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Irans Atomprogramm Blix: „Vorbedingungen zu stellen ist unklug“

Bei der Tagung des Gouverneursrats der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien steht Iran wieder einmal am Pranger. Der frühere IAEA-Generaldirektor Hans Blix kritisiert im Gespräch mit FAZ.NET die Strategie des Westens.

© Marcus Kaufhold Vergrößern Steht der Kommission für die Abrüstung von Massenvernichtungswaffen vor: Hans Blix

Hans Blix war Präsident der IAEA und Leiter des UN-Waffeninspektionsprogramms im Irak. Er steht der Kommission für die Abrüstung von Massenvernichtungswaffen vor. Im Gespräch mit Rainer Hermann erläutert der Schwede seine Einschätzung der Lage.

Herr Blix, was hat der jüngste Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) an Neuigkeiten gebracht?

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Nicht viel. Zwar kann die IAEA nicht bestätigen, dass es für Atomwaffen keinen Bezugspunkt gebe. Sie werden aber auch nie bestätigen können, dass für Atomwaffen keine Absichten bestehen. Konkrete Beweise dafür legt die IAEA nicht vor. So viel sie suchen, sie finden nicht viel. Das ändert indes nichts an der Einstellung in Washington oder London. Dort heißt es, Iran habe vielleicht heute keine Absicht. Aber das könne sich in zwei Monaten ändern.

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© Reuters Vergrößern Video: Bush und Merkel wollen Iran-Konflikt diplomatisch lösen

Geht der Westen richtig vor?

Ich bin da skeptisch. Die wirtschaftlichen Anreize sind gut. Die westlichen Mächte bieten Iran an, eine Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation (WTO) zu unterstützen und den Ausbau der zivilen Atomindustrie zu fördern. Aber das geschieht unter der Bedingung, dass Iran die Anreicherung aufgibt. Für Iran ist sie aber die Trumpfkarte. Wer gibt seinen Trumpf aus der Hand, bevor das Spiel beginnt? Diese Vorbedingung zu stellen ist daher unklug. Beide Seiten sollten direkte Gespräche aufnehmen. Den Iranern sollte man aber nicht sagen, sie sollten erst ihr Haupt neigen und sagen, sie stellten die Anreicherung ein.

Wie soll man dann vorgehen?

Eine Zusage, von außen nicht anzugreifen und von innen nicht einen Regimewechsel zu versuchen, wäre unschätzbar. Der zweite Punkt sind diplomatische Beziehungen. Die Vereinigten Staaten sind das einzige Land des Westens, das mit Iran keine unterhält.

Aus welchen Gründen könnte Iran nach der Atomwaffe greifen?

Die meisten Länder, die nach Atomwaffen streben, werden durch das wahrgenommene zwingende Bedürfnis nach Sicherheit motiviert. Bei Iran sehe ich das nicht. Das schafft Optimismus. Ein zweites Motiv ist Prestige, um am Tisch einen Platz zu bekommen. Daher sind diplomatische Beziehungen wichtig. Iran sollte am Tisch sitzen, ob sie Atomwaffen haben oder nicht. Auch sollte man Iran dabei erinnern, dass Mächte wie Japan und Deutschland Atomwaffen nicht brauchen. Daher hoffe ich, dass es keine zwingenden Motive gibt für Iran, Atomwaffen zu haben.

Besteht eine militärische Option?

Das ist kaum vorstellbar. Die militärischen Optionen erwiesen sich nicht als sehr ruhmreich, im Irak nicht und nicht beim israelischen Angriff auf den Libanon, der von der Hizbullah provoziert worden war. Für Iran besteht nur dann eine Bedrohung, sollte das Land mit der Anreicherung fortfahren. Sonst aber nicht.

Welche Rolle spielt die Psychologie?

Erniedrigung ist immer sehr schlecht, ob zwischen Menschen oder zwischen Staaten. Condoleezza Rice sprach davon, Iran müsse sich benehmen. Das ist nicht die Art, in der man reden sollte. Die Achse des Bösen mag gut für die amerikanische Innenpolitik sein, aber nicht für die internationale Politik. Selbst wenn man den anderen nicht mag, sollte man weiter korrekt bleiben.

Iran argumentiert, der Westen wolle das Land von moderner Technologie fernhalten.

Das stimmt nicht. Der Westen sagt sogar, er werde Iran beim Aufbau eines zivil genutzten Atomprogramms zu unterstützen. Der Westen sagt nur, wenn Iran Uran anreichert, steigt die Temperatur. Eine Lösung wäre daher, die Lieferung des Brennstoffs sicherzustellen.

Ist es nicht legitimes Recht eines Landes, Anreicherungsanlagen zu haben?

Im Nichtverbreitungsvertrag gibt es dazu keine Einwände. Jeder hat das Recht dazu. Manchmal sagt einem die Weisheit, etwas nicht zu tun, wozu man ein Recht hat.

Viele arabische Staaten wollen in die Atomenergie einsteigen. Beunruhigt Sie das?

Nichts ist ohne Risiko. Auch nicht die Atomenergie. Langfristig habe ich aber mehr Angst vor der Erderwärmung als vor Massenvernichtungswaffen.

Brauchen die ölreichen arabischen Golfstaaten überhaupt Atomenergie?

Ich unterstütze das voll und ganz. Produzieren sie Strom mit Atomenergie, bleiben Erdöl und Naturgas im Boden. Sie verlieren ihren Wert nicht und können für bessere Zwecke genutzt werden, als sie zu verbrennen. Es ist eine bessere Investition, das Öl und Gas im Boden zu haben, als, Kapital an Firmen zu erwerben.

Wie sicher sind die Programme?

Die Vereinigten Arabischen Emirate etwa haben erklärt, dass sie nicht selbst anreichern wollen, dass sie das Zusatzprotokoll zum Nichtverbreitungsvertrag übernehmen und ausländische Hilfen in Anspruch nehmen werden. Eine Gefahr ist, dass bei einer industriellen Nutzung durch viele Länder genügend Material für eine Atombombe anfällt - und solche Anlagen verstaatlicht werden könnten.

Sie erwarten weltweit eine Rückkehr der zur Atomenergie. Weshalb?

Wir brauchen in vielen Staaten mehr Energie, und wir sind über die Erderwärmung beunruhigt. Wind und Sonne hat man überall, man muss sie aber „ernten“. Bei Uran bekommt man 50.000 Kilowattstunden aus einem Kilogramm Uran. In der Zukunft ist auch der Thoriumkreislauf interessant, da weniger Brennstoff gebraucht wird und es mehr Thorium als Uran gibt.

Quelle: F.A.Z.

 
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