss von Wohngegenden sei nur unter „sehr beschränkten und vorgeschriebenen Voraussetzungen“ erlaubt. Allerdings hebt McChrystal zugleich hervor, dass die Anweisung die Kommandeure nicht daran hindere, das Leben ihrer Soldaten zur Selbstverteidigung zu schützen, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt. Dazu gibt es genauere Ausführungen, die aber nicht veröffentlicht wurden.

Der Tod von Zivilisten sät die eigene Niederlage

Am 27. August hat McChrystal die Grundsätze seiner Strategie in einem zweiten Dokument dargelegt, den sogenannten „Leitlinien zur Aufstandsbekämpfung“. Sie wurden vollständig veröffentlicht. Darin führt er aus, dass der Krieg in Afghanistan nicht mit konventionellem militärischem Denken gewonnen werden könne, das darauf abzielt, den Gegner zu bekämpfen. Aus konventioneller Sicht stelle sich die Tötung von zwei Aufständischen in einer Gruppe von zehn so dar, als seien nur noch acht Gegner übrig. In einem von Clans und Stämmen geprägten Umfeld wie Afghanistan sei es aber so, dass die zwei Getöteten viele Verwandte hätten, die nach solchen Vorfällen Rache schwörten.

Im Fall von zivilen Opfern seien das sogar noch mehr als im Fall von getöteten Kämpfern. So laute die Rechnung: „10 minus 2 ergibt 20 (oder mehr), und nicht 8.“ Daraus zieht McChrystal den Schluss, dass es Ziel der Isaf sein müsse, den Willen der afghanischen Bevölkerung zu beeinflussen. „Ihr Schutz ist unser Auftrag.“ Die Soldaten der Schutztruppe sollten 95 Prozent ihrer Zeit damit zubringen, die Beziehungen zur Bevölkerung zu pflegen und in Zusammenarbeit mit der afghanischen Regierung deren Bedürfnisse zu befriedigen. „Wenn wir afghanische Zivilisten töten, dann bringen wir die Saat unserer eigenen Niederlage aus.“

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