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Iran Straßenkehrer und Präsident

27.06.2005 ·  Vom Pionier der Revolution zum Held der Armen: Der Aufstieg des neuen iranischen Präsidenten Ahmadineschad, der nie von der Linie des Revolutionsführers Chomeini abgewichen ist.

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Im Irak-Krieg hatte Mahmud Ahmadineschad als Pionier an der Front die islamische Revolution verteidigt, als Teheraner Oberbürgermeister ist er zum Held der Armen aufgestiegen.

Nie ist er von der Linie des Revolutionsführers Chomeini abgewichen. Seine Wahl zum Staatspräsidenten der Islamischen Republik verdankt er gleichermaßen dem Bekenntnis zu den Idealen der Revolution wie der Unterstützung durch die „Mustazafin“, die Entrechteten. Nicht zuletzt deren Los zu bessern, waren einst die islamischen Revolutionäre angetreten. Die „Mustazafin“ sind arm und namenlos geblieben - wie Ahmadineschad, ihr neues Idol.

Mit seiner überraschenden Wahl zum neuen iranischen Staatspräsidenten tritt Iran nach dem Irak-Krieg in eine dritte Phase - nach dem wirtschaftlichen Wiederaufbau unter Präsident Rafsandschani (1989 bis 1997) und der gesellschaftlichen Liberalisierung unter Chatami (1997 bis 2005). Beide Phasen seien gescheitert, weil sie den Islam nicht einbezogen hätten, sagte Ahmadineschad während des Wahlkampfs. Nun trete er an, um wieder an die islamischen Wurzeln der Revolution anzuknüpfen.

Mann der idealistischen Vorstellungen

Gewählt worden sei Ahmadineschad, weil er die idealistischen Vorstellungen aus der Zeit der Revolution wiederbelebe, sagt Farsin Banki, Professor für Philosophie in Teheran. In der Volksmiliz (Basidsch), in der Ahmadineschad ideologisch groß wurde, sei die Devise ausgegeben worden, jedes Mitglied müsse für ihn zehn neue Wähler finden. Zum anderen sei er gewählt worden, weil er als Oberbürgermeister von Teheran unkompliziert praktische Lösungen gefunden habe, die das Leben der Armen erleichterten.

Begrenzt wurde dieser Pragmatismus dadurch, daß sich die Lösung innerhalb des Rahmens abzuspielen hat, den der Islam bildet. Als er die Verzugszinsen auf zu spät gezahlte Steuern und Gebühren abschaffte, habe er die „islamische Glaubwürdigkeit“ der Stadtverwaltung wiederhergestellt und zudem Nachzahlungen in Gang gebracht, mit denen er neue Projekte finanzierte, sagt Banki.

Der Fundamentalist und das Internet

Innenpolitisch hat Ahmadineschad nun drei Jahre Zeit, sich zu bewähren, denn 2008 finden die nächsten Parlamentswahlen statt. Erfüllt er bis dahin die Erwartungen seiner Wähler nicht, könnte es seinen Unterstützern ähnlich ergehen wie den glücklosen Reformern aus Chatamis Lager, die bei den letzten Wahlen eine Niederlage hinnehmen mußten. In der Vergangenheit tat jedoch Ahmadineschad immer das, was er angekündigt hatte. Scheitern wird Ahmadineschad im Zeitalter des Internets aber wohl mit seinem Versuch, die Gesellschaft völlig nach dem Islam auszurichten und alle Einflüsse abzublocken, die das verhindern. Nicht gelingen wird ihm auch, eine „rein islamische Herrschaft“ zu errichten, ohne pluralistische Vielfalt zuzulassen.

Bisher sei Ahmadineschad weitgehend ohne Licht gefahren, sagt ein iranischer Intellektueller. Nun stehe er erstmals wirklich im Rampenlicht und müsse sich beweisen und seine radikalen Positionen einem Test unterziehen. Zumindest zu Beginn hilft ihm seine hemdsärmlige Volksnähe. Als Teheraner Oberbürgermeister hat er sich gelegentlich unter die Straßenfeger gemischt und mit ihnen die Straßen gereinigt. „Ob als Straßenfeger, Bürgermeister oder Präsident - stets ist mein Ziel, dem Volk ehrlich zu dienen“, sagte er nun.

Mann aus einfachen Verhältnissen

Geboren wurde er 1956 als eines von sieben Kindern eines Schmieds. Er war ein Jahr alt, als die Familie von der Stadt Aradan, die in der Provinz Garmsar südöstlich von Teheran liegt, in die Hauptstadt zog. Von 1975 an studierte er an der Technischen Universität Normat im Osten Teherans Bauingenieurwesen. Er war Gründungsmitglied der Studentengruppe, die nach der Revolution die amerikanische Botschaft besetzte. Er gehörte auch der revolutionären „Vereinigung der islamischen Studenten“ seiner Universität an, die selbst die Macht hatte, Professoren zu entlassen.

Als Saddam Husseins Armee im September 1980 Iran überfiel, meldete sich Ahmadineschad an die Front. Er wurde Mitglied der „Sonderbonyad der Revolutionsgarden“ und erhielt 1986 eine Ausbildung für geheime Kommandoaktionen im Feindesland. Sie sollen ihn auch in die Region um das irakische Ölzentrum Kirkuk geführt haben. Daneben leitete er mehrere Stäbe der Revolutionsgarden entlang der westlichen Front.

Nach der Rückkehr aus dem Krieg beendete er sein Studium. Noch Ende der achtziger Jahre diente Ahmadineschad als Gouverneur der Städte Maku und Choi in der Provinz West-Aserbaidschan. Es folgten zwei Jahre als Berater des Gouverneurs der Provinz Kurdestan. Nach kurzer Tätigkeit als Berater im Hochschulministerium folgte 1993 der Auftrag, in der konservativen Stadt Ardebil im Nordwesten des Landes als Gouverneur die Verwaltung einer neugegründeten Provinz aufzubauen. Schon damals mischte er sich häufig unter die einfachen Leute. Unter anderem hatte er in Ardebil die Folgen eines verheerenden Erdbebens und von Überschwemmungen zu bewältigen. Schon dort erwies er sich als Organisationstalent.

Verkehrsplaner mit Doktortitel

Daneben forschte er weiter und wurde 1997 auf dem Gebiet der Verkehrsplanung promoviert. Im selben Jahr, in dem auch der Reformer Chatami zum Präsidenten gewählt wurde, schied er aus dem Verwaltungsdienst aus und begann an seiner Universität zu unterrichten. In Teheran stieg er in der radikalrevolutionären „Gemeinschaft der Opferbereiten für die Revolution“ zu einem führenden Aktivisten auf. Diese schloß sich 2003 mit anderen gleichgesinnten Gruppen zum losen Wahlbündnis „Abadgeran“ zusammen. Ahmadineschad wurde deren Spitzenkandidat für das Amt des Teheraner Oberbürgermeisters. Nicht zuletzt aufgrund eines Wahlboykotts der Reformer wurde er als Schlüsselfigur der „Neuen Rechten“ auf Anhieb zum Oberbürgermeister gewählt.

Als Verkehrsplaner verbesserte er den Verkehrsfluß Teherans - und als radikaler Islamist trennte er in den Gebäuden der Stadtverwaltung die Lifte nach Geschlechtern. Sein Versuch, Kulturzentren in Moscheen umzuwandeln, scheiterte am Widerstand der Regierung Chatami und der Kulturschaffenden. Er ließ aber Schnellrestaurants schließen und erregte Aufsehen, als er ein Werbeplakat des britischen Fußballstars Beckham abnehmen ließ. Dennoch kam er bei einem internationalen Wettbewerb, bei dem ein „Weltbürgermeister“ gesucht wurde, ins Finale unter 65 Kandidaten.

Ziel: Die Klassengegensätze aufheben

Ahmadineschad will nicht, daß sich die iranische Jugend an westlichen Beispielen orientiert. Sein Vorbild ist der iranische Sozialrevolutionär Radschai, der 1981 nach einer kurzen Amtszeit als Staatspräsident ermordet wurde. Ein Schlüsselerlebnis muß für Ahmadineschad gewesen sein, als er einmal in der spartanischen Einzimmerwohnung Radschais zu Gast war und sah, wie dieser mit einer halben Frikadelle und einem Stück Brot zufrieden war. Wie Radschai will Ahmadineschad den Armen dienen - und die Klassengegensätze aufheben.

Im Innern predigt und praktiziert Ahmadineschad Volksnähe und geht gegen Korruption vor. In seinen spärlichen außenpolitischen Äußerungen fordert er eine Stärkung der islamischen Welt. Im Sicherheitsrat müsse entweder das Vetorecht der fünf ständigen Mitglieder aufgehoben werden oder die islamische Welt müsse ein solches Vetorecht erhalten, forderte er jüngst. Die Muslime müßten frei und ohne Beschränkungen durch Visa in der islamischen Welt reisen können, wünscht er sich. Gegenüber „einigen arroganten Mächten“, die Irans Atomprogramm beschränken wollen, kündigte er an, Iran werde sich in seiner Präsidentschaft nicht deren Willen beugen. Damit sieht er sich in der Tradition des iranischen Ministerpräsidenten und Nationalisten Mossadegh, der 1952 den Einfluß des Westens ebenfalls beschränken wollte und die Ölindustrie verstaatlichte. Nach einem Jahr stürzten ihn amerikanische Einheiten in der „Operation Ajax“.

Quelle: F.A.Z., 27.06.2005, Nr. 146 / Seite 3
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