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Iran Seitenhieb auf den Präsidenten

01.02.2007 ·  Während des Aschura-Festes huldigt die islamische Welt Hussein, den ermordeten Enkel des Propheten. Irans Prediger nehmen die Feierlichkeiten zum Anlass, die Diplomatie Ahmadineschads zu kritisieren.

Von Ahmad Taheri, Teheran
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Von weitem leuchten vier Minarette und eine Kuppel in der Farbe des Goldes. „Haram-e Motahar“, das „reine Mausoleum“ des Imam Chomeini, des Führers der islamischen Revolution, liegt im äußersten Süden der Millionenstadt Teheran unweit der Autobahn in Richtung der heiligen Stadt Ghom. Die Ruhestätte von Ajatollah Chomeini, der im Sommer 1989 im Alter von 87 Jahren starb, gilt inzwischen als ein Heiligtum.

Eine neu errichtete U-Bahn verbindet das Zentrum der iranischen Hauptstadt mit dem Grabmal. Die Halle der Grabstätte ist karg eingerichtet. Die Decke ist nicht wie in anderen Heiligtümern mit Mosaiken oder Spiegeln bedeckt, sondern mit grauem Metall. Die Pracht war auch zu Lebzeiten des Ajatollahs nicht dessen Sache.

„Träne um Hussein“

Um halb neun ist der riesige Saal, in dem der Sarkophag steht, brechend voll. In schwarzer Kleidung sitzen die Männer und Frauen unter einem Dach, freilich getrennt. Es ist der heiligste aller Abende der schiitischen Welt - der neunte Tag des islamischen Monats Moharram. Dann folgt Aschura, der zehnte Tag, an dem Hussein, der Sohn des ersten schiitischen Imams Ali und Enkel des Propheten, mit einer kleinen Gefolgschaft in der Nähe von Kerbela im Irak von einem mächtigen Heer der Omaijaden niedergemetzelt wurde.

Das Drama am Euphrat ist das Paradigma der schiitischen Geschichte: „Jeder Tag ist Aschura, jeder Ort ist Kerbela“, skandierten die Massen in den Tagen der islamischen Revolution. Aschura bestimmt nach 1327 Jahren noch immer Brauchtum und Ritus der Schiiten. Der Tag ist die Quelle des schiitischen Märtyrertums. „Eine Träne um Hussein, und alle deine Sünden werden dir vergeben“, heißt es in der schiitischen Überlieferung.

Wörter rollten wie Erbsen über seine Zunge

Scharen von jungen Leuten, meist aus dem Süden Teherans, marschieren mit wehenden Fahnen in Schwarz und Rot als Zeichen der Trauer und des Martyriums am Heiligtum vorbei. Sie singen Klagelieder vom „Schicksal des Prophetenhauses“, begleitet von Trommeln und Pauken.

Drinnen hat der Prediger auf der fünften Stufe der Kanzel Platz genommen. Er sitzt im Schneidersitz. Der Gastredner ist kein Geringerer als Hodschatoleslam Hassan Rohani, der frühere Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates und Chefunterhändler im Atomstreit mit dem Westen. Dem Pragmatiker war es unter dem damaligen Präsidenten Chatami mit diplomatischem Geschick gelungen, die Weiterleitung des Atomstreits mit Iran an den Sicherheitsrat zu verhindern.

Der Mann im geistlichen Gewand beeindruckte die europäischen Gesprächspartner mit Kenntnissen der nuklearen Fachbegriffe. Wörter wie „Yellow Cake“, „Zentrifuge“ und „angereichertes Uran“ rollten wie Erbsen über seine Zunge, als hätte er in Ghom, der Hochburg der schiitischen Gelehrsamkeit, nicht arabische Grammatik, Exegese des Korans oder die Überlieferung der Worte und Taten des Propheten studiert, sondern Atomphysik.

Die Wahrheit liegt dazwischen

Heute, in der Nacht der Nächte, ist das Mitglied des höchsten Entscheidungsgremiums der Islamischen Republik, der Versammlung zur Feststellung der Staatsräson, in seinem eigentlichen Element. Er spricht über das Mysterium von Aschura. Schon nach einigen Minuten merken die Zuhörer, aus welchem Holz der Doktor der Philosophie mit grauem Bart, weißem Turban und schwarzem Gewand geschnitzt ist.

Über die Geschehnisse von Kerbela gebe es verschiedene Meinungen, sagt Rohani. Manche meinten, Hussein habe sich nach dem Martyrium gesehnt. Mit seinem sicheren Tod habe er die Omaijaden bloßstellen wollen, die es wagten, den Enkel des Propheten zu ermorden. Andere seien der Ansicht, so Rohani, dass Hussein mit seinem Tod die „Schiat Ali“ von ihren Sünden erlösen wollte. Und zuletzt gebe es auch die Vorstellung, Hussein habe es nach politischer Herrschaft gelüstet, denn er habe die Einladung der Leute von Kufa angenommen, die ihn zum Kalifen erheben wollten. Doch die Wahrheit liege dazwischen.

Bruderkampf verhindern

Der Omaijaden-Herrscher Yazid habe für seine Herrschaft eine Legitimation gebraucht. Er habe daher die Anerkennung durch Hussein benötigt, das Haupt des Prophetenhauses. Doch Hussein habe sich geweigert, einem Usurpator zu huldigen, der wegen unislamischer Lebensweise selbst von Sunniten verachtet wurde.

Aber er sei bereit gewesen, zur Ehre Gottes und dessen Propheten Opfer zu bringen, nachdem er „die Verhandlungen mit den Gesandten von Yazid erfolglos geführt hatte“. Er habe sogar mit seinem schlimmsten Feind Ibn Saad Gespräche geführt, auf dass es nicht zum Bruderkampf komme.

„Für unsere Kinder bleibt nur trockenes Brot

Diese letzten Worte sind ein Seitenhieb auf Präsident Ahmadineschad, der durch radikale Parolen alle diplomatischen Lösungen im Atomstreit vereitelt. Neben dem Besucher sitzt ein junger Mullah, der ständig Rohanis Worte wiederholt. Am Ende der Rede ruft er aus: „Er ist unser künftiger Präsident!“ Zustimmend nicken einige Leute mit dem Kopf.

In der Nacht der Nächte schlafen nur wenige Leute. Klagelieder ertönen überall aus Lautsprechern. In den Straßen und Gassen wird warmes Essen verteilt, Reis mit einer Art persischem Gulasch. Das „gesegnete Essen“ halten viele Iraner für ein Heilmittel gegen alle Krankheiten. Doch nicht alle Leute, die Schlange stehen, kommen wegen der „gesegneten Speisen“.

Viele wollen endlich ein warmes Essen bekommen. Ein Mann läuft von Stand zu Stand und lässt eine riesige Plastiktüte mit Essen füllen. „Der Präsident behauptet, er sei für die Armen“, sagt er. Er gibt aber unsere ganzen Gelder den Arabern. Für unsere Kinder bleibt nur trockenes Brot.“

„Kaum Platz, um eine Nadel auf den Boden zu werfen“

Am nächsten Tag beginnt Aschura, der Höhepunkt des Leidensweges Husseins. Die dreispurige Autobahn nach Ghom ist voll. Viele fromme Teheraner fahren in die heilige Stadt, wo Fatima, die Schwester des achten Imams Al Rheza, begraben ist. In den Straßen von Ghom ist viel Verkehr. Fast eine Million Pilger seien nach Ghom gekommen, sagt ein Polizist. „Es gibt kaum noch Platz, um eine Nadel auf den Boden zu werfen“, sagt er. Das ist eine persische Redewendung.

Alle Straßen zur Grabstätte von Fatima sind für Autos gesperrt. Das Heiligtum besteht aus mehreren goldenen Minaretten und einer goldenen Kuppel und ist von einem silbernen Gitter umgeben. Scharen von Polizisten sind unterwegs und versuchen die Straßen von Prozessionszügen freizuhalten.

Mit Eisenketten auf den Rücken schlagen

Gruppen schwarzgekleideter Männer mit ihren Fahnen und Standarten, worauf ihre Zugehörigkeit zu einer Gilde, einem Stadtteil oder einer Moschee geschrieben steht, marschieren zur Ruhestätte der heiligen Frau. Die Regierung hat die traditionelle Selbstgeißelung verboten. Auch die Bilder der heiligen Imame dürfen nicht gezeigt werden.

Verboten sind auch die Standarten. Sie wirkten wie das Kreuz der Christen, lautet die Begründung. Doch keiner hält sich an die staatlich angeordnete Form der Trauerfeier. Die bunten Poster von Hussein und seinem Halbbruder Abbas, der als Held von Kerbela gilt, werden überall verkauft. Und die „Kreuze der Christen“ werden wie seit Jahrhunderten getragen. Im Rhythmus der Trommeln schlagen die Männer mit Eisenketten auf den Rücken. Es sind aber keine heftigen Schläge. Man sieht keine Spuren von Blut.

Rotes Wasser als Symbol des vergossenen Blutes

Ein Zug singt Klagelieder auf Urdu - Schiiten aus dem pakistanischen Lahore. Schweigsam läuft eine Gruppe mit der afghanischen Trikolore. Die Männer sind Hizara, Schiiten mongolischer Herkunft aus den Tälern des Hindukusch. Auch Araber sind vertreten: Schiiten aus Bahrein mit dunkler Haut und langem weißem Gewand. Der Himmel ist der „Partei Alis“ wohlgesinnt. Während es in Teheran kalt und wolkig ist, scheint in Ghom die Sonne warm wie im Mai.

Am Nachmittag sind die Helden von Kerbela allesamt gefallen. Die Feier geht allmählich zu Ende. Nur ein Brunnen inmitten der Stadt spuckt aus einer Fontäne rotes Wasser als Symbol des vergossenen Blutes. Am Aschura, nach christlicher Zeitrechnung also etwa fünfzig Jahre nach dem Tod des Propheten, vollendete Hussein das erste und größte Schisma der Umma, der islamischen Gemeinschaft. Der blutige Zwist dauert bis heute an.

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