11.01.2009 · Der Konflikt in Gaza spaltet die islamische Welt nicht in Schia und Sunna, sondern in Verbündete und Feinde Amerikas. Im Iran bekennt sich das Regime zu den „palästinensischen Märtyrern“ - und verliert dabei nicht die kommenden Wahlen aus dem Blick.
Von Christiane HoffmannFür die Schiiten fällt Israels Feldzug in Gaza in die heiligste Zeit des Jahres: den Trauermonat Moharram. An seinem Höhepunkt, dem Aschura-Fest, gedenken sie ihres Imam Hussein, der mit seinen wenigen Getreuen durch eine Übermacht von Feinden in der Schlacht von Kerbala den Märtyrertod erlitt. Welches Fest wäre besser geeignet, sich mit den bedrängten Palästinensern in Gaza zu solidarisieren? Und so waren die Aschura-Feiern im schiitischen Iran am vergangenen Donnerstag begleitet von Reden, die einmal mehr die „zionistischen Verbrechen“ anprangerten und die „palästinensischen Märtyrer“ priesen. Allein, Irans religiöser Führer Ali Chamenei nutzte diesen Tag auch, um in einer Ansprache in Ghom seine allzu opferbereiten Anhänger zu zügeln. Jene Zehntausende Freiwillige, die sich seit Beginn der Kämpfe in Gaza bereitgefunden haben, für die palästinensische Sache zu Märtyrern zu werden, schickte er nach Hause: Man könne ihnen leider nicht gestatten, an den Kampfplatz zu reisen. Die Botschaft war eindeutig: Iran möchte sich keinesfalls dem Vorwurf aussetzen, aktiv in das Kampfgeschehen in Gaza einzugreifen.
Die Geschichte von Aschura ist aber auch eine Geschichte der Schuld: der Schuld der vielen, die Hussein und seinen Getreuen in der Bedrängnis nicht zu Hilfe eilten. Die Schiiten beklagen deshalb nicht nur den Tod ihres Imams, sondern auch die eigene Tatenlosigkeit im Angesicht seines Untergangs.
Das „ermutigende Schweigen“ der arabischen Regierungen
Im aktuellen Konflikt schreibt nun die iranische Führung diese Rolle den arabischen Regimen zu. So leidenschaftlich wie nie zuvor während einer gewaltsamen Eskalation des Nahost-Konflikts prangert Teheran die Tatenlosigkeit der arabischen Regierungen an und beschuldigt sie gar, mit Israelis und Amerikanern gemeinsame Sache zu machen.
Der religiöse Führer Chamenei sprach von „Komplizenschaft zwischen den feindseligen Ungläubigen und den Heuchlern der Ummah“ und machte das „ermutigende Schweigen“ der arabischen Regierungen, „die behaupten, die seien Muslime“, als „schlimmste Katastrophe“ aus. Sogar der moderate frühere Präsident Mohammad Chatami warf den arabischen Regierungen vor, sie hätten „sich selbst erniedrigt, indem sie das zionistische Regime unterstützen“.
Mit seiner harschen Kritik am Schweigen der arabischen Herrscher spricht Iran Millionen ihrer Untertanen aus dem Herzen: Mit Demonstrationen überall in der arabischen Welt protestierten sie in der vergangenen Woche nicht nur gegen Israels Vorgehen in Gaza, sondern auch gegen die Tatenlosigkeit der eigenen Regierungen. Sie gibt Teheran den willkommenen Anlass, sich als der einzige aufrechte Kämpfer für die palästinensische Sache und als wahrer Sprecher der Muslime zu profilieren.
Der Feind in Washington
Niemals, auch nicht unter Revolutionsführer Chomeini, war die Islamische Republik ihrer angestrebten Führungsrolle in der islamischen Welt so nahe wie heute, niemals bisher ist sie so erfolgreich darin gewesen, die konfessionelle Trennung, die sie von den weitgehend sunnitischen Arabern trennt, vergessen zu machen. Mehr und mehr scheint die Teilung in Sunniten und Schiiten überlagert durch einen ökumenischen Islamismus, eine Allianz der Islamisten beider islamischen Glaubensrichtungen, allen voran der schiitischen Hizbullah und der sunnitischen Hamas, angeführt von Iran.
Auf der Gegenseite stehen die arabischen Regime, die sich als Verbündete der Amerikaner und damit auch Israels nun auf der falschen Seite des Konflikts finden. Ihre Politik, die von vielen als Teufelspakt mit Washington angesehen wird, beschleunigt den Niedergang des säkularen Nationalismus in der arabischen Welt.
In Kairo, Riad oder Amman sähe man es nicht ungern, wenn die Hamas in ihre Schranken verwiesen würde und die iranischen Ambitionen auf eine Vormachtstellung in der Region einen Dämpfer erhielten. Die hauseigenen Islamisten werden mit polizeistaatlichen Methoden bekämpft. Zugleich müssen sich die arabischen Regierungen vorhalten lassen, weit weniger demokratisch legitimiert zu sein als Hamas und Hizbullah.
Waffenlieferungen waren schwierig
„Wir sind stolz darauf, dass wir Hizbullah und Hamas unterstützen“, brüstet man sich in Teheran. Was die Iraner abgesehen von der lautstarken verbalen und - wie sie es nennen - „moralischen und spirituellen“ Unterstützung für Hamas tatsächlich beitragen, ist unklar.
Wenig ist sicher bekannt über die Verbindungen, die Anfang der neunziger Jahre begannen, als Israel Hunderte von Aktivisten des palästinensischen Ablegers der ägyptischen Muslim-Brüder in den Libanon auswies. Die Hizbullah, Anfang der achtziger Jahre mit Hilfe Teherans gegründet und bis heute auf das engste mit den iranischen Revolutionswächtern verbunden, nahm sich der Ausgewiesenen an. Geld, die Ausbildung der Kämpfer und Know-how für den Bau von Waffen - das dürften heute die wichtigsten Elemente der Zusammenarbeit sein, weniger tatsächliche Waffenlieferungen nach Gaza.
Diese sind schwierig, weil die allein über die Tunnel aus Ägypten erfolgen können, zu dem noch immer Iran keine vollwertigen diplomatischen Beziehungen unterhält. Aufhorchen ließ allerdings Anfang Januar die Warnung von Ali-Akbar Rafsandschani im Freitagsgebet, dass die Hamas panzerbrechende Waffen besitze.
Hilft der Konflikt bei den Wahlen?
Der Parlamentssprecher und frühere Atom-Unterhändler Ali Laridschani, der in der vergangenen Woche in Syrien, dem Libanon und Jordanien unterwegs war, hat den französisch-ägyptischen Plan für einen Waffenstillstand wenig überraschend als „vergiftetes Rezept“ abgelehnt. Teheran will keinen von Ägypten vermittelten Waffenstillstand, sondern setzt auf eine Niederlage Israels nach dem Vorbild des Sommers 2006 gegen die Hizbullah.
Ob die Hardliner um Präsident Mahmud Ahmadineschad bei den Präsidentenwahlen im Juni von der Verschärfung des Nahost-Konflikts profitieren können, ist fraglich. Die Mehrzahl der Iraner ist zwar äußerst kritisch gegen Israel, hält den Nahost-Konflikt aber nicht für eine vordringliche Aufgabe ihrer Regierung. Die solle sich lieber um die eigenen Angelegenheiten kümmern, hört man in Teheran. Und das sind vor allem die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Irans.
Christiane Hoffmann Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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