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Iranischer Klerus Von Beweisen und Zeichen Gottes

23.06.2009 ·  Ajatollah Ali Chamenei ist zwar der oberste religiöse Führer und offizielle Revolutionsführer der Islamischen Republik Iran - aber keineswegs der am höchsten angesehene Religionsgelehrte des Landes. Die Hierarchie der iranischen Kleriker hat sich in Jahrhunderten herausgebildet.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Ajatollah Ali Chamenei ist zwar der oberste religiöse Führer und offizielle Revolutionsführer der Islamischen Republik Iran, aber keineswegs der am höchsten angesehene Religionsgelehrte des Landes. Dies ist schon seit geraumer Zeit Ajatollah al uzma Hussein Ali Montazeri, der seit 1997 in der heiligen Stadt Qom unter einem milden Arrest steht. Er hatte damals für seine Verhältnisse scharfe Kritik am Zustand der Islamischen Republik geübt. Im Jahre 1989 hatte er bereits einmal dasselbe getan, was dazu führte, dass er bei der übrigen Führung des Landes in Ungnade fiel und auf die Nachfolge des im selben Jahr verstorbenen Ajatollah Chomeini als Oberster Führer, für die er vorgesehen war, verzichten musste. Stattdessen wurde Chamenei, ein nicht besonders herausragender Gelehrter, „aufgewertet“ und auf den Posten gewählt, den er seither innehat.

Der Ruf des inzwischen 87 Jahre alten (Jahrgang 1922) Großajatollahs Montazeri kann nur noch mit dem des im Irak ansässigen, aber ebenfalls aus Iran stammenden 74 Jahre alten Großajatollahs Ali Sistani verglichen werden. Reformistisch gesinnte Kreise und viele Jugendliche verehren ihn als einen moderaten, weisen Mann, dem der Kurs des Staates schon lange nicht mehr behagt. Dies erinnert an den Ajatollah Kazem Schariatmadari, der zu Beginn der Republik ebenfalls in Ungnade gefallen war. Seine Macht beschränkt sich auf das geschriebene und gesprochene Wort sowie auf das Auratische, das von Gestalten wie ihm ausgehen mag.

Hierarchie Irans kam spät

Die klerikale Hierarchie Irans ist in dieser Form im sunnitischen Mehrheitsislam unbekannt, sie ist eine vornehmlich schiitische Erscheinung. Erst im späten 18., dann vor allem im 19. Jahrhundert hat sie sich so verfestigt, wie man sie heute kennt. Als Iran im Jahre 1501 von Schah Ismail erobert und damit endgültig schiitisch wurde, spielte der Sufismus, dem Ismails mystische Gemeinschaft der Safawiden aus der Stadt Ardabil in Nordiran huldigte, noch eine wichtigere Rolle. Erst mit der Konsolidierung der Macht der Safawiden, später der anderen Herrscherfamilien wie der Qadscharen nahm der gesetzesförmige Islam der schiitischen, der dschaafaritischen oder fünften orthodoxen Rechtsschule das Heft immer stärker in die Hand.

Die religiöse Hierarchie reicht vom einfachen Dorf-Mullah, der seine Gemeinde traditionell führt und in Fragen des Alltags den Gläubigen zur Seite steht, bis hinauf zu den Ajatollah al uzma oder Großajatollahs, deren Zahl sehr begrenzt ist und die als „Quelle der Nachahmung“ (mardscha-e taqlid) gelten.

Lehrplan der Theologenschulen

Das Studium der Theologen beginnt in der einfachen Koranschule, Khuttab. In der Madrasa, der Theologenschule, schließen sich viele Jahre währende, umfassende Studien der religiösen Tradition an. Die bekannteste „Houzeh“ oder höhere Lehranstalt ist Qom. Zunächst geht es um den Inhalt des Korans sowie des Hadith, der außerkoranischen Überlieferungen und Traditionen des Propheten Mohammed. Bei den schiitischen Gelehrten werden freilich auch die Überlieferungen der schiitischen Imame aufgenommen, das heißt zum Beipiel das „Nahdsch al balagha“ (Weg der Beredsamkeit) von Ali Ibn Abi Talib, dem Prophetenvetter, der als eigentlicher Begründer der Schia gilt, und seiner Nachkommen.

Zum Lehrstoff gehört neben der persischen die arabische Sprache, in der sowohl der Koran als auch die übrigen Überlieferungen abgefasst sind und die als Sprache der Theologie dem Latein im Christentum entspricht, dazu die wichtigen klassischen Kommentare zu Koran und Überlieferung, wie der des al Tabari aus dem 10. Jahrhundert. Auch Rhetorik und klassische Logik stehen auf dem Lehrplan.

Einfluss europäischer Denker

Der höhere Theologiestudent (talebe) kann irgendwann entscheiden, ob er sich mehr den - eher trockenen - Prinzipien des religiösen Rechts (osul al-feqh) oder mehr rein theologischen Fragen widmet. Der einflussreiche Hodschatoleslam und Vorsitzende des Expertenrates Ali Akbar Haschemi-Rafsandschani ist ein Theologe, der mehr als Sakraljurist ausgebildet ist. Hodschatoleslam („Beweis des Islams“) ist ein Rang unterhalb des Ranges Ajatollah.

Das Studium der Theologie enthält in den höheren Stadien auch philosophische Elemente. Zu ihnen gehört auch die sogenannte Theosophie oder Gnosis (erfan), eine stark von Persern geprägte Philosophie, in der sich Rationalismus und mystische Überlieferungen verbinden. Ihr bedeutendster Vertreter ist Mullah Sadra, ein Zeitgenosse des Descartes. In letzter Zeit werden von manchen Theologen auch mehr und mehr europäische Denker wie Kant, Hegel, Heidegger oder Habermas aufgenommen.

Hierarchie der spirituellen Autorität

Die Studenten erhalten nach etlichen Jahren von ihren Lehrern selbst die Erlaubnis, nun ihrerseits zu lehren - etwa als Hodschatoleslam. Der Lehrer muss den Eindruck gewinnen, dass der betreffende Student sowohl an Kenntnissen als auch an Reife der Auslegung dafür bereit ist. Es ist eine Hierarchie der spirituellen Autorität, aber auch des Alters und der Erfahrung, nicht der Dokumente. Ein Ajatollah („Zeichen Gottes“) steht im Allgemeinen an der Schwelle zum Greisenalter. Erst recht gilt dies für den Ajatollah al uzma, die höchste Stufe der Hierarchie.

Die heutige Stellung des schiitischen Klerus hat es in dieser Form niemals gegeben in der iranischen Geschichte. Früher waren die weltlichen Herrscher allenfalls der Kontrolle der obersten Gelehrten unterworfen (und auch dies nicht immer), aber sie herrschten nicht selbst wie in der Islamischen Republik, wo sie jetzt freilich durch militärische Elemente immer stärker in den Hintergrund gedrängt zu werden scheinen. Viele schiitische Gläubige hatten früher ein recht entspanntes Verhältnis zu den Religionsgelehrten, wenn man über den einen oder anderen auch Witze machte oder Heucheleien aufspießte, wenn man auf sie traf. Andere Gelehrte genossen einen hohen Ruf, wie etwa Ajatollah Borudscherdi, einer der Lehrer Chomeinis, der mit diesem auch manchen Strauß ausfocht. Es ist nicht unüblich, dass sich Schiiten sozusagen „ihren“ Ajatollah oder Gelehrten aussuchen, dem zu folgen sie beschließen, weil er ihren Auffassungen nahekommt.

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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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