16.05.2009 · Iran ist eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Dem Westen ist das Land jedoch wegen Präsident Ahmadineschad äußerst suspekt. Im Interview spricht der iranische Minister Nozari über das schwierige Verhältnis, den Atomstreit mit dem Westen und die Tricks der Opec.
Iran ist eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Dem Westen ist das Land jedoch wegen Präsident Ahmadineschad äußerst suspekt. Im Interview spricht der iranische Minister Nozari über das schwierige Verhältnis, den Atomstreit mit dem Westen und die Tricks der Opec.
Herr Minister, als eines der rohstoffreichsten Länder der Erde ist Iran ein mächtiges Mitglied der Opec. Sie als iranischer Erdölminister also müssen es wissen: Wo wird der Ölpreis Ende dieses Jahres stehen?
Ich denke, dass das jetzige Preisniveau von 45 bis 50 Dollar je Fass im Durchschnitt bis auf weiteres so bleibt...
...obwohl die Opec ihre Fördermengen stark zurückgefahren hat?
In den vergangenen 20 Jahren ist die Nachfrage nach Öl kontinuierlich gestiegen. Nun in der Wirtschaftskrise sind wir seit langer Zeit erstmals mit einem starken Rückgang konfrontiert. Dabei sind die Handelsreserven auf dem Weltmarkt weiterhin sehr hoch. Deshalb ist es selbstverständlich, dass mit der geplanten Drosselung der Fördermengen um 4,2 Millionen Fass am Tag der Ölpreis nicht sofort steigt.
Sicher auch, weil sich die Opec-Länder nicht alle an die vereinbarte Drosselung halten.
Doch, das tun sie. Immerhin hat die Opec dieses Ziel zu achtzig Prozent realisiert. Aber die Nachfrage nach Öl sinkt weiter. Am Ende ist auch meine Einschätzung über den künftigen Ölpreis Spekulation. Keiner von uns hatte mit Preisen über 140 Dollar gerechnet, die wir im letzten Jahr gesehen haben.
Sie haben mal gesagt, dass ein guter Preis für ein Barrel Öl etwa 80 Dollar wären?
Ich habe damit einen Preis genannt, bei dem sich für Investoren das Erschließen von Ölfeldern rechnet. Bei heutigen Preisen ist genau das aber nicht attraktiv. Folglich wird zu wenig investiert, weil sich Investoren an Großprojekten nicht im notwendigen Maße beteiligen. Bei 80 Dollar je Fass sähen deren Rechnungen ganz anders aus.
Langfristig wird es dann zu wenig Kapazitäten geben.
Ja. Wahrscheinlich werden vier Millionen Fass täglich fehlen. Und damit stellt sich die Frage der Energiesicherheit. Die Tatsache, dass bei niedrigen Preisen Investitionen ausbleiben, ist nicht ungefährlich. Denn wenn die Wirtschaft sich wieder erholt und entsprechend die Nachfrage nach Öl steigt, dann wird es zu wenig Förderkapazitäten geben, und dann werden die Preise wieder in die Höhe schießen. Energiesicherheit und Preisstabilität wären bei 80 Dollar je Fass besser gewährleistet.
Iran verfügt über enorme Reserven, auch an Gas. Wie lange reicht der Vorrat noch?
Unser Land ist vor allem reich an Erdgas. Wir haben die zweitgrößten Reserven der Welt und verfügen über 16 Prozent des gesamten Gasvorkommens der Erde. Aber nur 20 Prozent unserer Gasfelder sind tatsächlich auch erschlossen. Es gibt also ein riesiges Potential. Dazu kommt, dass wir immer wieder neue große Erdgasvorkommen entdecken.
Die Iran aber im Moment nichts nützen.
Richtig. Mit unserer heutigen Technologie können wir unsere Reserven an Öl und Gas nur eingeschränkt nutzen. Was das Erdöl angeht, so sind wir sicher, dass wir bei der derzeitigen Fördermenge von 4,3 Millionen Barrel am Tag weitere 100 Jahre lang Erdöl fördern können. Unsere Erdgasvorräte würden sogar 170 Jahre vorhalten.
Können Sie vor diesem Hintergrund die Debatte um die Endlichkeit der Reserven an fossilen Brennstoffen verstehen?
Es gibt Regionen in der Welt, deren Reserven zur Neige gehen. Und es gibt Länder, die ehemals zu den Rohstoffexporteuren gehörten, heute aber fossile Brennstoffe einführen müssen. In den nächsten zwei Jahrzehnten werden sich die geographischen Gewichte weiter verschieben.
Sie meinen zum Bespiel die Ölvorräte in der Nordsee?
Der künftige Energielieferant wird zweifelsohne der Nahe Osten sein. Unsere Bedeutung wird stark steigen. Die Zeit arbeitet für uns.
Bei steigendem Energiebedarf mag das stimmen.
Der Bedarf an fossilen Brennstoffen allein in Europa ist enorm. Europa braucht derzeit 500 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Tendenz steigend. In den nächsten zwanzig Jahren wird diese Menge auf 750 Milliarden Kubikmeter steigen. Um diesen Bedarf zu decken, bräuchte man ungefähr sieben oder acht neue Pipelines, um das Gas nach Europa zu schaffen. Wir planen derzeit zum Beispiel die "persische Pipeline", über die Gas nach Europa fließen soll - ein Großprojekt, an dem europäische Unternehmen sehr interessiert sind. Natürlich will Iran in dieser Entwicklung eine Rolle spielen. Wir streben langfristig einen Anteil am Weltgasmarkt von 15 Prozent an, was in etwa unserem Anteil an den globalen Gasreserven entspricht. Davon sind wir bisher sehr weit entfernt.
Der Anteil Ihres Landes liegt angeblich zwischen 2 und 3 Prozent.
Wir akzeptieren diese Zahlen so nicht. Aber Sie haben recht, unser Anteil ist noch gering. Das liegt nicht nur an unseren Förderkapazitäten, sondern auch daran, dass wir viel zu viel unserer eigenen Produktion im Inland verbrauchen. Derzeit subventionieren wir den Verbrauch der Iraner, das wird sich ändern müssen. Um den Weltmarktanteil allerdings auf die angestrebten 15 Prozent zu bringen, müssen wir neue Gasfelder erschließen und neue Pipelines bauen.
Was wird Sie das kosten?
Bis 2025 benötigen wir ein Investitionsvolumen von etwa 500 Milliarden Dollar. Davon werden wir einen Teil selbst finanzieren. Der andere Teil muss von ausländischen Investoren kommen, die unser Gas haben wollen. Wir kooperieren bereits mit Unternehmen aus verschiedenen Ländern und haben auch mit einigen Staaten Verträge geschlossen, zum Beispiel mit China, Indien, Malaysia und auch mit der Türkei.
Sind große deutsche Unternehmen dabei? Die Energieriesen wie Eon und RWE brauchen Gas.
Deutsche Unternehmen verhandeln mit uns momentan über den Kauf von Erdgas. Wie gesagt, wir verhandeln. Ich denke, dass es bald mehr Möglichkeiten für eine Kooperation geben wird. Der Bedarf auf dem Weltmarkt wird steigen. Und die Energiesicherheit wird an Bedeutung gewinnen.
Meinen Sie damit, die Deutschen könnten in Zukunft schon aufgrund des Energiebedarfs ihre Beziehungen zu Iran pragmatischer sehen? Nicht zuletzt, weil sie ihre Abhängigkeit von russischem Gas verringern müssen.
Lassen Sie es mich so sagen. In den achtziger Jahren, als die Europäer Erdgas aus der Sowjetunion beziehen wollten, auf Druck der Vereinigten Staaten aber keine direkten Geschäfte mit der Sowjetunion machen konnten, befanden sie sich in einer schwierigen Situation. Doch damals haben die großen Unternehmen und auch Politiker erkannt, dass Deutschland Gas aus Russland beziehen muss. Sie haben sich dafür entschieden. Rückblickend hat sich das als kluge Entscheidung erwiesen.
Sie ziehen damit eine Parallele zur Gegenwart und zu Iran.
Um den zukünftigen Bedarf Europas an fossilen Brennstoffen und vor allem an Gas zu decken, muss man auch heute wieder grundsätzliche Entscheidungen treffen. Man braucht weise, in die Zukunft blickende Politiker und große, mutige Konzerne. Langfristig gesehen wird die Nachfrage steigen. Noch einmal: Die Zeit arbeitet für Iran. Das weltweite Bevölkerungswachstum, das Wirtschaftswachstum, neue Konsumformen - trotz der Bemühungen, Energie zu sparen, wird die Nachfrage nach Öl und Gas nach oben gehen.
Die Vereinigten Staaten haben ihre Sanktionen gegen Iran gerade um ein Jahr verlängert. Die EU und Deutschland setzen die Sanktionen der Vereinten Nationen nicht nur um, sie erschweren selbst das legale Exportgeschäft.
Wir haben große Projekte mit den Europäern. Wir sind aber nicht zufrieden mit dem Prozess der Umsetzung. Das Tempo ist zu langsam. Fragen Sie die Unternehmen selbst, woran das liegt. Sicher nicht daran, dass sie keine Geschäfte mit uns machen wollen. Die großen Energiekonzerne und auch kleine Unternehmen haben längst erkannt, dass die Geschäfte mit dem Iran sehr lukrativ sein werden.
Nicht umsonst halten die Energieriesen den Kontakt zu Ihnen, allen Sanktionen zum Trotz. Das gilt für die deutschen Giganten wie RWE oder Eon nicht anders als für Gas de France oder Total.
Oder auch Royal Dutch Shell, um nur einige zu nennen. Auch weil sie wissen, dass sie ernsthafte Konkurrenten in anderen Ländern haben, zum Beispiel in China oder Indien - aufstrebende Staaten, die viel pragmatischer sind als etwa Deutschland. Aber auch mit europäischen Konzernen arbeiten wir längst in Großprojekten zusammen. Bei der Erschließung des South-Pars-Gasfeldes zum Beispiel mit Shell und dem spanischen Konzern Repsol.
Deutsche Namen sind nicht dabei.
Aber sie sind eingeladen, sich an der Entwicklung zu beteiligen.
Wie schwierig ist es, als Erdölminister eines Landes, das von einem Teil der Welt mit Sanktionen belegt wird, eine zukunftsorientierte Politik zu betreiben?
An die Sanktionen haben wir uns längst gewöhnt. Wir leben damit seit 30 Jahren. Die Sanktionen haben uns gezwungen, uns neue Chancen zu erarbeiten. So haben wir unsere Zusammenarbeit mit anderen Ländern ausgebaut, andere Abnehmer gefunden. China mit seinem enormen Energiebedarf spielt dabei eine sehr große Rolle. Wir haben Lieferanten aus westlichen Ländern, die nicht nach Iran exportieren dürfen, durch die Lieferanten anderer Länder ersetzt. Strategische Güter, die wir aufgrund der Sanktionen nicht direkt beziehen können, bekommen wir sowieso nach spätestens sechs Monaten.
Iran hat unendliche Energiereserven. Warum also braucht das Land die Kernenergie?
Wir sind nicht das einzige Land mit großen Rohstoffreserven, das auch auf Atomkraft setzt. Denken Sie an Russland und auch an Nordamerika. Wir setzen die Kernenergie auf vielen Feldern ein. Sie ist sauber, viel sauberer als der Verbrauch an fossilen Brennstoffen. Ein Drittel unseres geförderten Öls und Erdgases verbrauchen wir selbst und können es nicht verkaufen. Das ist zu viel und beschränkt uns in unseren Exportmöglichkeiten. Warum also sollten wir nicht Elektrizität auch anders, zum Beispiel durch Kernenergie, erzeugen? Jedes moderne Land denkt über den richtigen Energiemix nach und versucht, sich nicht nur auf fossile Brennstoffe zu verlassen.
Noch einmal zurück zu den Sanktionen: Sehen Sie Chancen, dass es irgendwann zu einem Aufheben der Sanktionen kommt?
Der Vorwand für die Sanktionen liegt in unserem Atomprogramm, das wir - so der Vorwurf - angeblich nicht nur zur friedlichen Nutzung, sondern auch für militärische Zwecke verfolgen. Ich sage Ihnen: Wenn wir kein Atomprogramm hätten und man uns in dieser Hinsicht gar nichts vorwerfen könnte, dann würde der Westen sicherlich einen anderen Grund finden, um wiederum Sanktionen zu verhängen.
Der Mann für Öl und Gas
Gholamhossein Nozari (55) hat sein ganzes Berufsleben lang mit Öl zu tun gehabt. Seit fast zwei Jahren steht er an der Spitze des iranischen Ölministeriums unter Präsident Mahmud Ahmadineschad, nachdem er lange die Nationale Iranische Ölgesellschaft leitete.
Nozari verfolgt eine schwierige Mission: Aufgrund des riesigen Öl- und Gasreichtums ist Iran auf Kooperation mit dem Westen angewiesen. Die aber ist aufgrund der Sanktionen, die der Westen verhängt hat, schwierig. Auf seiner Reise nach Deutschland hat es deshalb keine offiziellen politischen Kontakte gegeben. Getroffen hat der Minister stattdessen Vertreter der Energiewirtschaft - auf Einladung von Gerhard Schröder.
"Noch 20 Jahre Öl" - wer erinnert sich noch?
Max Mustermann (MaxM)
- 14.05.2009, 16:02 Uhr
die zeit arbeitet für Iran.!
Mehmet Mantikli (logisch74)
- 14.05.2009, 20:18 Uhr
Unnoetige Gasabheangigkeit
Horst Trummler (Vandale6906)
- 14.05.2009, 20:41 Uhr
Meine Rechnung
Andreas Kirsch (A.Kirsch)
- 14.05.2009, 23:01 Uhr
Herr Mustermann
Horst Trummler (Vandale6906)
- 14.05.2009, 23:43 Uhr